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Vorsprung durch Technik
Anläßlich der Londoner "Earls Court Show" 1966 zeigte die kleine englische Manufaktur "Jensen Motors Unlimited" aus West Bromwich ein technisch spektakuläres Fahrzeug: Der FF Mk I war weltweit das erste Serienfahrzeug mit Vierradantrieb und ABS. FF bedeutet "Formula Ferguson" und ging auf die Harry Ferguson Ltd. zurück, die ihre Wurzeln im Landmaschinenbau hatte. Erstmals in Erscheinung trat die "Formel" beim britischen Grand Prix 1961. Jack Fairman fuhr den von einem 1,5l-Coventy-Climax-Frontmotor angetriebenen "Ferguson Project 99" mit Vierradantrieb und Maxaret-ABS (- der heute im Donington-Museum zu besichtigen ist). Die Konstrukteure Fred Dixon und Tony Rolt beabsichtigten, mit dem Monoposto die Vorteile ihres Antriebssystems für einen möglichen Einsatz im Serienfahrzeugbau deutlich zu machen.
Der grösste Erfolg dieses Rennwagens war der Sieg von Stirling Moss beim Gold Cup in Oulton Park, 1961. Einen weiteren Versuch, mit einem Ferguson-Vierradantrieb in der Formel 1 zum Erfolg zu kommen, unternahm B.R.M. 1964 beim Britischen Grand Prix. Nachdem sich Richard Attwood nicht qualifizieren konnte, brach man den Versuch ab und verkaufte den B.R.M. P67, der fortan bei Bergrennen eingesetzt wurde. Der Jensen FFSchon auf Basis des Vorgängermodells C-V8, dass von 1962 bis 1966 produziert wurde, war der vierradgetriebene Prototyp P66 entstanden. Dieser ging allerdings nicht in Serie. Da aber schon Prospekte gedruckt waren, kann man davon ausgehen, dass ursprünglich an eine Serienproduktion gedacht war.
Diese war dem neuen Interceptor vorbehalten, der in der Basisversion mit konventionellem Hinterradantrieb angeboten wurde. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dessen Hülle aus Glasfaser bestand, wurde hier die Rohrahmenkonstruktion mit Stahlblech in Form gebracht. Der FF unterschied sich formal von der Basisversion: Durch zwei Lüftungsschlitze an der Seite, einem längeren Radstand, einer etwas breiteren Spur und einer schmalen Lufthutze auf der Motorhaube. Die Front war circa zehn Zentimeter länger als die des konventionell angetriebenen Fahrzeugs. Zudem war der Motor höher und weiter hinten montiert sowie etwas zur Seite geneigt, um Platz für die zusätzlichen Antriebselemente zu schaffen. Das handgefertigte Fahrzeug, dass 1966 vorgestellt wurde, war, wie bei Jensen seit 1962 üblich, mit einem Chrysler V8 ausgestattet. Die Kraftübertragung erfolgte mittels einer Dreigangautomatik: 6,3-Liter Hubraum, 325 PS und 1727 kg Gewicht sorgten für ansprechende Fahrleistungen. Nach 8 Sekunden waren die 100 km/h erreicht und die Höchstgeschwindigkeit betrug ca. 225 km/h. Die von Vignale gezeichnete Karosserie zeigte Verwandschaft zu italienischen Grand Tourismo wie den Iso Rivolta. Vor allem die ganz aus Glas bestehende und bis auf die Gürtellinie reichende Heckklappe sorgte für den formal eigenständigen Auftritt des Interceptor. Die ersten 10 bis 20 MK I wurden in Mailand gebaut und unterschieden sich in Details von den späteren aus West Bromwich, wobei die Übergänge fließend sind. Trotz des Coupe-Aufbaus war der FF ein vollwertiger Viersitzer. Die Ausstattung des Innenraums folgte britischen Traditionen: Connolly-Leder, Holzapplikationen und hochwertige Teppiche sorgten für die Behaglichkeit, die man von englischen Fahrzeugen erwartet.
