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La Réunion: "Klein-Frankreich" im Indischen Ozean
23.10.2004
Auf La Réunion sind die meisten Siedlungen nach Heiligen benannt, wohl um zu zeigen, daß man hier ins Paradies eingetreten ist das Paradies der Vielfalt. La Réunion ist hundertfach verschieden, vermischt, verwunschen: eine Inselgruppe im Indischen Ozean und gleichzeitig ein französisches Department, ein Kreuzweg der europäischen, afrikanischen, madegassischen, indischen und chinesischen Einflüsse. Die Landschaften der "Insel der großen Gefühle" sind mysteriös, einladend, und einen einfachen Weg ins Herz der Insel gibt es nicht. Am 9. März 1998 flossen nach sechsjähriger Pause wieder die mächtigen Lavaströme im Piton de la Fournaise (2.500 m), dem Vulkan der Insel La Réunion. Trotz des Monsterstaus, der durch solche Ereignisse normalerweise ausgelöst wird, strömen Touristen und Einheimische an den Ort, wo sich die Pforten zur Hölle des Erdinnern öffnen. Ein beeindruckendes Schauspiel... und meist vollkommen gefahrlos. Der Piton de la Fournaise explodiert nämlich nicht. Er macht sich nur durch die austretenden Lavamassen bemerkbar, die langsam und zäh zum Meer hin fließen. Ozean, sanftes Klima, reines Wasser, fruchtbare Ebenen, riesige Wälder, fischreiche Flüsse, da und dort ein Talkessel mit hochragenden Felswänden ... nichts kann den Zauber von La Réunion stören, wo Tropenkrankheiten unbekannt sind. Man versteht, warum es die Touristen in dieses "duftende Land, das von der Sonne verwöhnt wird" (Baudelaire) zieht, auf diese kleine Insel in der Inselgruppe der Mascareignes, die mitten im Indischen Ozean liegt. Aus Wasser und Feuer entstand La Réunion (5.500 km2) als Basaltberg in Form einer Ellipse. Die Basis dieses immensen Vulkans liegt 3.500 m unter dem Meeresspiegel, und die Spitze im Nordwesten der Insel, genauer gesagt, im Piton des Neiges (3.069 m), ist seit mehreren tausend Jahren erloschen. Seitdem hat sich der Kamin des Vulkans verschoben. Das Basalt-Magma tritt nunmehr im Südosten im Piton de la Fournaise aus. Strände und Wasserfälle
Die Hauptstadt von La Réunion, Saint-Denis, ist die größte französische Stadt außerhalb des Festlands (122 000 Einwohner). Eingezwängt zwischen der Küste und den steilen Berghängen bietet die Stadt wenig bedeutende Bauwerke, mit Ausnahme der pompösen Präfektur, einem richtigen kleinen Palais, das vom Gouverneur der Insel im 18. Jahrhundert direkt am Meeresrand erbaut wurde. In Saint-Denis lebt aber in den schnurgeraden, lebenserfüllten Gassen der Altstadt immer noch der vergangene Charme einer Stadt der Kolonialzeit. In der Rue de Paris reihen sich prächtige kreolische Bürgerhäuser mit zauberhaften Gärten aneinander. Mangosträucher, Orchideen, Farnkräuter, Bougainvillea und Rosen wetteifern miteinander um den Preis der Schönheit. Nicht weit entfernt finden sich chinesische Geschäfte und tamilische Kramläden neben dem pittoresken Petit Marché, wo Obst, Gemüse und Blumen ihre Düfte in einer Symphonie von Farben verstrahlen. In jeder freien Minute brechen die Einwohner von Saint-Denis nach Westen auf, wo kaum eine halbe Stunde entfernt 35 km Strand einladen, von Saint-Paul bis Petite-Ile. In Boucan-Canot baden die Reichen, in der Lagune der Saline mit ihrem lauen, seichten Wasser ist es schon preisgünstiger. Auch für die Sportlichen gibt's allerhand. Sie können segeln, windsurfen, angeln, tiefseetauchen ... Saint-Leu bietet sogar einen der berühmtesten "Spots" der Welt. Wenn man dann weiter nach Süden fährt, wird die Küste wild. An Felsspitzen, Riffs, Vorsprüngen und Klippen brechen sich die Wogen. Der Abhang des Vulkans wird hier sanfter und ermöglicht den Anbau von Blumen, Obst und Gemüse. Hier liegt auch die Wiege der Kräuter und Wohlgerüche (Geranien, Vetiver...). Die Grègues-Ebene über Saint-Joseph ist die regionale Hauptstadt der Gelbwurzel, einer duftenden Spezerei, die für den Cari, die Spezialität von La Réunion, unbedingt gebraucht wird. Die im Windschatten liegende Küstenseite ist das Land der Wasserfälle, der Zuckerrohrfelder und der Bourbon-Vanille. Die handwerklich aufgezogene Orchidéen-Liane wächst hier derart kräftig, daß sie als Duftbestandteil des berühmten Parfums Shalimar von Guerlain verwendet wird. Die Geschichte erzählt, daß ein junger Sklave der Insel, Edmond Albius, im Alter von zwölf Jahren, im Jahr 1841 eine einfach Methode fand, die Vanilleblumen künstlich zu befruchten, so daß der kommerzielle Anbau möglich wurde.
