|
|
|
|
Festival of Speed: 100 Jahre Grand Prix, 100 Jahre Targa Florio
17.07.2006
Rund 150.000 Besucher fanden sich bei typisch englischem Sommerwetter zum Festival of Speed beim Earl of March ein. Mehr würden der Veranstaltung schaden, hatte seine Lordschaft befunden und die Anzahl der Karten, die wieder nur im Vorverkauf zu bekommen waren, entsprechend begrenzt. Trotzdem herrschte noch genug Andrang. Für den nicht fachkundigen Besucher ist das Festival of Speed immer eine breite Show der Besonderheiten, regelmäßige Besucher erkennen allerdings die wechselnde Qualität der Veranstaltung. Drei besondere Leitthemen prägten die 2006er Ausgabe: 100 Jahre Grand -Prix-Geschichte, 100 Jahre Targa Florio und 40 Jahre CanAm. Jedes dieser Themen hätte genug Potential, um alleine eine Veranstaltung zu füllen, entsprechend hoch waren die Erwartungen.
Mit dem ersten Rennen in Le Mans 1906, das Renault gewann, wurde eine Tradition begründet, die heute alle zwei Wochen weltweit Millionen Zuschauer fasziniert. Mit zwei Rennwagen von 1906, einem exakten Nachbau des Originalrennwagens, und 1907, dem ältesten erhaltenen Original, sowie einem aktuellen RE26 deckte Renault seine Grand-Prix-Geschichte ab. Mit Sechs weiteren Höhepunkten war dieser Themenschwerpunkt sehr gut besetzt: dem Mercedes- Siegerwagen des letzen Grand Prix vor dem ersten Weltkrieg, einem Audi 16-Zylinder-Rennwagen, dem Matra MS10, mit dem Jackie Stewart zum ersten Male Weltmeister wurde, dem Honda RE301, der der Höhepunkt und das Ende des ersten Engagements der Japaner in der Serie Ende der sechziger Jahre darstellte, dem Porsche 604, der den ersten und einzigen Formel-1-Erfolg der Marke vor der Tag-Turbo-Area erzielte und dem Tecno PA123 von 1972. Mit diesem Auto setzten sich die Brüder Pederzani ein Denkmal – und ruinierten ihre bis dahin in der Formel-2 und Formel-3 ausgesprochen erfolgreichen Firma. Die Entwicklung eines Rennwagens und eines 12-Zylinder-Boxermotors nach Ferrari-Vorbild überforderte die technischen und finanziellen Kapazitäten schon nach knapp einem Jahr. In dem sehr großen Feld dominierte ansonsten Bekanntes. Innovative oder skurrile Fahrzeuge waren, im Gegensatz zu den Veranstaltungen der letzen Jahre, Mangelware. Wir vermissten zum Beispiel den Brabham BT46B Staubsauger, die Lotus 25, 49, 56 und 72, den Tyrell P34, die alle schon bei früheren Veranstaltungen am Start waren. Die aktuelle Formel 1 war mit 8 Teams vertreten. Ferrari, McLaren, Renault, Williams, BMW-Sauber, Red Bull, Honda und Toyota nutzen das Festival of Speed, um den Fans einen im Formel-1-Zirkus so nicht möglichen Zugang zu Fahrern und Fahrzeugen zu verschaffen.
