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Chevrolet BelAir: Zwischen Retro und Innovation
23.12.2002
Viele Enthusiasten erinnern sich mit Begeisterung an die von 1955 bis 1957 gebauten Chevrolet Bel Air. Deren Eindruck war so nachhaltig, dass sich die Formensprache dieser Baureihe bis in die Niederungen von Opels bürgerlicher Limousinen-Kultur auswirkte. In den vorderen stehenden Kotflügeln befanden sich Rundscheinwerfer, der aggressiv wirkende ovale Kühlergrill sorgte für die nötige Souveranität und zwei hohe Finnen im Heck beherbergten die Rückstrahler. Zweifarbenlackierung und formale Zitate aus dem Design von Düsenjets sorgten für die nötige formale Verfeinerung. Eine grosse Tradition also, aus der sich trefflich neue Imageträger entwickeln lassen sollten. So stellten auch Chevrolets Formgestalter auf der NAIAS 2002 in Detroit ihre Vorstellung zu einer Bel Air-Neuauflage vor. Der Neue sollte die Mitte der 50er Jahre gebauten Chevys auf zeitgenössische Weise interpretieren, denn das 55er Vorbild verbesserte das Image Chevrolets mit seinem Styling und seinem Antrieb über Nacht. Eine Imageverbesserung, die die amerikanische Marke heutzutage mit dem spektakulären Pick-Up Chevrolet SSR angestoßen hat. Das zweitürige 2002er Bel AirKonzept möchte die amerikanische Philosophie vom Fahren ähnlich interpretieren wie das Vorbild: durch Styling, Leistung und einem speziell dafür konstruierten Motor. In der Formgebung wurden ähnliche fließende Linien angestrebt wie beim Original, ohne vierzig Jahre Fortschritt leugnen zu wollen. Wo der Ahn jedoch als Archetypus auftritt zeigt der Nachfahre gemäßigte Retrolinien.
Die moderne Karosserie mit einer markentypischen Zierlinie und einer passenden Ausstattung sollen dem Fahrzeug ein geschmeidiges Aussehen geben. Und mit seinem etwas höheren Profil und dem höher gelegenen Fahrersitz soll das Fahrzeug das Gefühl des Komforts, der Übersicht und des einfachen Ein- und Aussteigens widerspiegeln, wie man ihn von den Abmessungen der Autos in den 50er Jahren gewohnt war. Das Markenemblem Chevrolets befindet sich im ovalen Kühlergrill des Bel Air und fünfspeichige Aluminiumfelgen mit 18 Zoll Reifen sollen den sportlichen Look des Fahrzeugs betonen. Allerdings erschöpft sich der Einfluß des alten Bel Air auf einen sanften Hüftschwung im Heck und den seltsam gestrippt aussehenden Kühlergrill allenfalls das Design der Felgen lässt den Geist der "Musclecar"-Ära ahnen. Das Innenraum-Konzept des heckgetriebenen Fahrzeugs zeigt sich im Design von seinem 50er Jahre Vorgänger inspiriert. Vor der traditionell durchgezogenen Sitzbank befindet sich im konsequent rot durchgefärbten Armaturenbrett eine Instrumentenanzeige im Stil der Fünfziger. Auch das rote Lenkrad greift mit seinem verchromten Hupenring zeittypische Einflüsse auf und die Gänge werden natürlich mit einer Lenkradschaltung gewechselt. Was aussieht wie Retro entspricht jedoch dem derzeitigen Stand der Automobilfertigung: Die Sitze sind mit weichen Hi-Tech-Stoffen bezogen, in Farben, die der Wagenfarbe angeglichen sind. Die Frontsitze lassen sich nach vorn verschieben, um den Einstieg nach hinten zu erleichtern.
Aber die Angleichung des Konzeptfahrzeugs an das Vorbild soll noch weiter reichen: Die Legende wird auch unter der Motorhaube fortgeführt. Der Short-Block-Chevrolet V8 des 1955er Modells bot damals moderne Konstruktionsmerkmale und setzte einen Markstein in Leistung und Lebensdauer. Der Motor für das Bel Air Konzept verwendet ebenfalls zeitgemässe Technologie, um erschwingliche, effiziente Leistung zur Verfügung zu stellen. So wird der neue Bel Air wird von einem turbogeladenen 3500-5-Zylinder-Reihenmotor angetrieben, der auf den Reihenmotoren der GM-Mittelklasse-Geländefahrzeuge (SUVs) basiert. Vollständig aus Aluminium gefertigt leistet der Motor bis zu 315 PS und ist mit der GM HydraMatic 4L60-E verbunden, einem elektronisch gesteuerten Vier-Gang-Automatikgetriebe. Der Motor wird von den GM-Verantwortlichen als richtungsweisend sowohl in wirtschaftlichen wie auch in Hochleistungsaspekten angesehen. Strukturelle Basis des Cabriolets ist eine Neuinterpretation der überlieferten Rahmen-Konstruktionen, wobei die gleiche Technologie verwendet wird, die auch bei der Corvette und den neuen Mittelklasse-SUV von GM verwendet wird. Der hydrogeformte Rahmen sorgt für Stabilität in einem leichten Karosseriepaket und soll zu ausgezeichnetem Fahrkomfort und gutem Handling führen.
Die Chevrolets zwischen 1955-57 boten frisches, aufregendes Design, leistungsstarke, verlässliche Motoren und geräumige Innenräume zu einem günstigen Preis und sind noch immer unter Fahrzeugsammlern gefragt. Das Bel Air Konzept soll nach dem Willen seiner Erbauer für eine neue Generation von Autofahrern eine Neuinterpretation des klassischen amerikanischen Automobils der fünfziger Jahre entstehen lassen. Wo jedoch das Vorbild mit Präzision, Persönlichkeit und auch Exzentrik aufwartet, verliert sich der Nachfahre in beliebigen und weichgespülten Retrozitaten. Daþ die Chevrolet-Designer es besser können beweist der jetzt in Produktion gehende, radikale Chevrolet SSR.
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(Text: Rainer Rossbach ) (Bild: GM) |
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