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Japans Schönheit: Japans Seele
20.09.2003
Mit einem wachen, forschenden Blick erwartet am Anfang der Ausstellung die Statue des ersten Shogun Japans den Besucher. Die Statue von Minamoto no Yoritomo, dem Gründer der Minamoto-Herrschaft, ist das älteste Exponat in dieser Ausstellung und symbolisiert den Beginn des goldenen Mittelalters im 13./14. Jahrhundert. Eine neue Vielschichtigkeit und Dynamik entstand in der damaligen japanischen Gesellschaft, die mit dem Auftritt der Shogune viel an Reichtum hinzugewann. Aus dem verfeinerten Lebensstil der Shogune und Samurai, der Fürsten und Krieger, entwickelte sich eine eigene Ästhetik. Sie manifestierte sich in Architektur, Malerei und Lackkunst, aber auch in Waffen und Keramik sowie im Weg des Tees und dem Noh-Theater mit ihrem vielfältigen Zubehör, das die bisher vornehmlich von der Kunst der Edo-Zeit geprägte Sicht auf Japan in Europa wesentlich erweitert. Mit einer Auswahl von 117 der bedeutendsten Kunstwerke aus seinen Sammlungen präsentiert sich zwischen dem 29. August und dem 26. Oktober das Tokyo National Museum in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Zu sehen ist eine hervorragende Auswahl klassischer japanischer Kunst wie sie noch nie in diesem Umfang außerhalb Japans zu sehen war. Unter den Exponaten befinden sich mehrere Nationalschätze Japans und zahlreiche "wichtige Kulturgüter" eine seltene Gelegenheit, die außergewöhnliche Kunst des ostasisatischen Inselreichs kennen zu lernen. Die Exponate stammen aus dem Zeitraum vom Mittelalter bis zur frühen Moderne; von der zweiten Hälfte der Muromachi Periode (15. Jahrhundert) bis zur frühen Edo-Periode (frühes 18. Jahrhundert). Klassisch ist diese Epoche in dem Sinn, dass hier Objekte zu sehen sind, die das grundlegende Verständnis des Schönen in der japanischen Kultur ansprechen: Die Entstehung, das Werden dieser Schönheit und die Entwicklung dieser Ästhetik sind das Grundmotiv, das die Ausstellungsstücke miteinander verbindet. Selbstfindung In der Muromachi-Periode, Anfang des 14. Jahrhunderts, lässt sich der Beginn der spezifisch japanischen Weltbetrachtung vermuten. Wirtschaftliche Stabilität in ganz Ostasien und ein blühender Handel mit dem China der Ming-Dynastie zogen einerseits einen nicht unerheblichen chinesischen Einfluss, andererseits aber auch einen neuen Grad der Individualität nach sich.
Die Muromachi-Periode ist beispielhaft für eine Hochkultur, die bewusst Fremdkulturen einbezog, diese nach ihrem Geschmack umgestaltete, und es verstand, die eigene wie auch die Fremdkultur gleichermaßen zu nutzen. Diese Epoche, die im ersten Ausstellungsbereich im Mittelpunkt steht, spiegelt den Kulturraum der Ritter und des Shôguns wider. Aus den Sammlungen der mittelalterlichen Herrscher stammen die hochklassigen chinesischen und japanischen Zen-Malerei sowie Objekte der frühen Shoin-Tee-Zeremonie In dieser Zeit steigt auch Kyoto als Kultur- und Herrschaftszentrum, als Idee und als Ideal des Schönen empor. Vergleichbar mit einem europäischen Stadtstaat wie Venedig blühten Kyoto und die nahe gelegene Stadt Sakai durch Handel und Kultur. Der wahre Charakter Kyotos liegt in der Vielschichtigkeit der Kultur, die von Aristokraten, Rittern, Kaufleuten, Künstlern und Bürgern getragen wurde. Über die Jahrhunderte hinweg war die Stadt Wiege zahlreicher neuer Strömungen. Zu diesem Bereich zeigt die Ausstellung zahlreiche Kalligraphien, darunter die des Zen-Mönchs Ikky . Während die Schriften der adeligen Poeten eine romantisch verspielte Stimmung vermitteln, spiegeln die ausgesuchten Lackschreibkästen mit Goldverzierung die üppige und dennoch feine Eleganz des goldenen Mittelalters in Japan wider.
Der dritte Bereich zeigt die vornehmen Masken und Gewänder des traditionellen Noh-Theaters. Das heute bekannte Noh war während der Muromachi-Periode (1336-1573) entstanden. Zu dieser Zeit gewannen nicht nur die hochkultivierten Tänze, sondern auch die populären Tänze an Beliebtheit und leiteten schrittweise eine Fusion verschiedener Tanzformen ein, die von Zoami Motokiyo (ca. 1363 bis 1443) als Noh vollendet wurde. Die Geschichten, die durch die Jahrhunderte hindurch im Noh erzählt werden, basieren auf den ältesten Überlieferungen Japans, nämlich der Kommunikation zwischen Menschen und Gottheiten. Hand in Hand mit dem Geist des No geht die Ausdrucksweise der Ästhetik des Yugen. Yugen lässt sich als das Schöne des Unergründlichen und des Mysteriösen erklären, die sich in der weiteren Entwicklung auch mit dem Zen-Buddhismus verband. Eine neue Einfachheit Im Kontrast zu der Schwere des Yugen steht die Tee-Zeremonie der Momoyama-Periode. Zu Beginn der Momoyama-Periode wurde die Muromachi-Regierung gestürzt. Viele herkömmliche gesellschaftliche Maßstäbe wurden nicht nur in Frage gestellt, sondern auch eine Neuformation ermutigt ein Mann bäuerlicher Herkunft konnte zum Herrscher Japans aufsteigen. Die Lebensfreude und Ambitionen der neuen, revolutionären Gesellschaft, die sich in ihrem neugewonnenen materiellen Wohlstand einrichtete, der zu barockem Geschmack und prunkvollem Kulturausdruck antrieb, war der Nährboden für die imposante und dynamische Kunst der Momoyama-Periode.