Natur im Überfluß Mehr noch als für seine Küste ist La Réunion für die atemberaubende Schönheit der Landschaften im Hinterland bekannt, die von tausenden Kilometern Wanderwegen durchzogen werden. Die drei Talkessel (Cilaos, Mafate, Salazie) sind riesige Vulkankrater mit einem Durchmesser von rund einem Dutzend Kilometern, deren steile Wände fast senkrecht hochragen. Von Winden und tropischen Regen geformt, bilden sie rund um den Piton des Neiges ein vielfältiges Relief, das von Quellen, Bächen und Wasserfällen durchzogen wird. Der vom Fluß Mât entwässerte Talkessel Salazie ist der größte und üppigste von La Réunion. Die warmen Winde bringen reichlich Regen. Über seine steilen Felswände, die zu den höchsten der Welt gehören (1.000 m), ergießen sich rund hundert Wasserfälle. Wegen seiner Unwegsamkeit fanden hier früher entlaufene Sklaven Zuflucht - heute ist die Zufahrt kein Thema mehr. Mafate ist wilder und liegt weiter landeinwärts. Nur zu Fuß oder per Hubschrauber erreicht man diese Naturschönheit. 650 Personen leben hier in einem Dutzen Dörfern. Ihre Beziehungen zur Außenwelt erschöpfen sich oft im Kontakt mit dem Briefträger, der Runde für seine Runde nie weniger als drei Tage benötigt. Der Talkessel von Cilaos ist eher trocken und verdankt seine Bekanntheit dem Wein (nur hier gibt es Weinbau auf der Insel), vor allem aber seinem Wasser. Im Jahre 1819 wurden drei Thermalquellen entdeckt, die zwischen 31 und 38°C warm sind. Eine moderne Anlage wurde für Rheumakranke errichtet. Aber auch das blumengeschmückte Dorf Cilaos, Ausgangspunkt zahlloser Wanderungen, wird gerne besucht.
Zwischen den Talkesseln und dem Vulkan erstrecken sich weite Ebenen. Mit dem Wald von Bébour, den Feldern mit weißen Ahornstäben, den Hortensien und den Goujavebäumen ist die Ebene der Palmistes eine Oase der Frische, wo man sich früher von den Schrecken der Malaria erholte. Nach einer Durchquerung der Plaine des Sables mit ihrer Mondlandschaft aus roten und schwarzen Schlacken, zeichnet sich der fast perfekte Kegel des Piton de la Fournaise ab. An erloschenen Kratern mit zackigen Formen vorbei kommt man zum letzten Wall, der den Hauptkrater abschirmt. Über einen Saumpfad kann man hier sogar in der Wand absteigen ... Weiter unten versteht man die ruhige, aber auch bedrohliche Kraft, mit der die Lavaströme immer wieder bis ans Meer fließen. 1977 fraß die rote Lavazunge im Dorf Piton Sainte-Rose mehrere hundert Hektar Land, verbrannte rund dreißig Häuser, unterbrach die Straßen, floß wundersamerweise um die Kirche und die Gendarmerie herum und fiel dann in einer riesigen Dampfwolke ins Meer. Seitdem trägt der Berg die schwarze Lavakruste wie eine Narbe. Weitere Informationen:
(Text: Label France / Emmanuel Thévenon /rr) |
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