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Mercedes-Benz-Welt: Das schönste Parkhaus der Welt
17.04.2006
Überall wird noch geschraubt, geschliffen, geklebt und lackiert. Auf langen Tischen sind Laptops aufgereiht, krakenartig schlängeln sich Kabelstränge über den Boden. Techniker vergraben sich im Quellcode der Animationssoftware, lassen Lichterketten aufleuchten und Formel-1-Rennwagen akustisch durch die Steilwandkurve fahren. Mit Geduld und Akribie beschriftet ein Handwerker großflächig eine Wand mit Motorsportgeschichten. Hunderte von Handwerkern arbeiten zwischen den schon eingebrachten Exponaten am Feinschliff des Museums. Gleich nebenan in der Mythos-Halle der dreißiger Jahre herrscht schon museale Ruhe und Gediegenheit. Die neue Mercedes-Benz-Welt, Museum und Selbstdarstellung des älteresten Automobilherstellers der Welt, geht ihrer Eröffnung entgegen. Nach nur zweieinhalb Jahren Bauzeit steht das ehrgeizige Museumsprojekt von Mercedes-Benz nun kurz vor seiner Vollendung: Am 19. Mai wird die neue Mercedes-Benz-Welt, die das alte Museum ersetzt, eröffnet. Die ausserordentlich kurze Planungs- und Bauzeit ist um so bemerkenswerter, da es sich bei dem neu geschaffenen Objekt um ein Gebäude handelt, bei dem bewußt architektonische Grenzen neu gezogen wurden. Wie bei den Guggenheim-Häusern in New York und Bilbao, dem Museum Ludwig in Köln hat das Architektenteam UN Studio van Berkel und Bos versucht, den Exponaten eine Umgebung zu schaffen, die dem Anspruch von Mercedes-Benz, als Erfinder des Automobils heute der erste unter den Premiumanbietern zu sein, gerecht wird. Die Aufgabe, das meistbesuchte Firmenmuseum der Welt neu zu schaffen, war besonders delikat. Die Museumsgestalter um Professor Merz und die Mitarbeiter der DaimlerChrysler Classic hatten in jahrelanger Arbeit die Inhalte, von der Textgestaltung und die Auswahl der Exponate bis hin zur vollständigen Planung des Ausstellungsdesigns, der graphischen Gestaltung und des Medienkonzepts entworfen. Um das anspruchsvolle Ausstellungskonzept der Museumsplaner herum hat das Architektenteam einen Baukörper entworfen, der an die Bauplaner und die Ausführenden hohe, zum Teil so vorher noch nie realisierte Anforderungen stellte.
Auf einem künstlichen Hügel gelegen, der ein Parkhaus, Restaurants und die Museumshops verbirgt, dominiert das neue Gebäude seine Umgebung. Von außen deutet nichts darauf hin, daß hier intelligentes Produktmarkting stattfindet. Von einem symmetrischen, dreiblättrigen Grundriss ausgehend entwickelte UN studio die Geometrie des Gebäudes, dessen innere Wegführung nicht von ungefähr an Lösungen aus dem Straßenbau erinnert: Die kleeblattartige Architektur des Neubaus korrespondiert mit dem nahe gelegenen Anschluss der Bundesstraße B14 an die Bundesstraße B10. Mehr als 110.000 Tonnen Beton sind im Mercedes-Benz Museum verbaut, das auf 4.800 Quadratmetern Grundfläche eine Höhe von 47,5 Metern erreicht und damit einen umbauten Raum von 210.000 Kubikmetern umschließt. Bewußt wurde eine Neutralität gewählt, das Gebäude könnte auch eine neue Aussenstelle des Guggenheim-Museums sein. Diese Distanz zum Produkt ist durchaus gewollt und setzt sich auch im Inneren fort: Der Besucher betritt die Ausstellung über eine 40m hohe Kathedrale. Im Kontrast zum rohen Beton der Innenwände wirken die drei Fahrstühle, die ihn zum Startpunkt des Rundgangs in der obersten Etage bringen, wie Fluggondeln aus einem Zukunftsroman der Fünfziger Jahre. Einige wenige Exponate, Stilstudien, schlagen einen ersten Bogen von den Siebzigern in die Neuzeit. Die Größe des Kernbereichs ist allerdings nicht frei gewählt. Über ihn werden die Exponate der Ausstellungen ausgetauscht, und Nutzfahrzeuge brauchen besonders viel Platz. Mit einer sehr aufwändigen Bühnenkonstruktion lassen sich bis zu 40t schwere Fahrzeuge an jede Stelle des Gebäudes einbringen. Die Lasten der Ausstellungsstücke erforderten eine besondere Statik, technisch ist die Konstruktion eine mehrfach gestapelte sechsspurige Autobahnbrücke.
