|
|
|
|
Guadeloupe: Der karibische Schmetterling
05.03.2005
Guadeloupe liegt auf dem türkisblauen Atlantik wie ein Schmetterling mit ausgebreiteten Flügeln. Es wäre schade, die Insel nur auf das Klischee von Kokospalmen und weißen Stränden zu reduzieren, denn das französische Übersee-Departement ist ein komplexes Mosaik. Die Landschaft, Bevölkerung und die Kulturen, die durch eine jahrhundertalte Geschichte geprägt sind, zeugen von großer Vielfalt und enormen Unterschieden. Auf Guadeloupe, der "verrückten Vulkaninsel", sind Begriffe oft irreführend. "Der salzige Fluss" (Rivière salée) ist ein schöner Euphemismus, denn so heißt der winzigkleine Meeresarm, der die beiden Hauptinseln trennt, die in dieser tropischen Region - ungefähr 7 000 km von der französischen Hauptstadt und 2 500 km von New York entfernt - liegen. Im Osten der Insel erstreckt sich Grande-Terre, ein flaches Tafelland, auf dem die meisten Einwohner leben, und das das wirtschaftliche Zentrum der Insel ist. Trotz seines Namens ist dieser Teil der Insel (585 qkm) kleiner als die im Westen gelegene Basse-Terre (943 kqm). Die Insel besitzt den höchsten Berg der Kleinen Antillen, La Soufrière, dessen Gipfel 1.467 Meter Höhe erreicht! Für Verwirrung sorgt, dass Basse-Terre die wichtigste Stadt von Basse-Terre, der Insel, ist, und gleichzeitig die Verwaltungshauptstadt von Guadeloupe, während Pointe-à-Pitre auf Grande-Terre das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum ist. Christoph Kolumbus entdeckte die Insel am 4. November 1493 und taufte sie "Santa-Maria de Guadalupe" in Gedenken an ein Versprechen, das er spanischen Mönchen gab. Er versprach, den Namen ihres Klosters einer seiner Entdeckungen zu geben.
Damals lebten auf der Insel die Kariben, die die Arawaks verdrängt hatten. Diese lebten vom 3. bis 9. Jahrhundert auf den Antillen und hinterließen auf 200 Steinzeichnungen ein eindrucksvolles Zeugnis ihres Lebens auf Guadeloupe. Epidemien, Alkohol und die spanischen Truppen, die Guadeloupe aufsuchten, um sich mit Wasser zu versorgen, dezimierten die Indianer. Im Jahr 1635 kamen die Franzosen auf die Insel und entwickelten eine Wirtschaft, die auf Zuckeranbau und Sklavenhandel beruhte. Unter den 40.000 Einwohnern, die Guadeloupe Ende des 17. Jahrhunderts zählte, waren mehr als 26 000 Schwarze, 9.000 Weiße, 1.100 Mulatten und 76 Kariben. Erst mit der Sklavenbefreiung durch den Politiker Victor Schoelcher 1848 wurden die zu dieser Zeit 87.000 Sklaven in die Freiheit entlassen. Kurz danach geriet die Zuckerproduktion in eine Krise. Um die alten, aus der Knechtschaft befreiten Arbeitskräfte zu ersetzen, holten die mächtigen Gutsbesitzer Arbeiter aus Indien auf die Insel. Später, im 20. Jahrhundert kamen Libanesen, Syrer und schließlich die "Métros", die Weißen aus der französischen Metropole Paris. Sie verstärkten die ethnische Verschiedenartigkeit der Insel noch.
