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Aktualisiert am 09.09.2010
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La Quatrelle: 40 Jahre Renault 4
R4 Varianten
 R3 und R4-Varianten

1956 wurden bei Renault die Weichen neu gestellt, ein Nachfolger des erfolgreichen 4CV mußte konzipiert werden.

Pierre Dreyfus, damals Vorstandsvorsitzender der Renault S.A., hat die zündende Idee, als er in der Zeitung einen Bericht über die demografische Entwicklung in Frankreich liest. Ihm ist sofort klar, dass ein Auto wie der R4 viele Menschen ansprechen würde und die Bedürfnisse unterschiedlicher Personen erfüllen könnte, von der jungen Familie bis zum Rentner-Ehepaar.

Dreyfus´ Auftrag an seine Entwicklungsingenieure ist radikal: Er stellt grundsätzlich alle bislang üblichen Konstruktionsprinzipien in Frage – das Vorgängermodell 4CV hatte Heckmotor und Hinterradantrieb – und löst damit intern heftigsten Widerstand aus. Doch die Vorgabe, mit völlig freiem Kopf und einem leeren Blatt Papier das Auto quasi neu zu erfinden, erweist sich als einzig richtiger Weg. Der Erfolg der Citroën DS 1955 und des Austin Seven, später Mini genannt, wird diese mutige Entscheidung sicher unterstützt haben.

Die Ingenieure nehmen das Konzept des Citroën 2CV und verbessern konsequent seine Schwachstellen: der R4 erhält eine große Heckklappe und einen wassergekühlten Vierzylindermotor.

Zwei Jahre wird and Vorstudien gearbeitet, dann ist die Entscheidung zum Bau des "R4" gefallen. Im Herbst 1959 gehen die ersten Prototypen auf Erprobungsfahrt. Aber erst zur IAA 1961 wird das nun fertige Serienauto der Öffentlichkeit vorgestellt.

Damit präsentiert Renault einen der Höhepunkt der Automobilaustellung in Frankfurt.

Nach der Estafette, die für sich reklamieren kann, Renaults erstes Serienfahrzeug mit Frontantrieb zu sein, folgt nun hier der erste PKW.

Der R4 ist das erste Volumenmodell, das auf einem Baukastensystem mit Plattformstrategie basiert. Die Karosserie wird mit dem Rahmen verschraubt, deshalb lassen sich schnell und kostengünstig verschiedene Versionen realisieren:

R4 Parisienne
 R4 Parisienne

Der R4 "Export" erhält eine Heckklappe mit oben angebrachten Scharnieren sowie neue Sitzpolster. Einzelliegesitze sind gegen Aufpreis verfügbar. Der R4 "Parisienne" übernimmt die gleiche Technik, besitzt aber Schotten- oder Rohrgeflechtmuster auf den Türen. Die Firma Sinpar schließlich liefert den R4 "Sinpar 4x4", mit Allradantrieb eignet er sich auch für schwieriges Gelände.

Der minimal ausgestattete R3 wird nur bis 1962 angeboten. Er hat weniger Leistung und die hintere Fenster fehlen, ein reines Arbeitstier, daß aber gegen den ohnehin schon preiswerten R4 nicht bestehen kann.

1965 wird der "R4" offiziell in "Renault 4" umgetauft. 1969 debutiert der
"Plein Air", ein Fun-Cabrio ohne Türen, 1970 folgt , als Antwort auf den Citroën Mehari, das Freizeitmobil "Rodeo" mit eigenständig gestalteter Kunststoff-Karosserie.

Bei kompakter Außenlänge bietet das Standardmodell Platz für fünf Erwachsene sowie deren Reisegepäck. Das Kofferraumvolumen von mindestens 255 bis maximal 950 Litern kann sich auch heute noch sehen lassen. Vier Türen sind serienmäßig, die große Heckklappe ebenfalls.

