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Auto-Nom-Mobile: Die kleine Dokumenta der Mobilität
18.01.2006
Mit der Ausstellung Auto-Nom-Mobile verläßt der KasselerKunstVerein vertrautes Terrain und liefert doch Vertrautes ab. Auf zwei Etagen im Südflügel des Kasseler Bahnhofes präsentiert er seine Vorstellung davon, wie Mobilität und Kunst in einen Dialog kommen. Die Ausstellung ist unpolitisch. Langes Moralisieren über die Gefahren und Risiken der individuellen Mobilität findet man nur als leise Zwischentöne. 1975 bat der französische Auktionator und Rennfahrer Hervé Poulain seinen Freund Alexander Calder, ihm seinen BMW 3.0 CLS, mit dem er an den 24 Stunden von Le Mans teilnehmen wollte, zu gestalten. Aus diesem privaten Ansatz heraus entwickelte sich in den letzten dreißig Jahren unter der Patronage von BMW eine Serie von bisher 15 Fahrzeugen, von denen neun in dieser Ausstellung gezeigt werden. Gerade die beiden ersten Vertreter der Reihe dokumentieren die Spannweite dieser Objekte. Der von Calder gestaltete 3.0 CSL ist durch und durch Auto. Der Künstler hat die Gestaltung vorgegeben, Handwerker haben sie in der im Automobilbau üblichen Qualität auf das Fahrzeug übertragen. Der Lack glänzt, hat Farbtiefe, die Übergänge stimmen, die Flächen sind von einer makellosen Farbigkeit. Jede Chromleiste ist an ihrem Platz, kein Fenstergummi wurde übermalt. Calder hat dem Auto seine Seele gelassen. Schon der zweite Vertreter der Reihe, Andy Warhols M1, ist gleich ein Kontrastpunkt zu Calders Ansatz. Warhol hat keinen Entwurf geliefert, der dann von professionellen Handwerkern auf die Karosserie übertragen wurde, sondern selbst Hand angelegt. Passend zur brachialen Kraft eines Gruppe-5-Rennwagens sieht man die kraftvolle Arbeit des Künstlers. Jeder Pinselstrich ist authentisch, Warhol arbeitet mit grobem Werkzeug, Farbe großzügig über das Auto verteilend. Hier ist nicht nur das Endergebnis sondern auch der Schaffensprozess am Objekt immer noch zu erleben. Die vielen kleinen Details eines Fahrzeugentwurfs sind für Warhol oft nur grobe Leitlinien für seine Komposition, souverän setzt er sich über Sicken und Kanten hinweg und nimmt ihnen mit seinem eigenen Linienfluss die Bedeutung. Warhol geht mit seiner Gestaltung auf die Positionierung des M1 als Rennwagenplattform der Siebziger ein: Die ungezügelte Kraft, der Mut zur Improvisation fernab der heute durch Marketing-Gedanken beherrschten Perfektion im Detail prägen den Wagen.
Robert Rauschenbergs 635CSL ist unter fünf seiner Werke, die wie der Wagen Mitte der Achtziger Jahre entstanden sind, positioniert. Das ist ein besonderer Dienst am Kunstlaien, denn die ArtCars als Fundament werden Besucher in die Ausstellung locken, die zeitgenössischer Kunst sonst eher reserviert gegenüber stehen. Diese Verbindung von traditionellem Kunstschaffen und der Gestaltung des ArtCars zeigt, daß der Künstler unabhängig vom gewählten "Untergrund" seiner Werke er selbst bleibt, der Rauschenberg-BMW reiht sich als ein Exemplar unter vielen in die Biographie des Künstlers ein. Die Auto-Nom-Mobile ist allerdings viel mehr als nur eine schön dekorierte Ausstellung einiger ArtCars. Der deutlich größere Teil der Ausstellung zeigt aktuelle Werke nationaler und lokaler Künstler. Stefan Sous‘ "Taxi" zerlegt das Gerüst eines Autos und läßt die Einzelteile, an dünnen Schnüren als Mobile von der Decke hängend, eine neue Art von Mobilität erleben.
Wilhelm Kochs Laokoon ist das dominierende Objekt in der zweiten Ausstellungsetage. Großdimensionale aufgeblasene Reifenschläuche, verpackte Luft, formen aus leichten Elementen ein optisch schweres Gebilde, die Steinfarbe des Gummis unterstreicht den ersten Eindruck noch. Statt einem Reifen Halt zu geben, stützen sie sich gegenseitig, statt die Mobilität zu fördern, sind sie scheinbar zu einem unentrinnbaren Knäuel verwoben. Nach einer Weile des Betrachtens verkehrt sich der Eindruck, die fetten, aufgeblasenen Schläuche verlieren ihr Gewicht und scheinen zu schweben. Stephan Balkenhols "Rotes Auto" visualisiert und verbindet Kinderträume und Erwachsenenspielzeuge. – Holz. Ein selbstzufriedener Fahrer schaut in die Landschaft, der freie Platz neben ihm im roten Roadster scheint ihn nicht zu interessieren. Martina Fischers "Promenade" zitiert historische Rennsportmotive. Drei kleine mobile Objekte, im Rot der frühen Ferraris, im Silber der Mercedes der dreißiger Jahre und im grün-gelb der Lotus lackiert, versuchen verzweifelt, sich von den Fesseln der Schnur, die ihr kleiner Elektromotor mit der Energiequelle Wandsteckdose verbindet, zu lösen. Sie treten dabei auf der Stelle, ihr unbändiger Drang nach Freiheit läßt den Betrachter schmunzeln, weiß er doch, daß ein Erfolg im endgültigen Stillstand enden würde. Der Weg der Promenade ist kurz, die Mobilität ist sehr vergänglich. Nur die Geräusche der durchdrehenden Räder suggerieren ein Fortkommen.
Wolfgang Hainke hat seine Garage geplündert. Der Carcoon, der sonst seinen MGB beherbergt, muss hier als Kunst arbeiten. Da das Auto seinen Transportaufgaben nachkommen muss, vertreten zwei Videoprojektoren seine Stelle. In der Form alter Fahrprojektionen, wie man sie aus den Filmen der frühen Fünfziger Jahre kennt, fährt Hainke mit seinen roten Roadster – wurde er etwa von Balkenhols "rotem Auto" porträtiert? - durch immer neue Landschaften. Ein zweiter Film zeigt Ausschnitte aus einem Roadmovie, große Untertitel zitieren Dialogfetzen. Ein alter Schmalfilmprojektor wirft geräuschvoll, quasi als Überschrift, Bilder einer Straße aus großstädtischer Randlage, lange Mauern und geschlossenen Tore verbergen das Leben vor dem feindlichen Draußen an die Rückwand des Raumes. Hinter einer dieser Tore verbirgt sich die Schatzkammer eines Sammlers, der Hainke einen eigenen Raum widmet. Hier wird Quantität und Verfall zur Kunstform. Von Hitze und Säure verformte Alltagsgegenstände machen Dalis Uhren plötzlich real anfassbar. Alte Werbung, Nummernschilder, Dokumente, Filme und Fotos laden zu einer Entdeckungsreise ins Detail ein. Ein alter verrosteter Porsche-Kotflügel verbindet sich mit einer Chromleuchte und einer Kunststoffabdeckung mit Werbeaufdruck zum Bild des "Champions". Die Ausstellung "Auto-Nom-Mobile" ist bis zum 26. Februar in Kassel zu sehen und wird dann, in abgeänderter Form, nach London und anschließend auf eine Rundreise durch Asien gehen. AUTO-NOM-MOBILE Öffnungszeiten:
(Text: Dieter Roßbach )
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