Die 40 Jahre CanAm wurden eher mittelmäßig präsentiert. Natürlich war der McLaren M8F der "Bruce and Danny-Show" zu sehen, wie auch der Lola T70 Spider, mit dem John Surtees die erste Runde der Meisterschaft 1966 gewinnen konnte, aber statt eines Porsche 917, eines Shadow oder eines Chapparal war der mäßig erfolgreiche March 717 erschienen. Dafür brachten die 100 Jahre der Targa Florio dann wieder bemerkenswerte Fahrzeuge auf die Strecke: Allein Porsche war mit vier Siegerautos vertreten. Die Rennstrecke durch die Berge der süditalienischen Insel war wie geschaffen für die kleinen und leichten Rennautos. 1960 konnten Jo Bonnier und Hans Hermann mit dem 718 den ersten Sieg der Stuttgarter einfahren konnten, gegen deutlich stärkere einheimische Konkurrenz von Ferrari, Maserati und Alfa Romeo. Zwei weitere 718 kamen als dritter und fünfter in Ziel und begründeten eine Tradition, die bis zum letzten Rennen anhalten sollte. Der in Goodwood gezeigte Wagen ist eine Version des darauffolgenden Jahres mit dem 8-Zylinder-Motor des Formel-1-Rennwagens. Den dritten Sieg erzielten Willy Mairesse und "Meckie" Müller mit einem 906. Zwei Liter Hubraum genügten, um die großen Ferrari 330 und Ford FT40 auf die Plätze zu verweisen. Der 908/3, mit dem 1970 das Rundrennen in Sizilien gewonnen wurde, war eine Spezialentwicklung, die nur für dieses Rennen und die 1000km auf dem Nürburgring gebaut wurde. Drei Siege bei vier Einsätzen innerhalb zwei Jahren sind eine bemerkenwerte Erfolgsbilanz. Die Variante von 1970 war in Goodwood zu sehen. Der letze Porsche-Sieger und der letzte Sieger einer Targa-Florio passte dann wieder perfekt in die Porsche Tradition, als David gegen eine Armada von Goliaths zum Erfolg zu kommen. Der Porsche 911 RSR, mit dem das letzte Rennen 1973 gewonnen wurde, war eine stark modifizierte Rennversion des Carrera RS – und gewann gegen die inzwischen ausgereiften und standfesten 3-Liter-Prototypen. Porsche zeigte den Wagen, mit dem Herbert Müller, wieder einmal, und Gijs van Lennep gewannen. Letzter durfte das Auto den Berg hinauf fahren. Der Reigen der Sieger wurde ergänzt durch den Ferrari 312PB, mit dem Arturo Merzario und Sando Munari 1972 gewannen, als einziger Ferrari gegen eine Armada von vier Alfa 33/3. Dieser Alfa hatte das Jahr zuvor gewonnen.
Viele der Fahrzeuge wurden wieder von ihren ehemaligen Piloten gefahren, die Liste der Teilnehmer war wieder eine Zeitreise in die letzten 50 Jahre des Motorsports: John Surtees, Derek Bell, Arturo Merzario, Vic Elford, Nino Vacarella, Gijs van Lennep, Jochen Mass, Richard Petty,dis zu den Formel-1-Piloten Jeancarlo Fisicella und Nico Rosberg. Ergänzt wurden diese Themenschauen durch Indy-Rennwagen, Tourenwagen, ein großes Rallyefeld, das sich auf einer eigenen Sonderprüfung beweisen. Weitere Ausstellungen widmeten sich offenen Zweisitzern der Fünfziger Jahre, Limousinen mit Mut zur Eigenständigkeit, den vierzigjährigen Jubiläum des Lanborghini Miura und Vespas und Lambrettas der Fünfziger und Sechziger und der Produktionsgeschichte von Bristol. Es gab wieder einmal viel zu entdecken. Das Festival of Speed leidet unter einem Luxusproblem: es muss sich nur an sich selbst messen lassen. Selbst, wenn wie in diesem Jahr einige Wünsche offen bleiben, die Qualität und Bandbreite der gezeigten Fahrzeuge ist einzigartig, und Spaß hat man auch als regelmäßiger Besucher immer wieder. Die diesjährige Ausgabe war für den Insider vielleicht nicht perfekt, aber sie war gut. Gut genug, um empfehlenswert zu bleiben – allerdings wird man sich schnell entscheiden müssen, das Kartenkontingent bleibt beschränkt.
(Text: Dieter Roßbach )
Verwandte Themen:
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||