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Aktualisiert am 09.09.2010
© 2010 virto GmbH

Das ZeitHaus in Wolfsburg: Die Geschichte der Mobilität

VW Autostadt

Die Selbstdarstellung der Automobilindustrie in Form hauseigener Museen hat eine lange Tradition. Mercedes-Benz und Porsche haben ihren Fahrzeugbestand schon vor 25 Jahren in Hallen aufgereiht und der Öffentlichkeit kostenlosen Zugang gewährt. BMWs Museumsschüssel am Olympiagelände markiert die nächste Evolution zu einer gestalteten Präsentation der Fahrzeuge und der Firmengeschichte. Mercedes folgte dieser Entwicklung bald nach. Für Mercedes-, BMW und Porsche sind die Museen und Aktivitäten mit alten Fahrzeugen ein wichtiger Bestandteil der Image-Pflege. Geschichte ist ein Marketinginstrument, mit dem man sich von der Konkurrenz aus Fernost gut absetzen kann.

Opels Versuch, mit einem Vergnügungs- und Erlebnispark rund um das Thema Auto Geld zu verdienen, ist gescheitet. Die Idee, Produkte ohne Emotionen mit Disneyworld zu verbinden, findet offensichtlich keinen Markt. Ford fehlt bisher ganz mit einer Eigenpräsentation.

Volkswagen hat aus all diesen Ansätzen gelernt und mit der Autostadt in Wolfsburg ein attraktives architektonisches Ensemble geschaffen, daß der Bedeutung des Konzerns und seinem Anspruch gerecht wird. Immerhin hat man mit Audi, NSU, Skoda, Bugatti und Bentley Geschichte eingekauft, die sich hinter der von BMW oder Mercedes nicht zu verstecken braucht. Bei der Positionierung des Konzerns als weltweites Unternehmen mit Qualitätsprodukten kann diese Historie helfen.

Für den Geschichtsinteressierten ist das ZeitHaus in der Autostadt die erste Anlaufstelle.

Mit dem ZeitHaus ist eine Ausstellung entstanden, die eine von der Marke Volkswagen losgelöste Erlebniswelt bietet. Die Geschichte der Mobilität wird durch Produkte verschiedenster Hersteller erzählt.
Natürlich fällt es dank der Fülle an Marken und Produkten innerhalb des Volkswagen-Konzerns leichter, dem ZeitHaus zu einer breiten und interessanten Basis zu verhelfen. Schließlich verfügt der Konzern mit VW, Audi, Seat und Skoda Bentley, Bugatti, Lamborghini und dem LKW-Hersteller Scania über eine aktive und lebendige Markenwelt, die noch durch untergegangene Fabrikate wie Horch, DKW, Wanderer, Laurin & Klement und NSU ergänzt wird.

Dank dieses riesigen Fundus ist es in der Autostadt möglich, die Geschichte des Automobils spannend und umfassend zu erzählen.

VW Käfer 1936
 Die Replika des Käfer-Prototyps
wurde nach alten Fotos hergestellt.
Die Art, wie diese Ausstellung inszeniert wird, hat entscheidend mit der ungewöhnlichen Architektur des ZeitHauses zu tun. Gunter Henn schuf ein Gebäude, daß seine besondere Spannung durch die Verbindung aus einem geschlossenen Kubus und einem lichtdurchfluteten Setzkasten bezieht.

Der geschlossene Kubus erzählt die Geschichte der Mobilität und der Entwicklung des Volkswagen-Konzerns aus den kleinsten Anfängen zu einem Weltkonzern in verschiedenen Bildern und Inszenierungen. Der großzügig verglaste Setzkasten dient dazu, die auf drei Stockwerken im Kubus erzählte Geschichte mit einer Vielzahl von Fahrzeugen näher zu erläutern. Zwischen den beiden Blöcken ist der große Lichthof mit seinen Brücken und Gängen das Bindeglied, hier kann der Betrachter quer durch die Stockwerke und damit auch quer durch die automobile Historie blicken.

