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Aktualisiert am 31.12.2011
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BMW Coupé MM 2006: Fernfahrer

26.05.2006

BMW Mille Miglia 2006
Unwirklich: Das Concept Coupé Mille Miglia 2006 feiert die Dreissiger Jahre

In den Comics des spanischen Zeichners Daniel Torres aus den Achtziger Jahren bevölkern radlose, schwebende Karossen im Stil der Dreißiger Jahre die Szene. Ästhetisch bewegt sich dieser Stil zwischen schräg und dekadent – genau wie das BMW Concept Coupé Mille Miglia 2006. Auch wenn betont wird, dass sich dessen Gestaltung an das bei der Mille Miglia von 1940 siegreiche Coupé anlehnt: Ein Vergleich zeigt, dass diese Behauptung nicht weit trägt.

Der 328 aus den späten Dreißiger Jahren wurde bei der Mailänder Carozzeria Touring nach dem patentierten Super Leggera-Prinzip aufgebaut und stellt das Ergebnis der damals gültigen aerodynamischen Kenntnisse dar. Hier ist nichts dekorativ, die Form ist ausschließlich funktional.

Ganz anders das aktuelle Coupé: Tiefe Sicken, Haifischkiemen, Lederriemen, schwellende Formen und ein unmotiviert unter dem Schweller liegender dreieckiger Auspuff machen die Studie zu einem Comic. Hier sind die Designer unkontrolliert von der Leine gelassen worden. Das ist in Ordnung, solange man aus dem Ergebnis keine wolkigen Philosophien über den Respekt vor der Tradition und über Visionen für die Zukunft ableitet. Dieser Versuchung konnte man aber nicht widerstehen: "In der Studie BMW Concept Coupé Mille Miglia 2006 vereint sich", so das Unternehmen "das Erbe einer erfolgreichen Motorsport-Geschichte mit dem technischen Know-how der Gegenwart und faszinierenden Perspektiven für die Zukunft. Das ... Einzelstück ist ein spektakulärer Beleg dafür, wie eng innerhalb der BMW Group historische Werte, aktuelle Kompetenz und visionäre Kraft miteinander in Beziehung stehen".

BMW Mille Miglia 2006
Das Heck thematisiert aerodynamische Lösungen ähnlich wie beim Porsche Typ 60K10 von 1939 für die Fernfahrt Berlin-Rom

Das Design bietet sicher nichts für die Zukunft. Bleibt also als "Vision" nur die Erprobung neuer Produktionstechniken und die sind in der Tat interessant. Bemerkenswert ist da vor allem die im Cockpit und im Bereich der Mittelkonsole erfolgte Verarbeitung von V2a-Edelstahlblechen. Die auf eine Stärke von einem Millimeter gewalzten Bleche werden mehrfach gefaltet, um die endgültige Oberflächenstruktur des jeweiligen Bauteils anzunehmen. An den dazu vorgesehenen Kanten erhalten die Bleche zuvor eine präzise eingeschnittene Falzung. Sie wird mit einer speziell zu diesem Zweck entwickelten Lasertechnik vorgenommen. Dies ermöglicht eine äußerst exakte Umformung, die obendrein zur besonderen Stabilität des fertigen Bauteils führt.

Überall dort, wo zwei Metall-Bauteile aufeinander treffen, werden sie mit lasergeschnittenen Verzahnungen absolut bündig miteinander verklammert. Fugen entstehen nur dort, wo sie zugleich eine Funktion übernehmen können und vor allem auch sollen. So dient beispielsweise der Übergang zwischen Armaturenträger und Mittelkonsole als zusätzliche Ablagefläche. Auf diese Weise wandelt sich die Fuge vom unerwünschten Nebeneffekt bei der Verbindung zweier Bauteile zu einem gezielt eingesetzten Gestaltungselement. Damit schafft das Interieur des BMW Concept Coupés eine für den Automobilbau völlig neue Perspektive.

BMW Mille Miglia 1940
Klare Formen, klarer Stil: der Siegerwagen der Mille Miglia 1940

Bei der Metallverarbeitung ließen sich die Innenraum-Designer von traditioneller Papierfalttechnik inspirieren. Auch dort werden ganz ohne künstliche Verbindungen Formen und Strukturen geschaffen, die trotz aller Leichtigkeit mit einer beeindruckenden Stabilität aufwarten. Die aus Japan stammende Origami-Kunst inspiriert den Automobilbau indes nicht zum ersten Mal. Auch die Falttechnik zur Unterbringung von Airbags auf kleinstem Raum ist wesentlich von dieser Methodik beeinflusst. Für die Gestaltung von Innenräumen stellt diese Lösung hingegen einen neuartigen Ansatz dar.

Neu sind auch die in traditionell runder Form gestalteten Frontscheinwerfer: Diese sind nicht in die Karosserie integriert, sondern flache LED-Leuchten, die es ermöglichen leistungsstarke Lichtquellen in vergleichsweise kleinen Aggregaten unterzubringen. Das gibt den Designern neue Möglichkeiten. Die Formen und die Linienführung von Motorhaube und Radhäusern können bis in die Frontschürze fortgeführt werden, ohne dass sie von Scheinwerfereinheiten unterbrochen werden.

BMW Mille Miglia 2006
Der Einstieg in das BMW Concept Coupé Mille Miglia 2006 erfolgt über eine hohe Bordwand

Aufgrund der neuartigen Metallbearbeitung übernehmen Fugen und Konturen auch im Innenraum eine eigene Funktionalität. Das Metall wurde in Handarbeit gefaltetet, sämtliche Flächen kommen ungebrochen und unverziert zur Geltung. Weder Leisten noch Ringe oder Rahmungen werden als Dekor benutzt.

Neuartig ist auch die Verarbeitung von Leder im Interieur des Concepts. Mehrere Schichten von gegerbtem, ansonsten aber naturbelassenen Rindshäuten werden miteinander verpresst. Auf diese Weise entstehen dreidimensionale Lederformteile, die bei den Sitzen und in der Mittelkonsole zum Einsatz kommen. Das Leder ist ungefärbt und unterliegt so einem Alterungsprozess, der im Lauf der Zeit zu Patina führen soll.

Die auf der Plattform des BMW Z4 M Coupés aufbauende Studie reiht sich in die Versuche anderer deutscher Hersteller ein, Formen aus den Dreißiger Jahren zu thematisieren: Die unsägliche Audi-Studie "Bernd Rosemeyer" aus dem Jahr 2000 und der Maybach Exelero von 2005 zeigen den gleichen unreflektierten pathetischen und glorifizierenden Stil. Auch wenn es nur um Autos geht – mehr Fingerspitzengefühl und eine kritische historische und ästhetische Distanz hätte diesen Projekten gut getan. Wirklich aufregend wäre gewesen, wenn bei der BMW-Studie die neuen kreativen Möglichkeiten des Karosseriebaus ihren Ausdruck in einer zukunftsweisenden Form gefunden hätten.

(Text: Rainer Roßbach )
(Fotos: Rainer Roßbach, BMW )

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