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Mercedes-Benz S 500 L: Der kleine Maybach
19.10.2005
Sie sind nicht zu beneiden, die Mercedes-Benz-Ingenieure. Alle sieben oder acht Jahre müssen sie sich wieder einer besonderen Aufgabe stellen: eine neue S-Klasse muss entwickelt werden. Sie müssen ein Produkt verbessern, das die Spitze der Automobilentwicklung in seinem Segment darstellte, es muss deutlich besser werden, ohne den Kostenrahmen zu sprengen. Für die neueste Ausgabe der Baureihe kam dann noch eine weitere Beschränkung hinzu: der Konzern-Exklusivmarke Maybach durfte man dabei nicht zu nahe kommen, um den ohnehin eher schleppenden Absatz dieser Nobelautos nicht noch weiter zu senken. Nun ist sie also zu kaufen, die neue S-Klasse. Nachdem man bei Mercedes, dem Druck der Straße gehorchend, die letzte Variante sehr unaufällig und etwas kleiner gestaltet hatte als der wuchtige Vorgänger, war nun wieder Wachstum und mehr Dominanz gefordert. Dem trägt die Gestaltung der Außenhaut deutlich Rechnung. Der W221 trägt seine traditionelle Kühlermaske wieder mit mehr Selbstbewußtsein. Sie steht senkrechter als beim Vorgänger und ist mit den breiten Chromrand prägnanter. Zwei kräftige Sicken in der Motorhaube unterstreichen den Effekt noch. Die herausgearbeitete Radläufe folgen einem modischen Designtrend, zusammen mit dem stark konturierten Schweller, der die Trittbretter der Vorkriegswagen zitiert und die mit einer kleinen Chromleiste geschmückt ist sowie der Lichtkante unterhalb der Türöffner schafften die Mercedes-Designer eine gestreckte und flüssige Seitenansicht. Der Wagen ist hoch geworden, aber die Dachlinie läuft wie bei einem Coupé weit nach hinten aus und drückt den Aufbau optisch. Das Heck zitiert Maybach – und BMW, ist aber kein simples Plagiat. Der W221 verzichtet auf billige modische Gags und vordergründige Schönheit. Die Qualität des Designs erschließt sich erst nach einer Weile, aber das ist für ein Auto, dass wie der Vorgänger bis zum Poduktionsende die Markführerschaft in seinem Segment halten soll, auch notwendig, und einer schnellen Abnutzung vorzubeugen.
Der Qualitätseindruck entspricht schon bei den ersten produzierten Fahrzeugen dem Anspruch der Marke. Alles passt, öffnet und schließt perfekt und fühlt sich angenehm an. Da fallen dann die kleinen Mißgriffe besonders auf: eine billige und schlecht eingepasste Plastikabdeckung, die die Radarantenne des Abstandsradars für den Nachfahrassistenten verdeckt, verunstaltet den Kühlergrill und damit das Gesicht des Autos nachhaltig. Aus ästhetischen Gründen sollte man also auf diese optionale Fahrhilfe verzichten. Nur arbeitet sie leider so perfekt und passt so gut zum Charakter des Autos, dass dadurch ein nicht zu lösender Konflikt entsteht. Nehmen wir Platz im W221, dort, wo der Besitzer der Langversion wahrscheinlich auch sitzen wird: hinten rechts. Trotz der abfallenden Dachlinie ist der Einstieg bequem und die Kopffreiheit selbst für großgewachsene Personen gut. Die breite C-Säule sorgt für die gewünschte intime Atmosphäre, ohne die Sicht nach draußen zu verdecken. Der ellenlange Radstand von 3165mm erlaubt eine großzügige Raumgestaltung. Die Beinfreiheit ist erstklassig, bei vorgefahrenem Beifahrersitz kann man sich richtig strecken. Den kann man in der Langversion auch von Rücksitz aus verstellen, genau wie sich die hinteren Einzelsitze individuell einstellen lassen. Dem entspannten Arbeiten steht also nichts im Wege. Und falls es etwas zu feiern gibt, liefert der optionale Kühlschrank hinter der Mittelarmlehne den Champagner in der besten Trinktemperatur. Auch das Geräuschniveau trägt zum Wohlbefinden der Passagiere bei. Der W221 ist sehr leise, selbst die Windgeräusche, die bei höheren Geschwindigkeiten alles andere überdecken, bleiben niedrig. Das wärme- und geräuschdämmende Verbundglas, das mit dazu beiträgt, reflektiert zudem Infrarot-Strahlen, die Klimaanlage hat also auch bei intensivem Sonnenschein ein leichteres Spiel.
