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Aktualisiert am 31.12.2011
© 2011 virto GmbH
Venezia!: Der Westen leuchtet

10.12.2002

San Marco, 1200
CAD-Rekonstruktion der Piazza San Marco in der Zeit 1200

Diese Ausstellung versammelt bis zum 12. Januar 2003 die schönsten venezianischen Sammlungen vom 13. bis 19. Jahrhundert in ihrer ganzen Vielfalt, Qualität und Originaliät. Viele Hauptwerke venezianischer Kunst von Giorgione, Tizian, Tintoretto, Veronese oder Tiepolo können in Bonn in ihrem ursprünglichen Sammlungskontext bewundert werden. Die Ausstellung schlägt einen Bogen von den mittelalterlichen Kostbarkeiten der Schatzkammer von San Marco bis zu den Stoffen, Gemälden und Theaterdekorationen aus dem Atelier des letzten venezianischen Sammlers Mariano Fortuny.

Seit Menschen während der Völkerwanderungszeit im vierten Jahrhundert das Festland verliessen und auf den Inseln der Lagune Schutz suchten, war Venedig ein Zwischenreich: Zwischen Wasser und Himmel, zwischen dem Osten und dem Westen, zwischen Republik und Monarchie. Als La Serenissima - die Allerdurchlauchtigste - verehren die Venezianer seit jener Zeit ihre Stadt. Mehr als 1000 Jahre war Venedig unabhängig und in dieser Zeit veränderten sich die politischen Strukturen kaum. Regiert von einem gewählten Dogen aus den Reihen der Adelsfamilien, die die tatsächliche politische Macht in den Händen hielten, verbanden sich in der Staatsform republikanische und monarchische Elemente. Der Staatskult, bei dem sich der Doge mit dem Meer vermählte, zeigte sogar heidnische und animistische Züge. Dem Ruhm der der Stadt diente vor allem auch die Kunst. Kunst wurde immer als ein wichtiges Mittel der staatlichen und persönlichen Repräsentation angesehen und war eines der wichtigsten Statussymbole adeliger und auch bürgerlicher Familien.

Markuslöwe
Der Markuslöwe von Vittore Carpaccio steht mit seinen Vorderpfoten auf festem Land und mit den Hinterbeinen in der Lagune, 1516

In San Marco, der Palastkapelle des Dogen, befand sich schon ab dem 12. Jahrhundert die erste öffentliche Ausstellung. Diese war dem allgemeinen Publikum geöffnet und zeigte vor allem Reliquien in kostbaren Behältern. So belegten die Herrschenden den göttlichen Schutz, der dem Staat gewährt wurde.

Venedig war schon im 14. Jahrhundert die bedeutendste Handelsstadt Europas und ein wichtiger Umschlagplatz für die Luxusartikel des Orients, insbesondere Gewürze und kostbare Stoffe. Aber auch antike Kunstwerke und Bücher waren in Venedig zu erwerben. Eine der ersten namentlich bekannten Sammlerpersönlichkeiten tritt uns durch eine erhaltene "Einkaufsliste" gegenüber: Wir erfahren, was Olivero Forzetta (um 1300 - 1373), ein Notar aus Treviso, der auch in Venedig einen Palast besaß, kaufen wollte. Die beiden prominentesten Objekte seiner Liste sind in Bonn zu sehen: Die zwei antiken Reliefs mit der Darstellung von vier Putten haben viele Jahrhunderte lang Bewunderung bei Künstlern und Gelehrten hervorgerufen.

Aber auch der Erwerb von Büchern wurde ein Thema für die venezianischen Sammler. Der Dichter und Humanist Francesco Petrarca bot dem venezianischen Staat 1362 seine Bibliothek unter der Bedingung an, sie öffentlich zugänglich zu machen, fand aber keine Gegenliebe. Erst 100 Jahre später erfüllte sich sein Traum durch die Schenkung des aus Byzanz stammenden Kardinal Bessarione. Dieser schenkte seine einzigartige Büchersammlung, die er nach der Eroberung von Byzanz vor dem Untergang bewahrt hatte, der venezianischen Republik und schuf damit den Grundstock für die Biblioteca Nazionale Marciana.

