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Festival of Speed: Alte Autos, alte Herren
28.06.2005
Ganz gleich, ob man sich für Fahrzeuge aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, für die Rennsportwagen der Siebziger, für US-Motorsport oder die aktuelle Formel 1 interessiert: Goodwood bietet jedem etwas. Da die Veranstalter bei der Auswahl zudem Wert auf Qualität, Originalität und ein interessante Historie legen, wird ein Besuch des Festival of Speed für Kenner zu einer spannenden Entdeckungsreise. Und die Bandbreite ist so groß, daß damit offensichtlich auch alle die zu begeistern sind, die einfach nur einen schönen Nachmittag erleben wollen. Junge Frauen, gepflegte ältere Damen, Familien mit Kleinkindern und Picknickkorb erfreuen sich gleichfalls an der Atmosphäre des Festival of Speed: ein Publikum das bei Veranstaltungen dieser Art in Deutschland eher selten anzutreffen ist. In mehr als einhundert Jahren Motorsport finden sich immer genug Themen, um dem Festival of Speed einen passenden Aufhänger zu bieten. So wurde dieses Jahr natürlich Stirling Mossë Sieg auf Mercedes bei der Mille Miglia 1955 besonders gewürdigt. Vor fünfzig Jahren gewann Moss in Rekordzeit die Mille Miglia. Das Jahr 1955 gilt ohnehin als das erfolgreichste des charismatischen britischen Rennfahrers: Neben der schnellsten "Mille" aller Zeiten gewann er mit dem 300 SLR auch die Targa Florio und die TT. Im gleichen Jahr siegte er als erster britischer Pilot überhaupt beim Grand Prix auf der Insel. Der erfolgreiche Monoposto, ein W 196, war auch in Goodwood zu sehen. Der Weltrekordwagen "Blitzen-Benz" von 1910 und der privat gemeldete Siegerwagen des GP von Frankreich 1914 rundeten den Mercedes-Auftritt ab.
75 Jahre Ferrari-Rennsport sahen als exponiertestes Fahrzeug einen 312PB, mit dem man 1972 die Langstreckenweltmeisterschaft überlegen gewonnen hatte. Dazu gab es Raritäten wie den Ferrari 410 von 1955, der die Panamericana Mexicana des gleichen Jahres bestreiten sollte, aber nicht an den Start ging. Besonders erfolgreich sind BMWs 3er seit 30 Jahren. Mit einem E23 des BMW Junior Teams, einem E30 M3 und dem 320d, mit dem BMW das 24h-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gewann, war ein Querschnitt dieser Zeit zu sehen. Porsche brachte zwei Formel-1-Rennwagen von 1960 und 1962 an den Start. Zwei privat gemeldete 917 von 1970 sowie ein 959 von 1983 und ein 962 von 1988 erinnerten an die erfolgreichsten Epochen der Porsche-Sportgeschichte. Audi feierte neben 25 Jahren Quattro-Technik auch den aktuellen Sieg des R8 in Le Mans. Das Festival of Speed räumt Amerika und seiner einzigartigen Rennszene immer einen besonderen Platz ein. Dieses Jahr feiert der Chevrolet Small Block-V8 seinen 50. Geburtstag. Der meistgebaute Automotor der Welt hat auch im Rennsport erfolgreich Karriere gemacht: Corvette, Camaro, Stock Cars und Formel 5000 nutzten den Motor als Antrieb. Die gleichfalls anwesende Indy 500-Riege zeigte nicht nur so herausragende Fahrzeuge wie den letzten Chaparral, der 1980 das legendäre Oval-Rennen und die Serie dominierte - die aus den USA eingeflogenen Kurtis-Kraft, Penske und Eagle wurde auch von den alten Indy-Kämpen Rutherford, Al Unser jr. und Arie Luyendyk gefahren. Es ist ohnehin ein besonderes Markenzeichen von Goodwood, daß man Fahrer mit ihren alten Fahrzeugen zusammenbringt. So nahm Stirling Moss zum erstenmal seit 1961 wieder im allradgetriebenen Ferguson-Climax-Formel 1 Platz, Emerson Fittipaldi fuhr den Lotus 72, mit dem er 1973 Weltmeister wurde und John Surtess gab dem Honda RA300 die Sporen, mit dem er 1967 den Grand Prix von Italien gewann.