Die Luftfederung hält die Versäumnisse der Strassenmeistereien von den Insassen fern. Das serienmäßige adaptive Dämpfungssystem arbeitet effizient, denn es ist vollkommen unauffällig. Natürlich kann man auch verschiedene Dämpferprogramme per Schalter direkt anwählen, aber nachdem man eine Weile dem Spieltrieb nachgegangen ist, erkennt man schnell, das die Komforteinstellung eigentlich immer passt. Die Sitze, serienmäßig mit Leder bezogen, bieten guten Seitenhalt, sind straff, aber trotzdem komfortabel und natürlich langstreckentauglich. Vorne links ist im S 500 L oft der Arbeitsplatz des Chaffeurs. Hier wird keine Gewerkschaft meckern können, der W221 ist geprägt von einem hohen Bedienungskomfort, ohne zu sehr in die Nintendo-Welt abzugleiten. Das ist besonders bemerkenswert, da selbst der Tachometer auf einem Bildschirm dargestellt wird. Dabei hat man sich aber bei Mercedes zum Glück an ein klassisches Layout gehalten, das Bild des Geschwindigkeitsanzeigers passt gut zu den traditionellen Rundinstrumenten, die links und rechts davon weitere Informationen für den Fahrer bereithalten. Warum man bei Mercedes für den Geschwindigkeitsmesser neue Wege gegangen ist, wird erst bei der Nutzung des Abstand-Regelautomaten sichtbar. Nur werden zusätzliche Informationen eingeblendet, die für die Bedingung und Kontrolle des Systems notwendig sein. Der Nachtsichtassistent projiziert das erfasst Bild auf diesen Bildschirm, die Geschwindigkeit wird dann, wie in den fünfziger Jahren, als Balkentackmeter am unteren Ende eingeblendet. Die Fahrhilfen sind wirkungsvoll und arbeiten gut, erfordern aber eine deutliche Eingewöhnung. Der Abstandsregelautomat kann auf die geforderte Höchstgeschwindigkeit und den gewünschten Abstand zum Vordermann eingestellt werden. Dann folgt das Auto dem vorausfahrenden und bremst, wenn notwendig, bis zum Stillstand ab. Gerade dann hat man am Anfang Mühe, dem selbstfahrenden Auto zu vertrauen und der Tritt auf die Bremse setzt dann die Automatik außer Kraft. Hat man Vertrauen gefasst, muss man aufpassen, dass man sich nicht zu sehr vom Verkehrsgeschehen ablenken läßt. Die Gefahr ist groß, denn mehr als Lenken muss man ja nicht mehr. Das wird dann sicher beim Nachfolgemodell auch automatisiert. Die Bedingung des W221 spielerisch leicht und intuitiv. Man hat bei Mercedes ohne Scheu die guten Ideen des BMW 7er übernommen und ihre Schwächen vermieden. So wird nun auch die große S-Klasse mit einem kleinen Wählhebel am Lenkrad geschaltet und die Bedienerfüuhrung erfolgt über einen großen Controller, der griffgerecht am vorderen Ende der Mttelarmlehne plaziert ist. Kurzwahltasten erlauben zudem den schnellen Zugriff auf besonders häufig gebrauchte Funktionen. Aber auch, wenn alles einfach zu bedienen und logisch aufgebaut ist, alleine die Fülle der angebotenen Funktionen erfordert ein intensives Studium der Handbücher. Die gewählten Materialien, ihre Verarbeitung und die Gestaltung des Innenraums sind erstklassig.
Der hohe Fahrkomfort und das niedrige Geräuschniveau verschleiern das dynamische Potential des Autos. Der Spurt von 0-100km/h erledigt der S 500 L in nur 5,4 Sekunden. Aber Übungen dieser Art werden eher beiläufig erledigt. Man fährt von der Ampel zügig los und wundert sich, wie schnell die nachfolgenden Fahrzeuge im Rückspiegel kleiner werden. Die gefühlte Geschwindigkeit und Beschleunigung sind jedenfalls nicht die eines Sportwagens. Andererseits hat man nie das Gefühl, fast 2 Tonnen Auto zu bewegen. Der 5,5 Liter große V8 hat mit seinen 388 P und den 530nm Drehmoment, die über den weiten Bereich von 2800 1/min bis 4800 1/min bereitgestellt werden leichtes Spiel mit dem Wagen. Reizt man das Potential des Motor nicht dauern aus, sondern beschränkt sich auch Reisegeschwindigkeiten in der Gegend der Richtgeschwindigkeit, beleibt der W221 sogar überraschend sparsam, unter 12 Liter auf 100km sind möglich, nach oben können es aber auch 20 werden.Der Wagen folgt präzise den Lenkbefehlen und geht willige durch die Kurven mit einem sehr neutralen Lenkverhalten. Nur bei der Parkplatzsuche machen sie die 5206mm Länge und 1871 mm Breite bemerkbar. Der W221 S 500 L ist eine perfekte Reiselimousine. Selbst das Kofferaumvolumen ist mit 560 Liter üppig und die Zuladung zum 675kg überdurchschnittlich. Ab 95.236,00 Euro muss man dafür aufbringen. Viel Feld für viel Auto. Die Grundausstattung ist vollständig, trotzdem ist die Optionenliste lang und teuer und läßt der Lust zur Individualisierung freien Raum. Der Abstand zum Maybach ist keiner geworden, der große Unterschied ist, neben dem Preis und dem Prestige, dass auch die Langversion der neuen S-Klasse immer noch den Selbstfahrer anspricht.
(Text: Dieter Roßbach )
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