Karte
Jacopo de' Barbari, Venedig aus der Vogelperspektive, 1500, Holzschnitt

Im 15. und im 16. Jahrhundert erlebte die Stadt eine einzigartige künstlerische Blüte: Giovanni Bellini, Giorgione, Tizian, Tintoretto und Veronese waren Künstler von europäischem Ruf; die Buchdruckereien Venedigs waren in Quantität und Qualität der Ausführung führend auf dem Kontinent. Obwohl der neuentdeckte Seeweg um Afrika und das Erstarken des Osmanischen Reiches Venedigs Rolle im Orient- und Gewürzhandel gefährdeten, nahm die Zahl der Sammlungen kontinuierlich zu. Bis zum Ende des Jahrhunderts lassen sich etwa 200 Sammler identifizieren, die mehr als 10 Bilder besaßen, wobei einige dieser Sammlungen europäischen Rang hatten.

Im Zentrum der Bonner Ausstellung steht daher auch die bedeutendste Sammlung des 16. Jahrhunderts : Domenico Grimani, Kardinal von San Marco und seine Neffen Marco, Marino und Giovanni, erwarben mehr als 200 Antiken, etwa 500 Gemälde und eine Bibliothek mit 15.000 Bänden. Die 'Schatzkammer' des Palazzo der Familie war die sogenannte Tribuna. Hier wurden die 130 wichtigsten Antiken der Sammlung in einer für Venedig einzigartigen Architektur gezeigt: Mit ihren Nischen, Giebeln und Säulen folgt der Raum römischen Vorbildern. Höhepunkt der Ausstellung in der Bundeskunsthalle ist eine Rekonstruktion der Tribuna im Maßstab 1/1, in der 13 der wichtigsten Originale der Sammlung wieder ihre Plätze einnehmen. Daneben gibt es eine fiktive Gemäldesammlung , wie sie in frühen venezianischen Sammlungen um 1530 ausgesehen haben könnte: Giorgiones Selbstporträt aus Braunschweig, sein Knabe mit dem Pfeil aus Wien oder der Bravo von Tizian.

Giorgione
Giorgione, Knabe mit Pfeil, um 1505

Im 17. Jahrhundert gehörte es endgültig zum Selbstverständnis der Adligen, sich mit Kunst zu umgeben: Venezianische und flämische Gemälde, antike Skulpturen, Gemmen und Münzen, Kuriosa und Bücher waren Objekte der Begierde. So standen fast im gesamten 17. Jahrhundert die nichtvenezianischen Maler , die Pittori Forestieri, bei Sammlern und Mäzenen in hohem Ansehen. Sie fanden ihre Kunden bei den geltungsbedürftigen 'neureichen' Familien, die den Adelstitel gekauft hatten und ihre neue gesellschaftliche Position auch durch eine entsprechenden Sammlung zum Ausdruck bringen wollten. Insgesamt stieg die Zahl der Sammlungen in Venedig sprunghaft an. Und es waren neue Themen gefragt. Mit Allegorien oder Schlachtenszenen ließen sich die eigenen Verdienste und die der Familie besonders gut herausstellen. Die wichtigsten Werke wurden nun nicht mehr eher privat untergebracht, sondern im wichtigsten Raum des Palastes konzentriert, dem sogenannten Portego, durch den jeder Besucher hindurch musste. Auch der Umgang mit der Kunst selbst veränderte sich: Kunsttraktate forderten, dass es nicht nur wichtig sei, Kunst zu besitzen, sondern sie auch vermitteln und erklären zu können. Kunst fördere die Gesinnung und die Tugend; Kunst zu ignorieren sei Zeichen einer derben, bäuerlichen Gesinnung und eines unadeligen, niederträchtigen Herzens.

Im 17. Jahrhundert verlor Venedig einen Großteil seines politischen Einflusses. Nach Zypern ging auch Kreta endgültig an die Türken verloren. Die Eroberung des Peloponnes durch Francesco Morosini und die Verteidigung Korfus durch den preußischen General in venezianischen Diensten Johann Mathias Graf von der Schulenburg konnten den Niedergang nicht aufhalten. Im Frieden von Passarowitz musste Venedig die meisten Besitzungen in Dalmatien und Griechenland aufgeben und damit verabschiedete sich die Republik endgültig aus dem Reigen der europäischen Großmächte.

