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Aktualisiert am 31.12.2011
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Ford Airstream: Retro mit Raffinesse

19.03.2007

Ford Airstream
Glänzende Erscheinung: Nichts spiegelt sich so schön wie die Wüste im
Airstream.
Doppelpfeil

Design für Kenner - Mit dem Airstream testet Ford die Wirksamkeit alter Entwürfe für neue Technik – "Wanderlust" mit Ablenkung in schicker Hülle

Kindergarden, rucksack, blitzkrieg – die deutsche Sprache hat merkwürdige Spuren im Angelsächsischen hinterlassen, ganz hübsche und weniger schöne. Wanderlust ist zweifellos eine der netteren. Ausgerechnet mit dieser für uns recht altertümlichen Vokabel preist Ford seine jüngste Studie an: "celebrating wanderlust" – Lob und Preis der Lust am Wandern. Der Airstream trägt einen großen Namen, und der hat mit der ach so deutschen Lust so allerhand zu tun.

Wenn ein Volk sich die Mobilität auf die Fahnen geschrieben hat, dann ist es wohl das amerikanische. Die USA sind das Land der Automobilität, und zu den echten Nomaden unter den Vielfahrern zählen jene, die ans Heck ihrer Chevrolets, Oldsmobiles, Buicks und – natürlich – Fords einen jener legendären Wohnwagen mit verheißungsvoll schimmernder Aluminiumhaut hängten, die auf den Namen Airstream hören. Seit 75 Jahren rollen die für europäische Augen mitunter verwirrend voluminösen und netzhautstrapazierend glänzenden Mobilien auf den Straßen zwischen Pazifik und Atlantik. 1931 setzte Wally Byam den ersten Camper auf die Räder, der direkt von Boeing oder Douglas zu kommen schien. Extremer Leichtbau, vernietete Alu-Haut und vor allem Stromlinie standen für Fortschritt, Tempo und jene lockende Mixtur aus Abenteurertum und scheinbar unbegrenzter Freiheit, die James Cagney und Clark Gable als furchtlose Flieger in den ersten Boomjahren der Luftfahrt in die Kinos brachten.

Immer noch kommt das meiste, was fliegt, aus den Vereinigten Staaten, Hollywood feiert nach wie vor und unermüdlich das immergleiche Heldentum – und Autos bauen die Amerikaner bekanntlich auch noch. John Wayne reitet aber nicht auf Eseln, und so sind Autos made in USA eigentlich immer noch in erster Linie king size – oft genug mit der Ford-Pflaume am Kühlergrill. Nun dämmert allerdings auch den Landsleuten der unbegrenzten Möglichkeiten die Endlichkeit des Daseins mit spottbilligem Sprit; Pick-up-König Ford eiert gerade haarscharf am Rand der Krise.

Airstream
Pate: Der jüngste (2007er) Jahrgang der Camper-Ikone Airstream heißt Classic 27 FB Limited.
Doppelpfeil

Es wird langsam klar, dass da etwas Neues hermuss. So sicher aber, wie der amerikanische Präsident sich mindestens einmal in Jeans und Boots zeigen muss, wie die USA selbstverständlich god's own country sind und wie Elvis lebt – so sicher wird niemand John Wayne auf einen Esel setzen, so er nicht ausdrücklich einen ausgesprochen albernen Witz machen will. Damit wären wir dann bei dem Grund, warum die Ford-Designer eine wahrhaft smarte Lösung gefunden haben. Im Airstream grollt kein V8 ebenso lässig wie sprungbereit, da gibt es keinen stierkampftauglichen Kühler und keine Autokino-taugliche Sitzbank – zumindest vorn nicht. Das Ding sieht eher aus wie eine Mischung aus dem Rumpf einer Beech 18 aus den späten 1930ern, dem Space Shuttle und der Kopfbedeckung eines imperialen Streiters aus den "Star Wars"-Filmen. Aaaber: Zwar haben die Karossen-Künstler ob des modernen Brennstoffzellen-Antriebs mit extremem Explosionsmotor-Imagemangel auf alle herkömmlichen kernigen Attribute verzichtet. Das Macho-Manko haben sie jedoch ganz geschickt dadurch ausgeglichen, dass sie dem kurzerhand unter "Crossover" verbuchten Gefährt die Aura einer weiteren Ikone des Straßenverkehrs à l'américaine verpassten. Als Airstream kommt er gleichsam klassisch daher, darf klingen,als arbeite nur die Klimaanlage im Aluminium-Motorhome – und ist doch auto-mobil. Vor allem aber bleibt er derart etwas Uramerikanisches, soll vielleicht auch im verregneten Seattle und im verschneiten New York so aussehen, als spiegelte er im Alu-Kleid mindestens die Wüste Nevada. Das geht dann auch für John Marion Michael Morrison Wayne okay. Nebenbei: Der saß zumindest auf der Leinwand häufiger im Sattel als im Fahrersitz. Wenn schon, war's bestenfalls viertürige Detroiter Massenware. Im Tierfängerepos "Hatari" schwang er vom Kotflügel aus das Fangseil (und Hardy Krüger fuhr), am Drehort London saß der Cowboy, chauffiert – oha – von der Scotland-Yard-Ermittlerin im Ford Consul. Das geht also auch in Ordnung.