Gerade Flächen sind selten im Gebäude. Mehrfach gekrümmte Freiformflächen wurden in Beton gegossen, jede einzelne Gußform musste indiviuell berechnet und gefertig werden. Alles scheint in Bewegung, scheint zu fliessen. Das Auge wird von Raum zu Raum gelenkt. Der Besucher wechselt zwischen hellen, lichtdurchfluteten und dunklen, sakral wirkenden Räumen. Zwei ineinandergedrehte Wendel verbinden die beiden Ausstellungszyklen. Ein Aufzug bringt ihn zur obersten Ebene des Museums und gleichzeitig akustisch und optisch zurück aus der Gegenwart in die Anfänge des Automobils Ende des 18. Jahrhunderts. Von dort wandert er durch die Zeiten nach unten zurück. Auf sieben Ebenen werden Geschichten erzählt. Der Mythenzyklus beschreibt die Entwicklung der Automobiltechnik von den Anfängen 1886, als Carl Benz, Gottlieb Daimler und Karl Maybach mit sehr verschiedenen Ansätzen motoriserte Fahrzeuge entwarfen, bis heute. Während Benz schon ein eigenständiges Automobil als Gesamtentwurf präsentierte, hatten Daimler und Maybach mehr im Sinn, möglichst viele Anwendungsmöglichkeiten ihres kompakten Benzinmotors zu zeigen. Ihr erstes Auto ist daher auch nur eine umgebaute Kutsche, dazu kommen ein Motorrad, ein Schiff, verschiedene Schienenfahrzeuge und die ersten Versuche in der Luft, als Antrieb eines Luftschiffs. Der Bedeutung der Nutzfahrzeugtechnik wird durch den ersten Lastwagen und den ersten Omnibus unterstrichen. Die Museumsbetreiber haben hohes Vertrauen in die Besucher, keine Absperrung hindert den Blick auf die Fahrzeuge, die zu einem großen Teil unersetzliche Originale sind.
Die zweite Mythos-Halle gehört dem ersten Mercedes, der die noch heute gültige Grundform des Automobils erstmals beschreibt. Der dritte Bereich beschreibt die Umbrüche in der Zeit von 1914 bis 1945. Hier wird der beginnende Wandel des Autos vom Luxusspielzeug zum Massentransportmittel deutlich. Neben den großen Kompressorfahrzeugen sieht man die ersten Dieselfahrzeuge, natürlich im Lastwagen und auch in einem ersten PKW. Weiter geht es in die Wiederaufbauzeit der Vierziger, die 300er-Serie dominiert die Fünfziger Jahre, die ersten Sicherheitsversuche und der Alltagsluxus die nachfolgenden Dekaden. Den Abschluss dieses Rundgangs bildet die lange und erfolgreiche Rennsportgeschichte. Jede dieser Einzelausstellungen ist flankiert von Tafeln zur Zeitgeschichte, die auch die Schrecken der Kriegszeiten nicht auslassen. Über Materialien und Gestaltung werden weitere Zeitbezüge hergestellt. Messung dient als Wandbekleidung in den frühen Epochen. Große Leuchtkörper im Bauhaus-Stil erhellen die Dreißiger Jahre, ein 180-Grad-Panoramabild eines Autobahnabschnitts zwischen Turin und Genua beschreibt das Fernweh nach Italien in den Fünfziger Jahren. Technische Detailexponate und Videos runden das Angebot des Mythenzyklus ab.
Der zweite Rundgang ist besonderen Themen gewidmet. Die fünf Ausstellungen „Reisen“, „Lasten“, „Helfer“, „Namen“ und „Helden“ fassen die verschiedensten Fahrzeuge unterschiedlicher Epochen zusammen. Ergänzt wird die Ausstellung von der “Faszination Technik”, die einen Blick in den Arbeitsalltag der Ingenieure ermöglicht und ihn gleichzeitig weiterlenkt in Richtung Zukunft des Automobils. Sie ist als in sich geschlossene Ausstellung frei zugänglich. Mit Hilfe einer aufwändigen Inszenierung ermöglicht sie einen Blick in den Arbeitsalltag der Entwickler und Ingenieure von Mercedes-Benz und damit auch einen Ausblick in die Zukunft des Automobils. Dem Besucher wird viel mehr geboten als eine Aufreihung der über 120 Jahre Geschichte des Automobilbaus bei Mercedes-Benz. Schon ein Schnelldurchgang nimmt mindestens zwei Stunden in Anspruch, wer sich in alle 160 Exponate vertieft, alle Schautafeln liest und das ganze audo-visuelle Angebot nutzt, kann einen ganzen Tag im Museum verbringen. Ein Audioguide, im Eintrittspreis von 8 Euro enthalten, führt durch die Ausstellung und liefert zusätzliche Informationen zu den Exponaten. Für ihren Rundgang durch das Museum erhalten Kinder einen speziell programmierten Audio-Guide, mit dem sie in den Räumen und an den Exponaten kindgerecht aufbereitete Texte abrufen können. Mit dem neuen Gebäude, das unübersehbar zwischen dem Haupteingang des untertürkheimer Werks, dem Gottlieb-Daimler-Stadion und der B10 liegt, setzt DaimlerChrysler seiner Marke Mercedes-Benz ein überdimensionales Denkmal. Mercedes-Benz
Museum GmbH
(Text: Dieter Roßbach ) |
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