Canaletto
Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, Der Rio dei Mendicanti, um 1724

Der herrschende Adel hielt jedoch an der alten Regierungsform fest und lehnte alle Reformen ab. Trotz des politischen Niedergangs blieb Venedig ein Zentrum des internationalen Kunsthandels und ein wichtiges Ziel auf der "Grand Tour", der klassischen Bildungsreise. Insbesondere die Malerei entwickelte sich ab 1700 erneut zum erfolgreichen Exportartikel. Venezianische Maler verkauften und arbeiteten europaweit, bevor sie mit dem Siegeszug des Klassizismus gegen Ende des Jahrhunderts wieder in Vergessenheit gerieten. Viele alteingesessene venezianische Adelsfamilien sammelten allerdings weiterhin konservativ, falls sie überhaupt noch Bilder erwarben. Die Auftraggeber und Sammler der neuen venezianischen Künstler wie Sebastiano Ricci, Canaletto, Pietro Longhi oder den Guardis fanden sich oft unter Bürgerlichen und Ausländern. Vor allem aber die in Venedig ansässigen ausländischen Sammler waren am Erfolg der venezianischen Malerei des 18. Jahrhunderts beteiligt, als Käufer und Auftraggeber, aber auch als Agenten und Vermittler. Besonders erfolgreich agierte der englische Konsul in Venedig, Joseph Smith. Canaletto wurde von ihm mit Aufträgen versehen oder aber er vermittelte ihm Auftraggeber. Seinen eigenen Palast am Canal Grande hatte Smith seit 1720 mit einer bedeutenden Sammlung alter und zeitgenössischer Meister ausgestattet, hier bewahrte er auch seine exquisite Zeichnungssammlung auf, die in der Ausstellung mit 9 Blättern vertreten ist.

Schulenburg
Giovanni Antonio Guardi Bildnis des Feldmarschalls
Johann Matthias Graf von der Schulenburg,1741

Ein weiterer bedeutender ausländischer Sammler im Venedig des 18. Jahrhunderts wird in der Ausstellung präsentiert. Feldmarschall Johann Matthias Graf von der Schulenburg, Berufssoldat und General, war 1715 von den Venezianern als oberster Feldherr angeworben worden. Seine Verteidigung Korfus gegen die Türken trug ihm die Bewunderung Europas und die lebenslange Dankbarkeit Venedigs ein. Ab 1724 begann er eine eigene Kunstsammlung aufzubauen und erwarb innerhalb von zwanzig Jahren fast 1000 Werke. Als Autodidakt in Sachen Kunst vertraute Schulenburg bei seinen Erwerbungen dem Rat zeitgenössischer Künstler, behielt sich aber die letzte Entscheidung selbst vor. Besonderen Einfluss auf die Sammlung übten Giambattista Piazzetta und Giovanni Antonio Guardi aus. Die Werkstatt Guardi belieferte ihn mit insgesamt 106 Bildern. Guardi fertigte für Schulenburg darüber hinaus viele Kopien an als Ersatz für unerschwingliche oder unverkäufliche Bilder. Nach Schulenburgs Tod 1747 teilte seine Sammlung das Schicksal der meisten damaligen venezianischen Sammlungen: Sein Wunsch, sie geschlossen zu erhalten wurde von den Erben nicht erfüllt und die meisten Gemälde wurden im April 1775 in London durch Christie's verkauft.

Schulenburg könnte Vorbild für einen weiteren deutschen Sammler gewesen sein, den Kaufmann Sigismund Streit. 1687 in Berlin als Sohn eines Hufschmieds und Bierbrauers geboren und 1709 nach Venedig gekommen, begann er, ähnlich wie Schulenburg, im fortgeschrittenen Lebensalter mit dem Sammeln von Kunst. Ab den 1740er Jahren erwarb der inzwischen wohlhabende Streit neben Stichen und Musikalien insgesamt 49 Gemälde, die er später seiner alten Berliner Schule, dem Gymnasium zum Grauen Kloster, zusammen mit einer hohen Geldsumme zur Verfügung stellte. Seine Sammlung blieb in ihrer ursprünglichen Form erhalten und ist bis heute im Besitz der Streit'schen Stiftung.

