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Lothringen: Cruisen und genießen
15.02.2003
Von Deutschland die Mosel heraufkommend beginnt die ostfranzösische Region Lorraine zwischen Mosel und Meurthe im Dreiländereck zwischen Perl (Deutschland), Schengen (Luxemburg) und Apach (Frankreich). Schon die Römer bauten hier in "Circum Castellum", dem heutigen Sierck-les Bains, ihren Wein an und badeten. Der Namen des Kastells bezog sich auf den Halbkreis der Flussschleife, an deren Scheitelpunkt sich später das Grenzdorf Sierck entwickelte. Von den Grünanlagen der oberhalb der Ortschaft liegenden Bastionen genießt man einen weiten Blick übers Moseltal. Jahrhundertelang war die Region ein Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich. Das hing nicht zuletzt auch mit den Bodenschätzen Lothringens, vor allem dem Eisenerz, zusammen. So stößt man heute vielerorts auf die Relikte von Stahlindustrie und Kriegshandwerk. Bei Veckring findet man die unterirdischen Anlagen des Ouvrage de Hackenberg: Die um 1935 erbaute Bunkerfestung der Maginot-Linie ist unversehrt erhalten und kann von dem, dem danach ist, besucht werden. Und bei Longwy finden sich die Zeugnisse des Niedergangs der Stahlindustrie. Lothringen ist ein Übergangsland der Kulturen und ein Transitland auf dem Weg ins Herz Frankreichs. Deshalb gehört diese grüne und dünn besiedelte Region zu den touristisch unerschlossenen Gebieten Mitteleuropas. Eichenwälder, Alleen, die durch malerische Dörfer führen und die wunderbare, naturnahe Maas (fr. Meuse) bieten dem Automobilisten vergnügliche und entspannte Stunden unterwegs. Vor allem für unaufgeregtes Cabriofahren auf den kleinen Departement-Straßen bieten sich die besten Reviere: Hier ein altes Schleusenwärterhaus, dort eine schöne Aussicht auf einen Fluß; hier ein altes, bemoostes Waschhaus oder eine Streuobstwiese, deren Bäume mit Misteln bestanden sind es sind die kleinen Dinge die Freude machen. Aber auch Zeugnisse der Hochkultur finden sich auf dem flachen Land: So die elegante Schlossfassade im Residenzstädtchen Commercy, die Barockbibliothek in Saint Mihiel oder der Platz Duroc in Pont-a-Mousson, der von Arkadenhäusern im Renaissance-Stil flankiert wird. Und die sanft gewellte Landschaft versetzt den Reisenden in den ihr angemessenen Rhythmus. Wer es noch beschaulicher mag, kann mit dem Hausboot über Kanäle fahren, deren Schleusen wie zu Großvaters Zeit von Hand bedient werden.
Egal aber, für welche Art der Fortbewegung man sich entscheidet: Wie alle anderen französischen Regionen schmückt sich die Heimat von Jeanne d'Arc mit einer Reihe von kulinarischen Spezialitäten. Die populärste ist wohl die Quiche Lorraine, doch man hat weit mehr zu bieten: In den Restaurants und Dorfgasthäusern findet man ein großes Angebot von Süßwasserfischen, die lokale Wursttradition bietet Spanferkelsülze, geräucherten Speck, luftgetrocknete Schweinswürste und gegarte oder gekochte Schinken. Die reiche Tradition des Konfiseriehandwerks geht auf den polnischen König Stanislaus zurück, der nach seiner Abdankung nach Lothringen ins Exil ging und Nancy zu seiner Residenz machte. Er war ein anerkannter Förderer der Konditorenkünste. Baba au Rum, mit Likör gefüllte Schokoladen-Chardons, Madeleines aus Commercy oder Liverdun, Tannenhonigpralinen aus den Vogesen, Bergamottes und Makronen aus Nancy oder Boulay fanden in ihm einen hingebungsvollen Liebhaber und haben ihren Weg in die Auslagen der heutigen Zuckerbäcker gefunden. Aber es gibt als Spezialität aus Bar-le-Duc auch eine Johannisbeermarmelade, bei der die Beeren vor der Verarbeitung mit einem Gänsefederkiel entkernt werden und neben dem Elsass ist Lothringen eine wichtige französische Bierregion. Liebhaber des Getränks können im Musée Francais de la Brasserie in Saint-Nicolas-de-Port, im Musée Europeen de la Biere in Stenay und im Ecomusée Vosgien de la Brasserie in Ville-sur-lllon Einblicke in die Brautradition nehmen und mit Gaumen und Zunge den Erfolg der Bemühungen überprüfen. Berühmt ist die Region aber wegen ihrer Mirabellen. Ursprünglich galt Lothringen wie die benachbarte Mosel als Weinbaugebiet. Doch als Schädlinge und Krankheiten die Reben zerstörten, suchte man nach Alternativen und erkannte, dass das Klima um Metz der Steinfrucht besonders gut bekam. Tarte de Mirabelle, Konfitüre, Eau-de-Vie und allerlei andere Kreationen werden seit 1947 mit der "Fete de la Mirabelle" in Metz gefeiert. Obstbauern, Schnapsbrenner, Konditoren, Kaffeehaus- und Hotelbesitzer präsentieren dann ihre Köstlichkeiten rund um den Place d'Armes zu Füßen der aus gelbem Kalkstein errichteten Kathedrale Saint-Etienne. Diese wird "Laterne Gottes" genannt wegen ihrer berühmten Kirchenfenster, deren älteste aus dem 13. Jahrhundert stammen und die auch mit Marc Chagalls "Fenster der Versuchung"aus dem Jahr 1959, der Moderne die Ehre erweisen.