Ford Airstream
Bequem: Der Zugang zu Multimedia-Bildsäule und Sitzeiern.
Doppelpfeil

Gesetzt den Fall also, Tom und Dick und Harry akzeptierten, was Ford da als neuen american way of driving vorschlägt – was erwartet den Fahrer, macht er sich auf ins Büro, zum Surfstrand oder zum O.K. Corral? Das Innere des Streamliners erklömme er durch die einzige Tür auf der Fahrerseite, die obendrein das enorm beruhigende Gefühl vermittelt, dass sie sich im Falle des Notfalls beim Eintritt in die Erdatmosphäre heraussprengen ließe. Drinnen umfangen seine Hüften die Wangen eines um die Hochachse drehbaren Sitzes im Stil der – schon wieder eine Design-Ikone – 70er-Jahre-Sitzeier. Ford nennt das übrigens Kapitänsstuhl. Der Beifahrer nimmt in Ei Nummer zwei Platz, für die weiteren Passagiere gibt's eine Sitzecke aus dem Fundus der "Space Odyssey"-Requisiteure.

Wie man einen Brennstoffzellen-Hybridmotor (die Zelle speist einen Lithium-Ionen-Akku und nicht gleich den elektrischen Antriebsmotor) stilecht startet, verrät das Ford-Team nicht. Immerhin kommt der Stromwagen für amerikanische Füße passend selbstverständlich mit Brems- und Gas- oder besser: Regelpedal aus. Das Gegenteil eines Smart-Armaturenbretts ist die karge, glatte Landzunge, die den Insassen am Fuß der Windschutzscheibe entgegenragt. Es gibt ein Zentralinstrument (das mutmaßlich mehr Informationen verrät als der klassische zum Kreis geronnene Lakonismus vorm Käfer-Lenkrad) und bündig eingelassene Bedienelemente, wo einst Knöpfe zum lustvollen Drücken und Kippschalter zum dito Kippen baten.

Ohne Bildschirm geht außerdem bekanntlich längst nix mehr. Der Airstream hat zwei: Einer vorn versorgt links den Fahrer mit allerlei für die Fahrt Wichtigem, rechts den Beifahrer mit von der Fahrt Ablenkendem. Der zweite macht das Auto achtern vollends eher zum Mobil für den Medienfreak denn zum Reisevehikel für den Neugiergen. So klein die Raumfähren-Fenster für den Blick in die unbekannte Außenwelt sind, so groß und spektakulär ist die zylindrige Bildsäule in der Wagenmitte. Allen Ernstes sollen dort der Anblick einer Lavalampe (Achtung: 70er! Passt zum Kapitäns-Ei) oder eines Kaminfeuers, alternativ Unterhaltungsbilder oder Spiele zu erleben sein.

Ford Airstream
Showtime: Trotz Flugzeug-Look ist die große Klappe keine Frachttür.
Doppelpfeil

Strahlt die elektronische Litfaßsäule also nicht gerade einen Film aus, in dem John Wayne auf dem Muli gen Dodge City trippelt, haben die Fahrgäste wenig zu lachen. Oder zumindest wenig zu sehen. So bleibt denn der Anspruch, die Wanderlust zu stillen, weitgehend unerfüllt. Zum Erleben des Erfahrenen müsste man einfach zu oft aussteigen. Was dann nun wieder in der Tat ein veritables Reiseziel wäre. Ford hat das offenbar kapiert, geht aber überdies davon aus, dass in Zukunft die Etappen zwischen dem einen und dem nächsten Sehenswürdigen weniger als sehenswert sein werden. Wie in einem Kokon sollen sich die Wanderlustigen fühlen. Geborgen vielleicht, aber eben vor allem abgeschottet.