Wer keinen besonderen Geburtstag zu feiern hatte durfte trotzdem kommen. 40 Jahre Honda im Automobilrennsport waren Grund genug, die große Skulptur vor Goodwood House mit Formel-Rennern aus der Renngeschichte der Japaner zu bestücken. Sechs Monoposti schaukelten als Mobile über den Köpfen der Zuschauer. Die zwei ältesten der montierten Fahrzeuge waren perfekte Replika. Deshalb konnte man den Original-RA272, mit dem Richie Ginther den ersten Honda-Formel-1-Sieg errang, auf der Strecke sehen. Ein besonderer Höhepunkt für die englischen Besucher war der Napier, der 1905 das Gordon-Bennett-Rennen von Wien nach Paris gewann. Dieser Erfolg begründete nicht nur die herausragende Stellung englischer Firmen im Motorsport, der grüne Lack des Siegerfahrzeugs wurde zum Symbol englischer Rennwagen. "Britisch Racing Green" als nationale Farbe war geboren und zierte in verschiedenen Schattierungen alle Rennfahrzeuge von der Insel, bis Colin Chapman ab 1968 seinen Lotus 49 in Sponserfarben lackierte. Motorsport hat in England eine andere, volkstümliche Bedeutung. Die englischen Teilnehmer nehmen das Festival of Speed beim Wort und treiben auch Vorkriegstechnik, im Kampf um die Sekunden am Berg, im Drift um die Kurven. Man kann natürlich befremdet sein, daß technisches Kulturgut auf diese Weise gefährdet wird, aber der besondere Reiz eines Rennwagens zeigt sich eben erst dann, wenn er wettbewerbsmäßig bewegt wird. Die Arbeit des Fahrers im Grenzbereich, die Dynamik des Fahrzeugs sowie die Geräuchkulisse lassen dann das Geschehen auf der Strecke authentisch werden.
Die französischen Farben vertrat Renaults Formel-1-Team mit dem aktuellen R24. Zusätzlich hatte der Konzern aus Billancourt auch den ersten Turbo-Formel 1 RS01 von 1977 dabei. Besonders interessant waren auch Le Mans-Teilnehmer wie der Alpine Renault A220 von 1969 oder ein Kompressor-CD-Panhard SP 66 von 1964. Geradezu sensationell war aber der Autritt des Matra-Museums: Nicht weniger als sechs Formel- und Sportwagen fanden den Weg auf die Strecke. Die Matras glänzten mit einer ganz besonderen Patina. Offensichtlich wurden sie direkt nach ihrem letzten Renneinsatz ins Museum gestellt ihr originaler Zustand bildete einen spannenden Kontrast zu einigen überrestaurierten Exponaten, die auch im Paddock zu sehen waren. Improvisation war in den Siebziger Jahren üblich in den Rennabteilungen: die Optik wurde nur so weit optimiert, wie es für die Sponsoren erforderlich war. Der blasse Lack, die kleinen Kratzer und Dellen, die Gummi-Spannbänder aus der Campingabteilung, mit der die Airbox notdürftig befestigt war, erzählen Geschichten aus einer Zeit, als der Motorsport noch nicht durchkommerzialisiert war. Für Historiker besonders interessant war der MS650 von 1969. Hierbei handelte es sich um das Einsatzfahrzeug der Tour de France aus dem gleichen Jahr. Da bei dieser Langstreckenveranstaltung die Verbindungsetappen zwischen den Rundstrecken und Bergrennstrecken auf der eigenen Achse zurückgelegt werden mussten, wurde der Wagen entsprechend präpariert. Für den Navigator ist ein zweiter Sitz mit passenden Windschutz eingebaut, ein Tachometer, der bis 320km/h reicht und elektrische Zusatzlüfter an den vorderen Kühlern machten den Wagen fit für den Feierabendverkehr in den französischen Kleinstädten Ende der Sechziger Jahre. Auch wer sich nicht für alte Rennfahrzeuge interessiert, bekam genug geboten. Eine Sonderausstellung auf den Cricket Field zeigte Luxus-Limousinen aus den Jahren zwischen 1954 und 1981, darunter so seltene Stücke wie einen Vanden Plas Type R, einen Facel Vegal Excellence oder einen Daimler Majestic Major. Goodwood ist ein Mekka der Automobil-Geschichte und das sehen die inzwischen über 150.000 Besucher auch so. Deshalb gibt es seit zwei Jahren die Eintrittskarten nur noch im Vorverkauf. Wer das grandiose Spektakel im nächsten Jahr gerne selbst sehen möchte, dem kann nur empfohlen werden, die Karten rechtzeitig zu buchen.
(Text: Dieter Roßbach )
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