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VW concept R: "Wir können auch anders"
05.09.2003
Während bisher VW-Sportwagen die maximale Unterwerfung unter das Mainstream-Design des Hauses praktizierten, wie der Corrado (dessen Misserfolg nicht zuletzt daraus resultiert), atmet das "concept R" einen freien Geist. Sicherlich, jeder Ausbruch aus dem Käfig der langepflegten Markenidentität beinhaltet Risiken, die heutzutage dadurch gemindert werden, dass man sich bei Formen bedient, welche die mutigen BMW-Gestalter ausprobiert haben. Das wird besonders bei der Frontpartie des Mittelmotorsportlers deutlich: die LED-Scheinwerfer sind dem Sechser wie aus dem Gesicht geschnitten und die Integration von vertikalen Elementen in Leuchteinheiten, Kühlergrill und Karosserielinien geht auch auf die bayerischen Vorbilder zurück. Aber sei's drum: Design lebt von der gegenseitigen Inspiration und die VW-Designer unter Murat Günak haben einen interessanten Roadster auf die Räder gestellt. Vor allem der sehr geometrisch ausgelegte v-förmige Kühler mit dem grossen Chromschild zeigt im Zusammenspiel mit den Leuchten ein "Gesicht" mit einem sehr wachen und fast lauernden Eindruck. Dieser wird durch die zusätzlichen Kühlluftöffnungen im Stossfänger noch betont. Wie viel stärker hätte die Wirkung noch sein können, wenn man auf die Reminiszenz an das tradierte "Happy Face" verzichtet hätte, das wie eine Anleihe vom Polo wirkt. Die vordere Kofferraumhaube folgt der V-Form des Kühlergrills bis zu den A-Säulen fort. Durch zwei erhabene Sicken, die links und rechts die Kotflügel- und die Fronthaubenkontur voneinander trennen, wird diese geometrische Grundform ebenfalls aufgegriffen und betont. Die Kotflügel sind deutlich ausgeformt und folgen den Rundungen der Räder. Als besonderes Gestaltungselement wird der in Chrom ausgeführte Tankstutzen in der Fronthaube eingesetzt eine Hommage an die Sportwagenformensprache der Fünfziger Jahre. Der 4,16 Meter lange, 1,78 Meter breite und 1,25 Meter hohe Zweisitzer zeigt ein klares Liniengerüst. Diese Linien sind präzise geschnitten und rahmen Flächen ein, die ein deutliches Spannungsvolumen zeigen. Die Dreidimensionalität wichtiger Karosserieelemente war das wesentliche Designthema der Studie und so sind Sicken, Flächen und Linien expressiv durchgeformt. Die Flanke des concept R zeigt eine flache, bis zur Mitte der hinteren Radläufe ansteigende Gürtellinie, die ihren Abschluss in der Rundform der betont dargestellten Radläufe findet und in einem kurzen hinteren Überhang endet.
Auch hier wird Dreidimensionalität und Einfachheit, die sich in Präzision ausdrückt, betont. Drei Striche sollen reichen, um die Silhouette des concept R zu zeichnen: Jeweils zwei Halbkreise für den hohen Rand der Radläufe und eine Gerade mit einem abschließenden Halbkreis im Heck für die Gürtellinie. Auch im Heckbereich kommt der skulpturale Grundakkord zu Ausdruck: Die Fläche der Kotflügel über den ausgeformten Halbkreisen der Radläufe zieht sich bis in die ausschließlich von hinten sichtbaren Teile der Heckpartie hinein. Die Klarglas-Rückleuchten sind als transparenter Körper auch in der seitlichen Perspektive ein wichtiges Stilelement. Schmale, in massivem Aluminium gefertigten Türgriffe fügen sich als filigranes Gestaltungselement in die Seitenlinie ein. Dank dem hier integrierten (schlüssellosen) Keyless-Access-System reicht ein leichtes Antippen des im Moment der Berührung hochschwenkenden Griffes, um die Türen zu ent- oder verriegeln. Die hintere Haube bildet analog zur Frontpartie ein V. Die Rückleuchten korrespondieren in ihrer Form mit den Frontscheinwerfern. Eingeschaltet, "fahren sie in drei Stufen hoch", indem jeweils drei LED-Blöcke nacheinander aktiviert werden. Zwischen den Rückleuchten gibt es ein sehr schmales LED-Leuchtband für die Funktion des dritten Bremslichtes. Mittig darüber befindet sich das VW-Logo. Erst wer näher an den Roadster herantritt, entdeckt auf der Motor-/Verdeckhaube den verchromten "concept R"-Schriftzug als Bestandteil der Luftauslassöffnung des Motors. Ein ebenfalls V-förmig gestaltetes, verchromtes Doppelendrohr führt die Abgase ab. Die zwei große Luftauslassöffnungen links und rechts sind wie ein Diffusor gestaltet. Zwei Karosseriedome hinter Fahrer und Beifahrer im Stile klassischer Rennwagen suchen den optischen Anschluß an die Fünfziger Jahre. Darüber hinaus erfüllen sie auch zwei Aufgaben: als Windabweiser und als Überrollschutz. Zudem wurden die in Chrom ausgeführte GPS-Antenne und auf der Beifahrerseite die GSM-Antenne in die Hutzen integriert. Angetrieben wird der concept R von einem V6-Mittelmotor; er leistet 195 kW / 265 PS und beschleunigt den Roadster in 5,3 Sekunden auf 100 km/h. Einer theoretischen Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h stehen echte, abgeriegelte 250 km/h gegenüber. 