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Konzept Design München: Walter de'Silvas Wohnzimmer
18.12.2003
Wer würde an dieser Stelle das Designstudio eines Automobilherstellers vermuten? In der Nachbarschaft von schmucken Altbauwohnungen, Straßencafés, Szenekneipen, ausgefallenen Mode-Boutiquen, Friseursalons oder asiatischen Imbisslokalen fällt die Toreinfahrt in der Kurfürstenstraße 24 im Münchner Stadtteil Schwabing nicht weiter auf. Seit 20 Jahren existierte in der ehemaligen Autowerkstatt das Audi Designstudio München. Über eine Dauer von sechs Monaten wurde es umgebaut, erweitert, modernisiert und nun als "Konzept Design München" der Audi Markengruppe eröffnet. Von dort sollen jetzt vitale Konzepte für die Zukunft der Marken Audi, SEAT und Lamborghini kommen. Für Walter Maria de'Silva, Leiter Design der Markengruppe Audi, ist es aber auch noch etwas anderes: "Dieses Studio soll eine interdisziplinäre Kommunikationsplattform und keine geschlossene Gesellschaft sein. Hier wollen wir die Marken für den Dialog öffnen. Hierhin laden wir Kreative aller Disziplinen, Trendexperten, Spezialisten aus Ökonomie, Technik und Soziologie sowie Meinungsbildner und Studenten ein, um mit ihnen zu diskutieren und zu arbeiten. Gerade der Austausch mit Hochschulen rund um die Welt ist uns ungeheuer wichtig. Auf diese Weise setzen wir kreatives Potenzial frei, finden neue Zugänge, Ideen und Ansichten zur Zukunft des Designs." All das in Räumlichkeiten, die der Chefdesigner mit einem Lächeln als "my livingroom" bezeichnet - sein Wohnzimmer mit fast privater Atmosphäre. Das ockerfarben getünchte Haus aus den 40er-Jahren, in dem sich dieses "Wohnzimmer" befindet, hat bereits eine automobile Vorgeschichte. Bis zum Einzug der Audi Designer im Jahr 1983 schraubten Kfz-Mechaniker in der Werkstatt "Kurfürstengarage Schwabing" an den Autos aus der Nachbarschaft. Klemens Rossnagel, Leiter Konzept Design München: "Nach dem Wandel nahmen dort unter anderem Showcars wie der Audi Avus quattro, der Al2 oder der Steppenwolf Gestalt an. Auch die Formen des Audi RS 6 entstanden in der Kurfürstenstraße 24." Nur einem Schild neben der Eingangstür aus dunkelbraunem Holz kann der Besucher entnehmen kann, dass er vor dem Designstudio der Audi brand group steht. Mehr Hinweise auf die Schwabinger Dependence des Ingolstädter Autobauers gibt es nicht. Tritt man durch diese Tür, eröffnet sich schnell das, was de'Silva als die "sehr private Wohnzimmer-Atmosphäre" des Studios bezeichnet: Ein kleiner Flur, von dem im Erdgeschoss ein kleiner Besprechungsraum mit modernen Konferenz-Möbeln und einem Flachbildschirm an der Wand zu erreichen ist. Über eine Treppe mit hellen Holzstufen gelangt der Besucher in einen zweiten, etwas größeren Besprechungsraum im Obergeschoss. Auffallend ist die auf einer Seite gemauerte Steinwand, ebenfalls mit großformatigen Flachbildschirmen für Präsentationen ausgestattet. Übrigens: Auch dabei geht man in München gern neue Wege. Von der klassischen Papier-Präsentation haben sich die Münchner Designer verabschiedet und setzen dagegen auf Multimedia-Darstellungen mit Sound und Bildern. "Selbst diese Prozesse versuchen wir zu emotionalisieren", erklärt der Leiter des Studios. Alles in Schwabing wirkt, einem Designstudio angemessen, zwar sehr "stylish", vermittelt aber durch die warmen und hellen Farben und Materialien sowie die Überschaubarkeit der Räumlichkeiten eine angenehme Atmosphäre. Insgesamt steht im Studio eine Nutzfläche von rund 800 Quadratmetern zur Verfügung. Echter Werkstatt-Charakter kommt in der Modellhalle auf, in die man im Erdgeschoss nur über eine zusätzlich elektronisch gesicherte Tür eintreten kann. Unter einer "Lichtdecke" finden Designer und bis zu 15 (zumeist freischaffende) Modelleure Platz zum Arbeiten an zwei 1:1-Fahrzeugmodellen oder mehreren 1:4-Modellen. Auch dort wird der Kontrast zwischen "Alt" und "Neu" charmant aufgezeigt. Neben futuristischen Fahrzeugkonzepten hat eine betagte Wanderer-Schreibmaschine ebenso ihre Daseinsberechtigung wie eine Stechuhr von Anno dazumal. Rossnagel: "Wir denken zwar weit in die Zukunft, vergessen dabei aber nicht unsere Geschichte." Als räumliche Verbindung zwischen dieser Werkstatt und den Computer-Arbeitsplätzen der Designer sowie als Treffpunkt fungiert "la cucina", ein "Kommunikationsbereich", in dem auch beim gemeinsamen Essen neben einer historischen DKW-Rennmaschine, Konzepte und Ideen diskutiert werden. Eine Tür weiter schließt sich ein großer, lichtdurchfluteter Raum aus Glasbausteinen an, in dem die Designer ihr Reich haben. Der ehemalige Lagerraum aus den 60er-Jahren wurde für die Erweiterung des Studios zusätzlich angemietet und mit einer Komplettrenovierung aus seinem Dornröschenschlaf gerissen. Bis zu 20 Kreative arbeiten nun in einem Atelier mit "Loft"-Atmosphäre. Dort entstehen an Bildschirmen und Skizzenblöcken visionäre Konzepte für die Markengruppe.