Im Gegensatz zum Shoin-Tee der Muromachi-Periode kehrte die neue Wabi-Tee-Zeremonie der chinesischen Kunst den Rücken. Im Konzept des Wabi findet die japanische Zuneigung zu den ungekünstelten, naturnahen Phänomenen einen neuen Ausdruck. Hautnah kann man diese Ästhetik an abstrakten Keramiken wie der Iga-Vase mit Handgriffen oder der Teeschale "Brückenprinzessin" erleben. Dieses Streben nach natürlicher Einfachheit war ein bewusster Verzicht auf materiellen Wert, der die Üppigkeit der frühen Momoyama-Periode durch eine neue geistige ästhetische Qualität zu ersetzen suchte. Der Weg des Kriegers "Samurai" ist in Europa ein Begriff und gilt als das Bild des idealen japanischen Ritters. Eigentlich aber kommt der bushi, der mittelalterliche Ritter Japans, diesem Bild näher. Der Aufstieg dieser Krieger begann mit dem Untergang der kaiserlichen Macht am Ende des 12. Jahrhunderts. Trotz ihres Kriegerdaseins sind die bushi auch aus der kulturellen Entwicklung Japans nicht wegzudenken. In dieser Ausstellung werden die bushi durch ihre Hauptmerkmale vertreten, an erster Stelle die japanische Rüstung und das japanische Schwert, das auf der Welt einzigartig ist. Seine Klinge wird selbst als Kunstwerk und lebende Seele betrachtet. Die Qualität ist so hoch, dass nur noch die Damaszener Klinge sich mit ihr messen kann. Unter anderem sind Klingen wie die Hannya Nagamitsu. zu sehen, die als Nationalschatz nur höchst selten außerhalb Japans zu sehen sind. Dagegen repräsentieren die großen Standschirme wie der Nationalschatz "Zypressen Baum" die Ikonographie der Macht in den Regentensälen. Ihre Symbolik lehnt sich an die alte chinesische Glücks- und Machtsymbolik an und sie deutet die immerwährende Tugend und Macht des Herrschers an.
Der leuchtende Edelstein Die Bezeichnung Rinpa geht auf den Namen von Ogata Korin zurück und nimmt eine Silbe bzw. ein Schriftzeichen seines Namens, kombiniert mit ha (Stil, Richtung, Schule). Das Zeichen rin bedeutet: schöner, funkelnder Edelstein und bringt die Leuchtkraft, die den Malereien dieser Schule zu Eigen ist, gut zum Ausdruck. Die Ritterdamen bevorzugten in ihrer Kleidung ein höchst modern anmutendes Design und bestimmte poetische, ritterliche und glücksbringende Motive. Die in dieser Ausstellung zu sehenden Kimonos der erscheinen in ihrer erfrischenden und abstrakten Art so modern, als wären sie eben neu entworfen worden. Die Schule der Rinpa-Künstler schließt die Ausstellung mit einer besonderen Note ab. Als typisch japanische Malerei und Ästhetik basiert sie auf der alten aristokratischen Kunst. Diese Renaissance der japanischen Klassik wird von Künstlern, die sich in ihrer jeweiligen Generation ungezwungen und unabhängig zu dieser Schule bekannten, zu neuem Leben erweckt. Die Anfänge dieser Schule liegen im 17. Jahrhundert und wurden im frühen 18. Jahrhundert von ihren berühmtesten Vertretern Ogata Korin (1658-1716) und Ogata Kenzan (1663-1743) zur höchsten Reife gebracht. Von beiden Künstlern sind hervorragende Stücke, wie der sehr bekannte Standschirm "Sturm- und Donnergott" von Ogata Korin ausgestellt. Die Essenz der Rinpa-Kunst liegt vor allem aber in ihrer Vielseitigkeit, in ihrer Natur als früheste Design Schule, die nicht nur malte, sondern sprichwörtlich einen ganzen Lebensstil kreierte, indem sie von Lackkästen, Tischservicen und Schalen der Tee-Zeremonie bis hin zu Kimonos alles entwarf, womit man sein Leben bereichern konnte. Sie greift die Formen und Motive der Klassik auf und ist damit ein Spiegel der alten japanischen Seele, der auch viele der vorangegangenen Elemente der Ausstellung reflektiert
Die Exponate dieser Ausstellung spiegeln das Denken und Leben im alten Japan wider. Die hohe Qualität des Materials sowie der technischen Fertigkeit lassen keinen Zweifel aufkommen, dass diese Kunst eine Anmut und Originalität ausstrahlt, deren Sinn sich vielleicht nicht augenblicklich erschließt, deren Ästhetik sich jedoch unmittelbar mitteilt. Die Ausstellung in Bonn veranschaulicht anhand bedeutender Beispiele aus der Sammlung des Tokyo National Museum die Komplexität dieses goldenen Zeitalters der japanischen Kunst. Die lebendigen Kontraste zwischen einer indirekten, unauffälligen Schönheit und glänzender Prachtentfaltung, zwischen ländlichem und städtischem Leben, zwischen der Beschaulichkeit der Teezeremonie und dem Prunk einer Residenz lassen ein faszinierend neues Bild der Kunst Japans entstehen. Kunst- und Ausstellungshalle Telefon (0228) 9171-0 Öffnungszeiten: Geöffnet an allen Feiertagen, auch denen, die auf einen Montag fallen bis 19 Uhr. Geschlossen: Montag
(Text: Rainer Roßbach ) |
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