350 Newtonmeter bei 2.800 U/min werden über das Volkswagen Direktschaltgetriebe (DSG / 6-Gang) per Hinterachse auf die Straße gebracht: Alternativ zum sehr schnell arbeitenden Automatikmodus kann das DSG auch manuell über Tasten im Lenkrad geschaltet werden. Sie befinden sich hinten im Lenkrad; rechts wird über die Plus-Taste (+) hoch-, links über die Minus-Taste (-) heruntergeschaltet. Die Außenlackierung und die Farbe des Interieurs suchen den Kontrast: Frozen Sky draussen, Dark Earth innen. Im Interieur befindet sich die wahre Spielwiese, denn das typische VW-Emblem im Lenkrad ist nicht mehr real; vielmehr wird es in ein kreisrundes Display eingespeist. Sobald der Fahrer die Zündung abschaltet, beginnt das VW-Emblem zu pulsieren. Bei Aktivierung der Zündung stoppt dieser Pulsschlag. Obwohl das VW-Logo durch ein Display digital erzeugt wird, soll es so plastisch wirken, als sei es aus verchromtem Metall gefertigt. Experimente auch beim Thema Ergonomie: Die zwei Schalensitze des concept R lassen sich nicht mehr verstellen, denn statt des Sitzes fährt der Fahrer den aus poliertem Aluminium gefertigten Bedien- und Infoblock der Armaturen inklusive Lenkrad, plus die Pedalerie auf sich zu oder von sich weg. Aktiviert wird der Einstellmechanismus elektrisch. Der Beifahrer kann über eine entsprechende Taste zudem ein hochglanzpoliertes Abstützelement im Fußraum heraus- oder hereinfahren und soll so ebenfalls eine optimale Sitzposition erhalten. Über einen neu entwickelten Trägermechanismus sind die Sitze selbst gefedert; der Härtegrad der Federung lässt sich feinjustieren. Ein spezieller Aktivschaum, mit dem die Sitze unter dem Hirschlederbezug ausgestattet sind, sollen für ein weiteres Plus an Komfort sorgen. Er passt sich wie ein moduliertes Gegenstück des Körpers perfekt der individuellen Statur von Fahrer und Beifahrer an und trägt so entschieden zu den guten Komfort- und Ergonomie-Eigenschaften bei.
Die Geschmacksfrage stellt sich bei den Armaturen und der Mittelkonsole. Alle Bereiche mit Bedienungselementen und Anzeigen sowie Teile des klimatisierten Dreispeichenlenkrades bestehen aus poliertem Aluminium. Der Armaturengrundträger ist dagegen mit dunklem Hirschleder bezogen, durch das Spiegelungen in der Frontscheibe vermieden werden. Wie Turbinen gestaltete Lüftungsausströmer in der Mittelkonsole zeigen digital die gewählte Temperatur an und dienen, da sie drehbar gelagert sind, gleichzeitig zum Einstellen eines neuen Wertes. Bei den Instrumente informiert die Hardware digital, mit zum Teil analogen Ziffern, per OLED-Bildschirmen. Zum Beispiel das Hauptinstrument, oder besser, die Hauptfunktionsebene: Es schwenkt nach dem Aktvieren der Zündung (ohne Schlüssel, sondern durch leichtes Antippen des Start-Schalters) von rechts in das Cockpitzentrum. In diesem zentralen Display sind die klassischen Funktionen wie Geschwindigkeit oder Motortemperatur angeordnet. Sobald der Fahrer jedoch das Navigationssystem aktiviert, zieht sich das Display seitlich in die Armaturen zurück und gibt den Blick auf ein neues Instrument frei: speziell auf die Zielführung abgestimmt, tritt jetzt das Navigationsdisplay in den Vordergrund; alle anderen Information liegen im Hintergrund. Permanent erforderliche Informationen wie die Geschwindigkeit werden immer ausreichend groß angezeigt. Gesteuert wird die Navigation über das Volkswagen MMI (Multi Media Interface), einem kreisrunden System auf dem Mitteltunnel. Interessante Ansätze vereinen sich im "concept R". Sie geben der Hoffnung Auftrieb, dass sich das VW-Design in Zukunft stärker ausdifferenziert und für eine attraktive und lebendige Modellpalette sorgt.
(Text: Rainer Roßbach )
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