Während die venezianische Selbstinszenierung letzte Triumphe feierte - der Bucintoro, die Prachtgaleere des Dogen, war zuletzt unter der Last seiner luxuriösen Ausstattung fast seeuntüchtig -, standen Napoleons Truppen bereits vor den Toren: Am 12. Mai 1797 trat der Maggior Consiglio zu seiner letzten Sitzung zusammen und der letzte Doge, Lodovico Manin, erklärte seinen Rücktritt. Die Stadt ergab sich kampflos.

Palladio
CAD-Rekonstruktion des abgelehnten Entwurfs für die Brücke am Rialto von Andrea Palladio

Dank dieser nicht unumstrittenen Entscheidung blieb Venedigs einzigartiges Stadtbild erhalten, nicht jedoch seine zahllosen Sammlungen. Nach der Niederlage Napoleons wurde die Stadt 1815 dem habsburgischen Königreich Lombardo-Venetien zugeschlagen, aber die Versuche der Österreicher, den wirtschaftlichen Niedergang durch Industrialisierung aufzuhalten, zeigten kaum Wirkung. Die meisten Sammler, Bürger wie Adlige, sahen sich gezwungen, ihre Besitztümer zu veräußern. Zeitgenössische Quellen beklagten, die Venezianer "würden, wenn dies möglich wäre, sogar die Kirche von San Marco an die Ausländer verkaufen". Nur wenige wie Teodoro Correr, versuchten, den Exodus der venezianischen Kunst zu verhindern. Wie die über 20 Säle seines mit Kunst 'vollgestopften' Palazzos am Canal Grande ausgesehen haben mögen, zeigt der im Maßstab 1/1 rekonstruierte, Correr gewidmete Raum in der Bonner Ausstellung.

Die von Armut, Hunger und Typhus gezeichnete Stadt war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch immer ein interessanter Markt für Antiken und Alte Meister. Die zeitgenössische Kunstproduktion wurde jedoch, bis auf Canova, international kaum beachtet . Aber die Stadt wurde jetzt zunehmend als Reiseziel und Motiv ausländischer Künstler entdeckt. Am erfolgreichsten 'nutzte' um 1900 der Künstler, Designer, Erfinder und Bühnenbildner Mariano Fortuny (1871 - 1949) die Anregungen der venezianischen Kunstgeschichte. In seinem Palast sammelte er Tausende von Reproduktionen und Abbildungen. Diese 'Sammlung' lieferte ihm die Anregungen für seine eigenen Gemälde und vor allem für seine phantasievollen Stoff- und Kostümkreationen.

Fortuny und sein orientalisch-venezianisches Atelier stehen am Ende der Bonner Ausstellung. Hier zeigt sich, wie venezianische Kunst zukünftig genutzt werden kann: als Projektionsfläche für zeitgenössische Stimmungen und als Motivreservoir für die Kunstproduktion.

Die Ausstellung VENEZIA! wird begleitet durch ein Wissenschaftsatelier der TU Darmstadt, CAD in der Architektur, an dem vier Fachbereiche beteiligt sind. Die Ergebnisse werden in der Ausstellung und auf der Internetseite der Bundeskunsthalle präsentiert. So erleben die Besucher in 20minütigen Vorführungen eine computergestützte und "live" moderierte Visualisierung der Themen Lagune - Stadt - Paläste - Markusplatz. Ziel des Projektes ist es, das in der Ausstellung gewonnene Wissen um venezianische Sammlungsgeschichte und die Funktion des Sammelns zu vertiefen, vor allem aber auch einen spannenden Einblick in den Gesamtorganismus einer so einzigartigen Stadt wie Venedig zu gewinnen.

Venezia!
9. September 2002 - 12. Januar 2003

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Telefon (0228) 9171-0
http://www.kah-bonn.de

Öffnungszeiten:
Dienstag und Mittwoch 10 - 21 Uhr
Donnerstag bis Sonntag und feiertags 10 - 19 Uhr
Freitag für Schulklassen ab 9 Uhr geöffnet
Geöffnet an allen Feiertagen, auch denen, die auf einen Montag fallen bis 19 Uhr.

(Text: Rainer Rossbach )
(Fotos: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, CAD Architektur:FB Architektur, TU Darmstadt )

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