"Wir können hier in einem urbanen, lebendigen Umfeld und frei vom Druck einer Serienentwicklung arbeiten. Teilweise werden wir als Dienstleister der Markengruppe im Auftrag einer Marke aktiv, teilweise entwickeln wir unsere eigenen Projekte. Das genau ist ja unserer Auftrag: Bestehendes hinterfragen; gewagte Dinge entwickeln, die vielleicht auch mal von der Richtlinie der Konzernzentrale abweichen; damit neue Ideen in den Konzern einbringen; kreatives Potenzial entfalten; weit in die Zukunft reisen - wir sollen hier vor- und auch querdenken", so Rossnagel. In München formt man also nicht am Aussehen eines bevorstehenden Serienmodells. Dort machen sich die Designer vielmehr Gedanken darüber, wie beispielsweise ein Audi der übernächsten Generation aussehen könnte. Dabei diskutieren die Kreativen aus dem Audi Design in Ingolstadt und dem Audi Designstudio in Kalifornien mit den Designern von SEAT in Martorell und Sitges (Spanien) oder zukünftig den Lamborghini-Gestaltern aus dem italienischen Sant'Agata. Ein Marktplatz der Inspirationen, der alle Beteiligten beflügelt und wesentlicher Bestandteil der Designstrategie der Audi Markengruppe ist. Im Studio an der Isar feilt man zudem am Image der Marken. Denn es geht in München nicht nur um das Konzeptdesign künftiger Fahrzeuge, sondern auch um das "Product Design" und damit um die Gestaltung von Accessoires. Von Uhren, Krawattennadeln und Schlüsselanhängern über verschiedenste Textilien bis hin zu Mountainbikes reicht die Palette der Gegenstände aus Mode und Sport, die im Designstudio der Markengruppe entworfen werden. Allein dafür sind fünf Designer zuständig. Frischen Wind bringt zudem die Integration von Gästen. Studio-Leiter Rossnagel: "Wir haben in Schwabing permanent drei Studenten von internationalen Hochschulen zu Gast." Aber auch Mitarbeiter aus Design, Technik und Marketing der Markenzentralen von Audi, SEAT und Lamborghini können für eine gewisse Zeit in München ihre kreativen Köpfe wieder öffnen, neue Ideen tanken und ihrerseits Input für künftige Projekte einbringen. Derzeit sorgen Gestalter aus fünf Nationen (Deutschland, Spanien, Italien, Griechenland und Frankreich) im Schwabinger Atelier dafür, dass das kreative Potenzial auch über Ländergrenzen hinweg genutzt wird. "Jede Marke soll ihre Botschaften, ihre Werte kommunizieren. Das wollen wir vorantreiben. Hier werden dem Design neue Wege eröffnet", sagt der Studioleiter. Dafür genießen die Designer in Schwabing auch etwas mehr Freiheiten als ihre Kollegen. "Ein Freiraum, den wir verantwortlich nutzen wollen", ergänzt Rossnagel. Warum also nicht einmal mit Skizzenbuch oder Laptop in den benachbarten Englischen Garten gehen? Die besten Ideen entstehen oft spontan und nicht immer am Schreibtisch. Eben mitten aus dem Leben heraus.
(Text: Pressetext ) |
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