Sein Preis war mit 6018 Pfund Sterling etwa 1500 Pfund höher als der Preis für die zweiradgetriebene Variante oder einen Aston Martin DB 6 (Preise von 1967) Das Ferguson-SystemDer vierradgetriebene Interceptor FF erforderte zusätzlich zum Hinterradantrieb ein Differentialgetriebe für die Verteilung der Motorleistung zwischen Vorderachse und Hinterachse, zusätzlich einen Vorderradantrieb mit Differential und Gelenkwellen und ein Kontrollgetriebe für die Begrenzung des Antriebsschlupfs. Zusätzlich wurde ein mechanisches Dunlop-Maxaret-Antiblockiersystem installiert, dessen Vorläufer aus dem Flugzeugbau stammten. Ferguson verteilte die Antriebsmomente zu 38 Prozent auf die Vorder- und 62 Prozent auf die Hinterachse, weil diese beim Beschleunigen stärker belastet wurde. Durch das geringere Moment auf der Vorderachse wurde so die Lenkbarkeit nicht negativ beeinträchtigt. Die Aufgabe des Differentialgetriebes war, die Verteilung der Motorleistung so zu steuern, dass eine effektive Abgabe der Antriebskräfte auch bei leicht durchdrehenden Rädern erfolgt. Erst diese komplizierte Überwachung der Antriebskräfte ermöglichte ein gutes Fahrverhalten.
Das Steuerdifferential enthielt ein Planetengetriebe und zwei selbstsperrende Kupplungen. Eine dieser Kupplungen ermöglichte den Vorderrädern eine 15 - 20 Prozent höhere Drehzahl als den Hinterrädern. Die andere begrenzte die Drehzahlerhöhung der Hinterräder auf maximal 5 Prozent. Das sorgte für den notwendigen Drehzahlausgleich bei unterschiedlichen Raddurchmessern etwa durch verschiedene Profilhöhen. Wurden die vorgegebenen Grenzen überschritten griffen die Kontrollkupplungen korrigierend ein. Unabhängig vom Vierradantrieb arbeitete das mechanische Dunlop-Maxaret-ABS. Aus dem Drehzahlunterschied zwischen Schwungmasse und ABS-Fühler zog das Gerät seine Informationen. Zur Steuerung des Bremsleistungsdrucks wurde kurzzeitig die Wirkung des Bremskraftverstärkers erhöht, bis die Bremsen wieder die Räder freigaben. Sofort nach dem erneuten Rollen der Räder wurde der Bremsdruck wieder nahe an den Blockierpunkt gebracht. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrmals pro Sekunde. Diese Pumpwirkung hielt die Räder an der Blockiergrenze und sorgte für die bestmögliche Verzögerung. Der Grenzbereich zeigte sich durch ein starkes Pulsieren des Bremspedals. (Neben dem Jensen wurden auch eine Reihe von Ford-Modellen wie Mustang, Fairlane, Torino, Capri und Zodiac mit dem Ferguson-System ausgerüstet.) Aufgrund dieser fortschrittlichen technischen Spezifikationen wurde der Jensen FF 1967 von der Zeitschrift "CAR" zum Auto des Jahres gewählt.
Insgesamt wurden 320 Fahrzeuge gebaut. Dies erscheint selbst im Vergleich zu den insgesamt 19.000 gebauten Jensen als wenig. Die Gründe dafür liegen sicher im sehr hohen Preis und in der geringen formalen Abgrenzung zum Standard-Interceptor. Durch die versetzte Anordnung von Motor und Getriebe schrumpfte der Innenraum im Vergleich zur heckgetriebenen Variante. Den entscheidenden Anteil am wirtschaftlichen Mißerfolg hatte die Tatsache, daß der FF nur als Rechtslenker gebaut werden konnte. Der Vorderrad-Antriebsstrang wurde an der linken Seite des Motors vorbeigeführt und das vordere Differential war nach links versetzt. Dies machte die Installation von Lenkung, Pedalerie und Instrumenten auf der linken Seite des Cockpits unmöglich. Damit war der wichtige US-Markt für Jensen verloren. Zudem man machte finanzielle Verluste mit dem Auto, weil die individuelle Anpassung der Ferguson-Kraftübertragung aufwendige Handarbeit benötigte. 1971 beendete Jensen mit den 15 Fahrzeugen der Mark III-Reihe die Geschichte des FF. We would like to thank Mr Keith Andrews (Jensen Owners Club) for his generous support.
(Text: Rainer Rossbach) |
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