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Marketing und Weidezäune 21. 4. 2002
Mittlerweile werden alle Themengebiete, die entweder gut fürs Image oder für die Geschäfte sind, von Marketingspezialisten mit Beschlag belegt. So war auch auf der diesjährigen TechnoClassica in Essen zu beobachten, dass die Oldtimer-Szene eine neue Bewertung durch die Automobilindustrie erfährt. Traditionell sind Mercedes-Benz, BMW und Audi mit thematisch klug präsentierten historischen Fahrzeugen vertreten. Mercedes stellte dieses Jahr die SL-Geschichte dar und musste deshalb ( - natürlich der Vollständigkeit halber !) auch das aktuelle Produkt zeigen. Ein Trend, den auch Citroën, Peugeot und Renault nicht verpassen wollten. Unter die alten Schätzchen der jeweiligen Clubs hatten sich Neuwagen vom Typ C3, 307 SW und VelSatis geschmuggelt. Da stellt sich die Frage, ob die Verantwortlichen die Zielgruppe ernst nehmen. Gibt es etwa in den Sammlungen dieser Hersteller keine interessanten Studien oder historisch wertvolle Automobile? Da machte der Auftritt der Wolfsburger Autostadt schon mehr her: In einem Kino wurden Filme über die Geschichte der selbstgesteuerten Mobilität gezeigt - und ein schöner früher Lamborghini Countach stand neben einem erneuerungsbedürftigen viersitzigen Rometsch-Porsche, der nächstes Jahr in neuem Glanz an gleicher Stelle gezeigt werden soll.
Dass Hersteller interessante Fahrzeuge ausgraben können bewies BMW mit dem Frua 2002 GT4, den der italienische Karosserieschneider 1966 auf Basis des 2000 ti baute. Nachdem die Bayern Glas übernommen hatten und damit ein traditioneller Kunde der Italiener ausfiel, versuchte man über diese Studie mit dem Münchner Stammhaus ins Geschäft zu kommen. Im Umkreis von BMW waren aber noch weitere interessante Exponate zu sehen. Der Chemiekonzern Bayer entwickelte 1968 auf der Basis des 2000 ti eine Studie, die die Frage nach der Machbarkeit einer selbsttragenden Karosserie ausschließlich aus Kunststoff beantworten sollte. Neben dem auf der TechnoClassica gezeigten Fahrversuchsträger aus dem Deutschen Museum in München produzierte Bayer noch einen Fastback sowie ein Schnittmodell. Eine wirkliche Rarität zeigte Movendi mit der Talbot-Lago "Dupont"-Barchetta, die ein Schwanengesang der traditionsreichen Marke war. Aus den Restbeständen der 1957 aufgelösten Firma entstanden vier Fahrzeuge, von denen eines in Essen gezeigt wurde. Ebenfalls selten ist der Lancia Flaminia Zagato ( I. Serie), von dem nur 150 Stück aufgelegt worden waren.
Bei den Minis stand neben einem Mini Marcos ein Cox GTM auf Mini-Basis mit Mittelmotor. 1967 von Bernhard Cox auf der Londoner Racing Car Show vorgestellt, wurden Fahrzeuge dieses Typs bis 1998 vertrieben. Bei 595 kg Gewicht reichten 90 PS aus 1275 ccm für eine Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h. Lukas Hüni zeigte mit einem Ferrari 250 LM von 1964 Hochwertiges. Die 32 gebauten Exemplare dieses Typs waren mit einem 3,3 Liter-V12-Mittelmotor mit 320 PS versehen und sind die letzte Ferrari-Baureihe, die zum Renneinsatz auf der eigenen Achse anrollen konnte. Ebenfalls beeindruckend: der vierradgetriebene Bugatti T 53 von 1932 in traditionellem Blau, dessen 4,9 Liter-Kompressor-Maschine ca. 300 PS leistete. Diese technische Konzeption war ihrer Zeit so voraus, dass die Idee erst 1961 von Fergusson wieder aufgegriffen wurde.
Neben einem perfekten Lamborghini Miura in rot-goldenem Trimm gab es eine wirkliche Rarität aus dem transatlantischen Zwischenreich zu sehen: Eine DeTomaso Mangusta, natürlich mit Ford V8, dürfte mittlerweile eines der seltensten Fahrzeuge des Planeten sein. Die Präsentationen der Markenklubs erreichten dieses Mal leider nicht das Niveau füherer Veranstaltungen. Positiv ragte der Tatra-Klub hervor, der mit einem Unfall-V8 und allerlei authentischem Warnzubehör eine stimmige Situation zur Darstellung brachte. Negatives Beispiel war der Stand amerikanischer Strassenkreuzer-"Freunde", die sich hinter einem unter Strom gesetzten Weidezaun verbarrikadierten. Besser kann man den Besuchern nicht klar machen, dass man nicht an einem Kontakt interessiert ist. Hier wäre mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität des Veranstalters vonnöten gewesen. Aber zuviel Kritik wäre übertrieben. Wie jedes Jahr ist die TechnoClassica eine faszinierende Fundgrube: Viele seltene und interessante Fahrzeuge, aber auch das breite Angebot an Automobilia, machen den Besuch zu einem Erlebnis. Und wo kann man sich schöner auf die Saison einstimmen als in Essen, wo Jahr für Jahr eine qualitativ überzeugende Veranstaltung auf die Beine gestellt wird? (Text: Rainer Rossbach ) |
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