Immerhin ließe es sich herrlich bequem aussteigen aus dem Erben der Aluminium-Hänger. Weit öffnet sich die Beifahrerseite mittels schmaler unterer und größerer oberer Klappe. Zugang zum Heck des Wagens gestatten gleich drei Türen, durch die sich trefflich Softdrinks, Burger und Futter für den Gameboy reichen lassen.

11. Juni 2009. John Wayne ist heute vor 30 Jahren gestorben, John F. Smith mit seiner Familie unterwegs von der Ostküste zu den Schwiegereltern nach Los Angeles. Es geht durchs trockene und heiße Nevada. Das spiegelt sich enorm fotogen in der speziellen Ford-Reflex-Farbe, die das Aluminium der Airstream-Wohnwagen perfekt wiedergibt. Der Stromzähler tickt leise vor sich hin. John F. Smith bekommt natürlich weder vom einen noch vom andern etwas mit. Erstens sitzt er drinnen, zweitens auf dem Beifahrersitz, und drittens sieht er gerade Stumpy in "Rio Bravo" mit Sheriff Chance (J. Wayne) schimpfen. Weil auch die Kinder hinten im Wagen abgelenkt sind, sieht nur Johns Frau Sheryl das Unheil in Person des "El Dorado" (mit dito J. Wayne) schauenden Fahrers am Steuer des unglücklicherweise falsch programmierten Airstream auf die eigene Brennstoffzelle zurasen. Glück gehabt: Ford hat neue Vierpunktgurte nach Art der Systeme für Piloten im Auto eingebaut.

Ford Airstream
Flügelwerk: Ins Heck geht’s durch mindestens eine von drei drei Türen.
Doppelpfeil

Leider ist der Airstream reichlich verbeult. Und das ist eigentlich schade. Das Ding sieht gar nicht schlecht aus. Schon immer haben Designer den Autos zumindest optisch das Fliegen beigebracht. Das hat zwar selten geklappt. Trotzdem bleibt die gestalterische Anleihe bei den nun wirklich meistens streng pragmatischen Flugzeugentwürfen brauchbar. Vom Vergleich mit der NASA-Raumfähre war schon die Rede. Dazu kommt beim Airstream ein guter Schuss Sportflugzeug-Design. Da folgen die Ford-Leute offenbar wiederum einem zeitlosen Entwurf aus den 1930er Jahren. Damals baute Beechcraft einen ziemlich raffinierten Doppeldecker, dessen unteres Flügelpaar vor dem oberen angeordnet war. Von dem sehr dynamischen Entwurf namens Staggerwing ist beim Airstream etwas erhalten geblieben, auch wenn er aus naheliegenden Gründen Tragflächen kaum benötigt.

Das meiste Übrige ist sehr stark an die mittlerweile auch schon seit 30 Jahren bekannte Form der NASA-Raumfähren angelehnt. Sieht schick aus, weil es an Autos noch nicht so oft zu sehen war, erinnert aber mittlerweile eher an Bruce Willis in Weltrettungsmission.
Vorn gibt es immer noch so etwas wie eine Kühlermaske, obwohl der klassische Wasserkühler mit der Brennstoffzellentechnik nun wirklich obsolet ist. Hinter der eleganten Rußglas-Lösung verbergen sich die Scheinwerfer.

Was bleibt, ist Optimismus. Den strahlt der Entwurf laut Ford aus. Es sei der Optimismus der frühen 1930er Jahre. Wo der damals war in der tiefsten Depression, mag sagen, wer will. Immerhin haben sich die Designer Elemente herausgegriffen, die einst wahrhaftig Fortschrittstechnik zierten. Wir werden erleben, ob sie zeitlos sind und weiter wirken, oder ob sie Ikonen vergangener Jahrzehnte sind und bloß den Kenner reizen. Es gab da mal einen Chrysler Airflow.

(Text: Jost Neßhöver)
(Fotos: Ford/Airstream)

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