Die üppige Gesamthöhe von 1,55 ermöglicht eine aufrechte, bequeme Sitzposition und schafft so mehr Bewegungsfreiheit und Stauraum

Ein völlig ebener Wagenboden und der Verzicht auf den Mitteltunnel erlaubt darüber hinaus vielfältige Innenraum-Variationen. Zudem ist der R4 das erste Serienauto, bei dem sich die Rückbank komplett zusammenfalten und nach vorn klappen lässt. Das Resultat ist ein gut nutzbarer, quaderförmiger Laderaum mit 950 Litern Volumen. Zwischen den Vordersitzen stört weder ein Schalt- noch ein Handbremshebel, so dass Mitfahrer leicht von links nach rechts durchsteigen.

R4 Rodeo
 R4 Rodeo
R4 Idylle
 R4 Idylle

Möglich macht dies ein weiterer genialer Kniff: die vom Volksmund liebevoll "Revolverschaltung" getaufte Schiebestock- Betätigung des Getriebes. Einzig in Italien ist die Revolverschaltung manches mal von Nachteil. Heftig gestikulierende Beifahrer können den eingelegten Gang leicht herausschlagen, wie ein Freund mit R4 nach seinem Italienurlaub berichtete.

Auch die Fahreigenschaften halten noch heute einem Vergleich mit modernen Modellen jederzeit Stand. Dabei hilft dem R4 ein genialer Kniff: Sein kompakter Vierzylinder-Reihenmotor wurde weit in Richtung Wagenmitte nach hinten verschoben montiert. Es handelt sich um ein Front-Mittelmotor-Prinzip. Die Vorteile lassen sich im Wortsinn "erfahren": Der günstige Schwerpunkt und die neutrale Gewichtsverteilung ermöglichen ein narrensicheres und gleichzeitig sehr sportliches Fahrverhalten.

Einzeln aufgehängte Hinterräder verbessern zudem den Fahrkomfort und die Spurstabilität. Der R4 bleibt auch in zügig angegangenen Kurven lange neutral und überrascht seinen Piloten nie mit unangenehmen Fahrreaktionen. 1961 ist das sensationell – nicht nur im direkten Vergleich mit den "Heckschleudern" vom Kaliber eines VW Käfer, Simca 1000 oder Renault Dauphine, die damals den Kompaktwagenmarkt dominieren. Der R4 ist außerdem sehr handlich und lässt sich ausgesprochen präzise dirigieren, ein Verdienst der wartungsfreien Zahnstangenlenkung.

Später R4
 Später R4
R4 Fourgonette F4
 Fourgonette F4

Aus den Erfahrungen der umfangreichen Testreihen resultieren wesentliche Verbesserungen: Der Vierzylinder bekommt erstmals ein geschlossenes und damit wartungsfreies Kühlsystem. Druck- und Temperaturausgleich erfolgen mittels eines separaten Behälters und frostsicherer Dauerbefüllung. Das zuverlässige System wird später für alle Renault-Modelle übernommen. Die bislang üblichen Schmiernippel entfallen, der R4 braucht keinen Abschmierservice mehr. Die Wartungsintervalle können deshalb kundenfreundlich verdoppelt werden. Der R4 muss ab 1988 nur alle drei Jahre bzw. alle 50.000 Kilometer zur großen Inspektion.

Bescheiden bleibt der R4 auch in Sachen Motorleistung. Bei einem Hubraum von 747 cm3 bis 1.108 cm3 werden 23 bis 34 PS geboten. Gut 120 km/h Spitzentempo sind mit dem stärksten Triebwerk möglich und machen den Wagen in seiner Zeit fernreisetauglich.

In den beiden Ölkrisen 1971 und 1973 zählen dann noch andere Werte des R4: Mit geringen Durchschnittsverbräuchen von 5,4 bis
6,5 Liter Benzin pro 100 Kilometer bietet der R4 eine der preiswertesten Möglichkeiten ein vollwertiges Auto zu fahren. Die Verkaufszahlen entwickeln sich entsprechen, der R4 erreicht allein in Deutschland einen Marktanteil von rund vier Prozent. Während seiner gesamten Laufzeit entscheiden sich hier zu Lande mehr als 900.000 Autokäufer für den R4; mehr als elf Prozent der Gesamtproduktion fließt damit in die Bundesrepublik.

