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Invicta S1: Tradition und Fortschritt
28.05.2003
Die Engländer sind ja nicht gerade berühmt dafür, eine industrielle Autoproduktion ohne ausländische Hilfe in Gang halten zu können. Das wirkliche Talent der Insulaner liegt in der Kleinauflage. Viele Manufakturen wie Marcos, Ginetta, TVR und andere halten sich mehr oder minder erfolgreich über Wasser und präsentieren in regelmäßigem Rhythmus neue Modelle. Hin und wieder gibt es auch Versuche alte Marken neu zu beleben. Der jüngste Widergänger einer grossen Geschichte heisst Invicta S1. Die Marke Invicta wurde 1924 von Noel Macklin gegründet. Ziel des Gründers war es, bei den eigenen Fahrzeugen das Qualitätsniveau eines Rolls-Royce und die Leistungsfähigkeit eines Bentley zu erreichen. Elegant und schnell, konnten die Invicta diverse sportliche Erfolge für sich verbuchen: Donald Healey gewann 1931 die Rallye Monte Carlo, Klassensiege bei der Tourist Trophy folgten und diverse Rekordfahrten wurden erfolgreich bestritten. Wie auch immer, trotz allen technischen Potentials schlossen sich die Tore der Firma am Freitag, dem 13. Oktober 1933. Nun tritt die Marke erneut an. Die Firmenphilosophie ist die gleiche geblieben: Maximale Leistungsfähigkeit bei grösstmöglichem Komfort. Nach einer geheimgehaltenen Entwicklung, die zwei Jahre dauerte, präsentierte man sich mit einem voll durchentwickelten Fahrzeug dem Publikum. Der S1 soll zwei Wesensmerkmale in sich vereinen. Auf der einen Seite ist er ein Luxus-GT mit voller Reisetauglichkeit, auf der anderen Seite soll er das Leistungsniveau eines Supersportwagens bereithalten.
Im Innenraum wartet der Invicta mit einer für zwei Personen ausreichend geräumigen Kabine auf, die mit feinstem Leder ausgeschlagen ist. Der Kofferraum bietet genug Raum für das Reisegepäck und der 100-Liter-Tank sorgt für ausreichend lange Reiseetappen. Satelliten-Navigation, Klimaanlage, beheizte Heck- und Frontscheibe und elektrische Fensterheber bieten ein aktuelles Ausstattungsniveau. Vor allem der Geräuschdämmung wurde grosse Aufmerksamkeit gezollt. Der doppelte Boden mit integriertem Dämm-Material und die Isolation der mechanischen Komponenten sollen die Passagiere vor allzu aufdringlichen Lautäußerungen und den Temperaturentwicklungen der Mechanik bewahren. Die Sitze haben ein breites Spektrum an Verstellmöglichkeiten und das Lenkrad ist in Höhe und Neigung variabel. Außerdem befindet sich auf jeder Seite des Fahrzeugs ein Benzineinfüllstutzen, was das Tanken einfacher machen soll. Allerdings gibt es auch Lösungen von zweifelhaftem Wert: So befindet sich das Kofferraumschloss an der Unterseite des hinteren Stossfängers. Da ist es wohl nur ein Frage der Zeit, bis Nässe und Schmutz diesem Bauteil den Garaus machen. Der Antrieb erfolgt durch einen 4,6l-V8-Aluminiummotor, der seine Leistung entweder über eine manuelle Fünfgang-Box oder über einen Viergang-Automaten an die Hinterräder bringt. Ein Differential mit Viskosekupplung reduziert den Schlupf bei vollem Leistungseinsatz. Der Motor, der 240 kg wiegt und 320 PS auf die Kurbelwelle stemmt wird von Fords "Special Vehicle Team" in Amerika gebaut. Eigentlich für den 300kg schwereren Mustang Cobra vorgesehen, entwickelt er im 1100kg leichten S1 ein deutlich besseres Leistungsvermögen. Fünf Sekunden von Null auf Hundert Km/h und 280 km/h Spitze können sich sicherlich nicht mit der Creme deutscher und italienischer Produktion messen, sind aber doch recht ordentliche Werte. Die Antriebseinheit ist zurückgesetzt als Front-Mittelmotor eingebaut und der Tank befindet sich quer zwischen den Hinterrädern, so dass sich eine fast optimale Gewichtverteilung von 50/50 ergibt. Der Untergrund ist glatt, steigt nach hinten an und generiert Abtrieb. Dämpfer und Fahrwerk können individuell eingestellt werden und großzügig dimensionierte innenbelüftete Sechskolbenscheiben an der Vorderachse sowie Vierkolbenscheiben an der Hinterachse sorgen für eine adäquate Verzögerung.
Aussergewöhnlich macht den S1, dass er das weltweit erste Strassenfahrzeug ist, das aus einer einteiligen Carbonfaserkarosserie besteht. Verbunden mit einem Stahlrohr-Spaceframe ist so eine starke und gleichzeitig sehr leichte Struktur entstanden. Verstärkende Elemente sorgen für ein hohes Niveau an passiver Sicherheit: der Überrollbügel, kevlarverstärkte Karosseriebereiche und der integrierte Aufprallschutz bieten aktuelle Standards. Das Design folgte dem Primat der Technik und hatte das Ziel "zeitlose Klassik" entstehen zu lassen, die sich am klassischen GT der 50er und 60er Jahre orientiert. Wer Nebel, Barbour-Jacken und die Royals liebt, wird sich für möglicherweise für den Invicta S1 begeistern können. Es gelingt dem Fahrzeug leider nicht, seine innovativen Lösungen im Karosseriebau durch ein gleichfalls innovatives Karosseriedesign deutlich zu unterstreichen. Der Mut hat nur zu einem GT im altmodischen Kanon britischer Gemütlichkeit gereicht. Dies, sowie der hohe Preis von ca. 70.000 Pfund werden der Verbreitung des englischen Sportlers enge Grenzen setzen.
(Text: Rainer Rossbach ) |
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