Die Geschichte der Mobilität fängt an interessant zu werden, wenn man das Objekt "Auto" in den Kontext der Zeitgeschichte stellt und dem Betrachter diesen Kontext erläutert. In diesem Umfeld vermag der Besucher dann auch zu verstehen, wie einschneidend das Automobil unsere Umwelt verändert hat. Deswegen wird im ZeitHaus über die Jahrzehnte hinweg die Kultur und der Zeitgeist der jeweiligen Epochen erläutert. Um diesen Bezug zu schaffen, finden die Besucher durch Musik, Kunst, Mode, Interiordesign, Exteriordesign, Werbung, Film, Fotografie, Fernsehen, Zeitschriften und Sport immer wieder Anknüpfungspunkte, die für ein besseres Verständnis des Automobils und seiner Kultur sorgen. Ein Bezug, der, von den frühen 50er-Jahren an, natürlich auch auf die Länder erweitert wird, in denen der Konzern weltweit produziert.

Dank der Vielfalt der im Volkswagen-Konzern vereinigten Marken kann der Betrachter mit der ersten Laurin & Klement Voiturette A (dem ersten Vorläufer der späteren Skoda-Modelle) von 1899, einem der ersten gebauten Horch-Modelle und einem der legendären Rolls-Royce Silver Ghost ein Gefühl für die Zeit gewinnen, in denen das Automobil laufen lernte.

Mit Henry Fords Fließbandmontage wurde das Auto, das bis dato nur wenigen Reichen vorbehalten war, zu einem festen Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft.
VW T1 (Bully) 1950
 VW T1 (Bully), der Käfer in Arbeitskleidung

Ferdinand Porsche schuf mit seiner Konstruktion des Käfers eine der großen Ikonen des Automobilbaus zu und so ist im Kubus auch der Prototyp des Käfers zu sehen: Mit dem Typ 60 begann der luftgekühlte Boxermotor seinen bis heute währenden Lebenslauf. Und hier ist auch das einzige 1938 gefertigte Käfercabriolet zu betrachten, das anlässlich der Einweihung des VW-Werks entstand.

Mit einem der ersten gebauten VW Busse von 1949 folgt einer der großen Würfe des noch jungen Konzerns, welcher einen entscheidenden Teil zum Aufbau der noch jungen Republik beitrug.

Dieses Stockwerk des Kubus beschließt dann eine Tankstelle der 50er-Jahre, in der ein Messerschmidt-Kabinenroller und ein paar Motorräder und Motorroller den Flair der Nachkriegsjahre beschreiben.

Das darunter liegende Stockwerk erläutert dann die Wandlung des Unternehmens zu einem weltumspannenden Konzern. Hier ist der erste im Ausland montierte Käfer (1950 in Irland) genauso wie ein frühes Exportmodell zu finden. Dies ist der Bereich, in dem das Wirtschaftswunder, der Erfolg am US-Markt, die Produktionsrekorde bei gleichzeitigen Preissenkungen sowie die beginnende Globalisierung des Unternehmens erläutert wird.

Es ist aber auch die Zeit, in der sich VW mit dem Erwerb von Audi neue Märkte und Techniken erschließt. Abwandlungen, die in der Form eines frühen Porsche 356, eines Formel-Vau-Rennwagens oder eines Dune-Buggies demonstriert werden. Ein Stockwerk, in dem aber auch noch zwei andere Kultobjekte der 60er-Jahre zu sehen sind: der faszinierender Lamborghini Miura, eine noch heute beeindruckende Skulptur auf vier Rädern sowie ein VW Käfer aus dem Besitz von John Lennon, der auf dem Cover von Abbey Road abgebildet ist.

Plattencover
 John Lennons weißer Käfer
steht heute im Zeithaus

Mit dem Golf entwickelte sich das Unternehmen endgültig zu einem Global Player. Als der legitime Nachfolger des Käfers muterierte auch er zu einem Kultobjekt. So thematisiert das unterste der drei Stockwerke des Kubus den radikalen Wandel des Unternehmens, welche die Ablösung des luftgekühlten Käfers durch den wassergekühlten Golf mit Frontmotor und Frontantrieb auslöste. Einer der raren Sportquattro zeigt, mit welcher Konsequenz die Unternehmenstochter Audi den Allradantrieb durchsetzte und parallel dazu demonstriert das Unternehmen mit einer Vielzahl an Motoren von drei bis 12 Zylindern, welche Bandbreite heute produziert und projektiert wird. Das Ende des Kubus bilden dann ein Bentley Arnage Red Label und eine Zukunftsstudie aus der technischen Entwicklung von VW.