Drei Jahrhunderte kultureller Durchmischung ließ das Kreolisch entstehen, eine Sprache voller Düfte, Gerüche, Farben und Bilder sowie die "Guadeloupe-Musik" (biguine, zoul). Sie mischt französische, englische, spanische und afrikanische Klänge und Rhythmen mit denen des "gwo-ka", der Trommel der Sklaven. Dieser kulturellen Vielfalt entspricht eine ebenso große klimatische und pflanzliche Vielfalt. Guadeloupe ist eine Tropen-Insel, die von wilden Fuchsien, Hibisken und Oleandern bedeckt ist. Von den friedlichen Lagunen bis zu der Brandung der Wellen, die sich mit Wucht auf den Klippen der "Porte d'Enfer" ("Tür zur Hölle") brechen, von den Mangrovenwäldern bis zum baumartigen Farnkraut der Berge, von den Bananenplantagen bis zu den kreolischen Gärten reicht das Panorama des tropischen Zaubers. Basse-Terre wird von der beeindruckenden Silhouette der Soufrière beherrscht. Der Vulkan speit schwefelhaltige und warme Gesteine aus seinen Gipfelspalten in eine Mondlandschaft aus Moos, Flechten und kleinen Bergblumen. Auf der Hangseite des Vulkans erstreckt sich 17.000 Hektar tropischer Feuchtwald, der 1989 zum Nationalpark wurde. Zwischen intensiven Düften und Orchideen leben Mangusten, Nagetiere, der Guadeloupe-Specht und bis zu 18 cm große Insekten. Mehr als 300 Kilometer Wanderwege erlauben, die unzähligen Bäche, Kaskaden, Teiche, Wasserbecken und sprudelnden Quellen zu entdecken, die der Basse-Terre ihren karibischen Namen "Karukéra" gaben, die "Insel der schönen Wasser". Fährt man Richtung Küste, stößt man auf Bananenplantagen, die sich entlang der zerklüfteten Küste erstrecken. Große Leguane ruhen sich auf den Felsen aus und im Meer kann man farbige Fische entdecken. Dort hat der Meeresforscher Cousteau in dem 400 Hektar großen Naturpark, der heute seinen Namen trägt, einen Teil des Films "Le Monde du silence" ("Die Welt der Stille") gedreht.
Ein weiteres Naturspektakel auf Guadeloupe ist die eindrucksvolle Lagune Grand Cul-de-Sac Marin, die die beiden Inseln im Westen trennt. Diese 15.000 Hektar große Wasserfläche wird vom Meer her durch das längste Korallenriff der Antillen begrenzt und in Küstennähe von einem langen Mangrovengürtel, wo Tausende von Meeresvögeln brüten. Die Grande-Terre, auf der anderen Seite des "salzigen Flusses", ist viel flacher als ihr südlicher Gegenpart. Die "Grands Fonds" sind die einzige Erhebung. Das Wirrwarr der Täler und kleinen Hügel war lange Zeit der Obst- und Gemüsegarten von Pointe-à-Pitre. Auf der Insel, die kaum Niederschläge hat, wird hauptsächlich Rohrzucker angebaut. Doch der wirkliche Reichtum der Insel liegt an der Küste. Von Gosier bis nach Saint-François schießen Hotels wie Pilze aus dem Boden, die alle wunderschöne weiße Sandstrände haben. Die "Marinas" vermieten Segelboote, mindestens ein halber Tag ist zu veranschlagen, um den Charme der Nachbarinseln zu entdecken, die so vielsagende Namen tragen wie La Désirade, Marie-Galante, Les Saintes... Von Weihnachten bis Ostern ist Hauptsaison, in der vor allem Franzosen an die Riviera kommen, um das graue Wetter in Europa hinter sich zu lassen. Erholung unter Kokospalmen, ein Bad in ruhigem, warmem und klarem Wasser, surfen, tauchen oder auf dem Platz Victoire, dem Zentrum von Pointe-à-Pitre, zu flanieren sind die Hauptbeschäftigungen. Der Platz ist von schönen Holzhäusern umgeben, deren ornamentierte Balkone mit Gabun-Tulpen oder scharlachroten Blumen bepflanzt sind. Nicht weit vom Ankerplatz der Fischer ist der Markt Saint-Antoine. Berge von duftenden Kräutern und Gemüse werden von Händlern verkauft, die den Marktbesucher mit "Doudou, chéri" an den Stand lotsen. Das ist auch eine Gelegenheit, die "Accras" (in Fett gebackenen Kabeljau), "Ouassous" (Krebse), "Chou coco" (Herz der Kokosfrucht) oder "Blanc manger", eine Nachspeise aus Kokosnuss und Milch, zu probieren. Das Ganze kann mit Rum begossen werden, der wie man sagt den Charakter, die Wärme, die Lebensfreude auf Guadeloupe am besten zum Ausdruck bringt. Informationen
(Text: Label France / Emmanuel Thévenon / Rainer Roßbach) |
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||