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50 Jahre 190 SL: Traumwagen des Wirtschaftswunders
16.06.2005
Vor 50 Jahren fuhr bei Mercedes-Benz in Stuttgart der erste 190 SL vom Band. Der kleine Bruder des legendären 300 SL Flügeltürers entwickelte sich, trotz seines eher komfortablen Charakters, rasch zum Traumwagen der 50er Jahre. Auf der "International Motor Sports Show" in New York im Jahr 1954 präsentierte die Stuttgarter Automobilmarke gleich zwei Sportwagen: das Flügeltürer-Coupé 300 SL und den offenen 190 SL. Beide Roadster gingen auf die Initiative des amerikanischen Mercedes-Importeurs Maximilian (Maxi) E. Hoffman zurück, der beiden Typen große Chancen für den US-Markt gab und damit Recht behielt: Beide Baureihen verkauften sich sehr erfolgreich. Die Karosserie des 190 SL entwarfen Karl Wilfert und Walter Häcker. Das im Februar 1954 in New York gezeigte Exemplar war ein Prototyp, der weder technisch erprobt noch stilistisch ausentwickelt war. Aber schon im März 1955 präsentierte Mercedes-Benz auf dem Automobilsalon Genf die endgültige Ausführung. Sie zeigte im Vergleich zum Prototypen deutliche Unterschiede: Die stilisierte Ansaughutze auf der Motorhaube war weggefallen, die Vorderkante der Motorhaube war nach hinten verlegt, auch über den hinteren Radausschnitten gab es Lanzetten, und die Stoßstangen, Blinker und Rückleuchten wiesen deutliche Modifikationen auf. Das Werk Sindelfingen produziert bereits seit Januar 1955 die Vorserie, die Hauptserie lief im Mai an.
Der 300 SL begeisterte das Publikum mit seinen typischen Flügeltüren und den Leistungen eines reinblütigen Rennsportwagens, die die 300 SL-Prototypen seit 1950 auf vielen Rennstrecken der Welt unter Beweis gestellt hatten. Der 190 SL hingegen wollte nichts weiter sein, als ein eleganter Sportwagen mit guter Alltagstauglichkeit. In dieser Rolle akzeptierte auch das Publikum den 190 SL. Als die Serie des Roadsters schließlich Mitte 1955 anlief, fasste die "Motorrundschau" treffend zusammen, was viele über den 190 SL dachten: "Der Wunschtraum für Tausende, für die der 300 SL unerreichbar ist." Passend zur Sommersaison 1955 ging der Vierzylinder-Sportwagen 190 SL im Werk Sindelfingen in Serienproduktion. Als sportlich-eleganter zweisitziger Reise- und Tourensportwagen konzipiert, wurde der intern W 121 genannte Wagen rasch populär.
Der 190 SL überzeugte vor allem durch seine optischen Eigenschaften. Noch heute gilt das Design als eines der gelungensten von Mercedes. Der Fahrer oder die Fahrerin blickten über die lange, niedrige Motorhaube auf die Fahrbahn. Vollständig versenkbare Seitenscheiben gewährten Rundumsicht und boten ungetrübtes Open-Air-Vergnügen. Die großen Instrumente lagen perfekt im Blickfeld. Das gesamte Ambiente vermittelte echtes Sportwagengefühl. Das änderte sich auch nicht, wenn der 190 SL in Bewegung gesetzt wurde. Die Basis für den Mercedes-Roadster bildete die Limousine des Typs 180. Obwohl das Gesicht des 190 SL wie das etwas verkleinerte Abbild des 300 SL wirkte, hatte er keinen aufwendigen Gitterrohrrahmen, sondern die besonders verwindungssteife Rahmenboden-Anlage der Limousine, die für den Zweisitzer gekürzt worden war. Die aus der Renntechnik übernommene aufwendige Eingelenk-Pendelachse mit tief gelegtem Drehpunkt sorgte für eine gute Bodenhaftung und bot damit die besten Voraussetzungen für eine weit überdurchschnittliche Straßen- und Kurvenlage. Auch die Vorderradaufhängung einschließlich des Fahrschemel-Konzepts stammte vom 180er und trug im 190 SL ebenfalls zum damals hoch gelobten Fahrverhalten bei, das durchaus sportlichen Charakter zeigte. Unter der langen Motorhaube arbeitete ein neu entwickelter Vierzylinder mit 1,9 Liter Hubraum, oben liegender Nockenwelle und zwei Horizontal-Stufenvergasern. Das Triebwerk leistete 105 PS. Damit erreichte der Zweisitzer eine Geschwindigkeit von deutlich über 170 km/h und beschleunigte etwa in 14 Sekunden von null auf 100 km/h. Während seiner Produktionszeit erfuhr der 190 SL zahlreiche Detailverbesserungen. Zu nennen sind die breiten Chromleisten am oberen Türabschluss (Einführung März 1956) und größere Rückleuchten (Juni 1956, wie auch bei den Typen 220a, 219 und 220 S verwendet). Im Juli 1957 wurde die hintere Kennzeichenbeleuchtung in die Stoßstangenhörner verlegt, um die Montage der seinerzeit eingeführten breiten Kennzeichenschilder zu ermöglichen. Damit gehörten die hinteren Stoßstangenhörner zur Grundausstattung, vorn waren sie gegen Aufpreis erhältlich; die USA-Ausführungen hatten sie schon immer rundum serienmäßig gehabt. Von Oktober 1959 an sorgte ein neues Hardtop mit größerer Heckscheibe bei den Coupés für eine deutlich bessere Sicht nach hinten. Im August 1960 wurde das Schloss des Kofferraumdeckels geändert, gleichzeitig ersetzte ein Muschelgriff den zuvor verwendeten Bügel.
Zunächst gab es ausschließlich den Roadster mit Stoffverdeck (Preis 1955: 16 500 D-Mark). Im Herbst des gleichen Jahres gesellte sich dann ein Coupé mit abnehmbarem Hardtop, wahlweise mit oder ohne Stoffverdeck hinzu (Preis September 1955: 17 650 D-Mark / 17 100 D-Mark). Außerdem gab es als Sonderausstattung zunächst noch eine Ausführung für den Sporteinsatz mit leichteren Seitentüren mit Armausschnitt, demontierten Stoßstangen sowie einem kleinen Plexiglasschild vor dem Fahrer, das die Windschutzscheibe ersetzte. Die Oberste Nationale Sportkommission (ONS) homologierte diese Sportversion nicht. Deshalb wurde sie im März 1956 aus der Produktion genommen. Das bedeutete zwar das Ende einer möglichen Sportkarriere für den 190 SL in Europa, aber 1956 belegte er beim Großen Preis von Mação den zweiten Platz und wurde Klassenbester. 1958 errang er den Klassensieg bei der Hongkong-Rallye. Sportliche Meriten verdiente sich der 190 SL schließlich auch noch, nachdem ihm 1961 ein Dieselmotor eingepflanzt wurde, mit dem er viele Dieselrekorde fuhr. Produziert wurde der Mercedes-Benz 190 SL bis zum Jahre 1963. Wie beliebt und erfolgreich der Zweisitzer war, zeigen auch die Produktionszahlen: Zwischen Mai 1955 und Februar 1963 entstanden in Sindelfingen 25 881 Exemplare.
(Text: rr / pt )
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