Aber auch sonst bietet die im Moselfränkischen verwurzelte Architektur von Metz reichlich Sehenswertes. Dort, wo die Seille in die Mosel mündet, findet man im alten historisch gewachsenen Stadtkern sehenswerte Kirchen, schöne alte Bürgerhäuser und Laubengänge, alles in den warmen, gelben Schimmer des Sandsteins getaucht. Restaurants und Cafes laden zum Genießen ein und in der Markthalle neben der Kathedrale bieten die Bauern der Region täglich ihre Erzeugnisse an. Gärten mit Fin-de-Siecle-Charme und viele Parkanlagen machen Metz zu einer der grünsten Städte Frankreichs. Ganz anders ist Nancy, die zweitgrößte Großstadt Lothringens. Das Bild der barocken Residenzstadt geht auf den schon bekannten vernaschten König Stanislaus Leszczynski von Polen, Schwiegervater von König Ludwig XV. zurück, der hier sein Exil verbrachte. Der Lebemann, der gerne Bestes aß und trank, hatte die Architektur geliebt. Durch Bauten und Plätze, Schlösser, Promenaden und Parks wollte sich der entmachtete Monarch ein Denkmal setzen. Und das gelang ihm so gut, dass Nancy von der UNESCO zum Welterbe der Kultur erklärt wurde.
Heute steht der kleine dicke König, genannt le bienfaisant", der Wohltätige, inmitten seiner architektonischen Schätze auf dem Place Stanislas: Mit Oper, Grand Hotel, Musee des Beaux Arts, dem Rathaus, den Pavillons mit Luxusgeschäften, den Terrassen-Cafes und einem Triumphbogen besitzt der Platz alle Zutaten für eine urbane Bühne. Er wirkt heiter und luftig, wozu vor allem die Brunnen an den Ecken, die harmonischen Gebäude und die reich dekorierten Schmuckgitter beitragen. Genauso bedeutend ist Nancys Vergangenheit als Metropole des Art Nouveau. In der Ecole de Nancy arbeiteten Künstler wie Emile Galle, der als einer der führenden Meister gilt. Möbel, Lampen, Vasen, Fenster aus Glas, Eisen, Stein wurden in den Ateliers der Stadt gefertigt. Das Musee de l'Ecole de Nancy präsentiert seine Exponate im ehemaligen Domizil des Schulleiters Eugene Corbin, weiteres findet sich im Musee des Beaux Arts. Jugendstil kann man aber auch an zahlreichen Hausfassaden im Stadtbild bewundern und in der 1911 erbauten Brasserie Flo. Hinter Glasblumen-Fenstern von Jacques Gruber und unter gewaltigen Lüstern und Stuck findet der Genießer seinen Platz in reinem Jugendstil, wohingegen das Untergeschoss in bestem Art Deco erbaut ist. Viele schöne Orte und Landschaften findet man am Weg: Bar-le-Duc, Frankreichs kleinste Département-Hauptstadt mit seiner historischen Oberstadt, die Festung Montmedy, die alte Bischofstadt Toul auf dem Weg von Metz nach Nancy oder die Vogesen. Für den aufmerksamen Besucher hat die unbekannte Region im Osten Frankreichs vieles zu bieten. Es lohnt, die Landschaft fahrend zu entdecken und dann und wann ein Picknick zu machen. Auf dem Wochenmarkt, beim Bäcker und Metzger auf dem Dorf kann man das Nötigste erstehen: Baguette, Wurst, Früchte, gebratenes Geflügel, Weißwein und Mineralwasser aus der Region. Dann setzt man sich ins Freie, packt aus und genießt Lothringen.
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