In der weiteren Ausstellung werden, unabhängig vom Markenportfolio der Volkswagen AG, besonders schöne, bedeutende oder interessante Autos aus 100 Jahre Automobilgeschichte gezeigt. Mit dem riesigen 7,4-Liter-16-Zylinder-165 PS-Cabriolet demonstrierte Cadillac bereits 1930, dass die Lust auf Luxus schon immer existent war, und der Bugatti Typ 57 SC Atlantic stellt mit seinem Kompressor-3,3-Liter-Achtzylinder, 200 PS Leistung und seiner extravaganten Karosserie eines der schönsten Automobile aller Zeiten dar. Bemerkenswert sind aber auch die vielen Audi-, Wanderer- und Horch-Modelle oder der Bentley 3,5 Liter mit einer aerodynamischen Sonderkarosserie von 1935. Er stammt aus dem Besitz von Sir Roy Fedden, dem Chefkonstrukteur von Bristol Motors. Sir Roy Fedden war 1945 in der Roots-Kommission und riet von einer Produktion des Käfers ab.

Ein ganz besonderer Höhepunkt dieser Sammlung dürfte aber der Auto Union Grand Prix Typ C sein - mit diesen "Silberpfeilen" stellte die Auto Union AG 1936 bei den Grand-Prix-Läufen die große Konkurrenz zu den Grand-Prix-Fahrzeugen aus Stuttgart-Untertürkheim.


Natürlich bietet das ZeitHaus aber auch einen Überblick über kleinere Modelle: beispielsweise den DKW F1, mit dem die Serienproduktion von Zweitaktmotoren und Frontantrieb aufgenommen wurde. Die Käfer-Freunde können die seltensten Variationen ihres Lieblings betrachten: Hebmüller-Cabriolet, Stoll-Coupé, den unbesiegbaren Herbie oder den Käfer, der den Produktionsrekord des Ford-T-Modells schlug. Mit dem Mini oder dem Citroën 2CV können auch die beiden großen Rivalen des Käfers zum Thema Massenmotorisierung näher inspiziert werden.

Auch Liebhaber außergewöhnlicher Technologien kommen hier auf ihre Kosten: beispielsweise bei dem NSU RO 80, einer Limousine mit Wankelmotor, die bereits 1967 demonstrierte, wie elegant eine aerodynamisch wegweisende Form sein kann. Oder der große Oldsmobile Toronado, der 1966 mit seinem klaren Design und dem Frontantrieb in den USA Automobilgeschichte schrieb. Hier leistet der 7-Liter-Achtzylinder bei 4800/min 383 SAE-PS, womit das riesige und schwere Gefährt 217 km/h erreichte.

NSU RO 80 + Oldsmobile Tornado 1966
 Extreme: Avantgardistische Technik und Design im NSU RO80 und schiere Größe im Oldsmobile Tornado

Ein großes und ein kleines Filmtheater zeigen Filme, die Geschichte des Automobils und die Entwicklung des Motorsports dokumentieren. Wechselaustellungen ergänzen die Dauerschau mit aktuellen Themen.

In der "WerkStadt" können Schulklassen und Schüler sich selbst einen Einblick in die grundsätzlichen technischen Regeln erarbeiten. Hier werden Themen wie Strömungslehre, Aerodynamik und Mechanik erläutert. Leicht verständliche Beispiele und Lösungen, die sich die Kinder selbst erarbeiten können, sorgen dann dafür, dass das ZeitHaus zu einem attraktiven und pädagogisch wertvollen Ort wird, der Allgemeinwissen und mehr Verständnis für die Technik vermittelt und Faszination wecken soll.

Parallel zum ZeitHaus bleibt das VW-Museum in der Dieselstraße erhalten, das die von Volkswagen gebauten Modelle, vom Käfer und dem Typ 3 bis hin zum VW Bus dokumentiert. Audi leistet sich zudem ein eigenes Museum im Ingolstadt, in dem die Geschichte von Audi, ergänzt um die Marken der alten Auto Union, in einer dem Anspruch der Marke entsprechenden Auftritt, präsentiert wird.

(Text: Dieter Roßbach)
(Fotos:Volkswagen AG,General Motors, Ian McMillian )

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