Das neue Konzept erweist sich als so genial, daß über die Jahre kaum Modifikationen erforderlich sind: Fast unverändert läuft der R4 genau 31 Jahre lang vom Band, neben kleinen kosmetischen Korrekturen, die die äußere Erscheinung aktuell halten und einem moderaten Leistungszuwachs sind nur die Umstellung auf ein Vierganggetriebe 1968 und die Einführung der 12V-Elektrik 1971 zu vermerken. Selbst seinen Hang zur Korrosion in nicht wirklich ein Makel, ein neuer Unterboden war für weniger als 100DM zu haben und leicht einzuschweißen. So überlebten mehr R4 ihre wartungs- und pflegefeindlichen Besitzer als Fahrzeuge der Konkurrenz. Bemerkenswert ist die Geschichte von Jürgen Ludwig aus Mönchengladbach, der seinen aktuellen R4 1988 für 10.500 DM als Neuwagen kaufte und bisher 448.000km damit zurücklegte, mit ersten Motor und Getriebe und im Alltagseinsatz. Der R4 beweist sich in der richtigen Hand also durchaus als echtes Langzeitauto und manch einer wird doch fragen müssen, ob der frühe Tod seines Fahrzeugs nicht doch daran lag, das es nicht liebevoll genug gepflegt und genutzt wurde.

Jaques Tati: Trafic
 Filmplakat

Neben der fünftürigen Limousine gab es den Kastenwagen Fourgonnette, der nur einen Monat später vorgestellt und ab 1962 produziert wird, ab 1965 auch als Break Vitrée mit hinteren Seitenfenstern und optionaler Sitzbank im Heck, ab 1974 zusätzlich in einer Langversion. Das besondere ist die "Leiterklappe" über der Hecktür, die es erlaubt, lange Gegenstände sicher zu transportieren.

Jaques Tati hat diesem Auto mit dem Film "Trafic" von 1971 ein schönes Denkmal gesetzt. Die blaue Fourgonnette läßt sich ausziehen, um Platz zum Schlafen zu schaffen, Dusche, Rasierapperat im Hubknopf, der Grill wird seinem Namen gerecht, er kann abgeklappt werden und wird von einem in die Stoßstange integrierten Strahler erhitzt. Ein Lichtkuppel sorgt für Stehhöhe und Holzimitationen im Stile eines "Woody" veredeln die Karosserie. "Trafic" ist sicher nicht der beste Film Tatis, aber er ist im besten Sinne französisch und dem Sujet gemäß voller Autos der späten sechziger und siebziger. Gerade im Vergleich mit heute zeigt sich, wie viel französicher Frankreich zu dieser Zeit war, auch auf der Straße.

Kurious sind die Sporterfolge des R4. Die Gebrüder Marreau beenden die Erstauflage der heute weltberühmten Marathon-Rallye "Paris–Dakar" 1979 mit einem allradgetriebenen Renault 4 "Sinpar 4x4" als Zweite der Automobilwertung, um im Jahr darauf dritte zu werden.

R4 Sonderform
 R4 Sonderaufbau

Heute ist der R4 ein Klassiker, den eine engagierte Sammlergemeinde pflegt und restauriert. In Deutschland sind noch 9.346 Exemplare ganzjährig mit einem Standardkennzeichen zum Verkehr zugelassen. Aber er wird noch nicht von allen als richtig altes Auto zur Kenntnis genommen wird. Beim Festival of Speed versah ein R4 Fourgonnette der ersten Serie brav seinen Dienst, leicht verblichen zwar, aber nicht verschlissen, während viele der bewunderten Preziosen um ihn herum deutlich jüngeren Datums waren und längst behütet in Museen stehen.

(Text: Dieter Roßbach )
(Fotos: Renault Presse , Dieter Roßbach )

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