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Aktualisiert am 31.12.2011
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Bentley Brooklands: Die Bentley Boys sind tot - Es leben die Bentley Boys

28.03.2007

Bentley Brooklands
Eine feste Burg ist unser Bentley: Satt auf 20-Zöllern steht das edelgraue King-Size-Coupé
Doppelpfeil

Der Brooklands feiert den Luxus und die Leistung

Die armen Reichen haben's schwer. Ab einer gewissen Obergrenze kann der Milliardär ausgeben was er will, die Zinsen auf den Rest türmen das Vermögen derart schnell weiter, dass er irgendwann nicht mehr nachkommt. Die Hersteller von Autos für diese Klasse haben's auch nicht leicht. Tausend PS sind Blödsinn, weil sie beim Auftritt vor Kasino oder Eisdiele höchstens spektakulär verrauchen, mehr als vier Räder wirken doch zu sehr wie Lastwagen, und die Quadratmeterzahl handpolierten Wurzelholzes pro Auto hat ebenfalls natürliche Grenzen. Gimmicks à la beleuchtete Hinterachse sind dégoutant und nun wirklich Unterschicht, und solange Autos das Fliegen einfach nicht lernen wollen, scheint in Sachen Luxusklasse das letzte Wort nun wirklich gesagt. Stimmt. Bloß die Briten wollen das mal wieder nicht wahrhaben, und deshalb gibt es auf der Insel immer noch Bentley, und deshalb haben die Bentley-Leute es tatsächlich geschafft, allem noch eins draufzusetzen. Das Ding hat auch einen Namen: Brooklands.

Bentley Brooklands
Rasant unterwegs: 537 PS aus 6,75 Litern Hubraum sowie ein Drehmoment von 1050 Newtonmetern verleihen dem Brooklands eine gewisse Lässigkeit.
Doppelpfeil

Damit von vornherein klar ist, dass es das Über-Coupé nun wirklich nicht für jedermann gibt – die Milliardäre werden ja schließlich immer mehr –, sollen auch nur 550 Stück gebaut werden. Nur. Naja. Vom sagenhaften Typ R, dem Fließheck-Coupé von Mulliner, gab es etwas mehr als 2300 Stück, das fast komplette Rolls-Derivat namens S mit den phantastischen Lampenarrangements vorn wie hinten wurde immerhin knapp 8000 Mal gebaut. Einer der direkten Vorläufer, der Turbo-R, war ein veritabler Verkaufsschlager in sonst zugegeben eher mauen Zeiten und brachte es auf 4000 Exemplare. 550 Stück da ganz nassforsch eine limitierte Auflage zu nennen, lässt sich höchstens mit dem angepeilten Absatz unter Moskaus und Arabiens Ölmilliardären erklären. Vielleicht vervollständigen Rapper oder Fußballer ihre Sammlungen mit einem oder zwei Brooklands.

Schön. So schafft man dennoch Legenden. Oder zumindest eine gewisse Exklusivität. Als ob die ein Bentley nötig hätte. Der hier bringt sie von vornherein mit. Da bedurfte es gar nicht des klingenden Namens. Brooklands heißt die legendäre Rennstrecke, auf der die nicht minder sagenhaften Bentley-Boys, mehr oder weniger betuchte und durchaus wagemutige Kerle, einst gigantische Vier- und Sechszylinder mit heutzutage kaum glaublichen Hubräumen auf nach wie vor beeindruckende Geschwindigkeiten beschleunigten.

Bentley Brooklands
Leistung ausreichend: 1959 hatte der V8 im Bentley S2 nur 6,23 Liter, der Turbo bläst heute mit sechsdreiviertel Litern ein wenig mehr Drehmoment in die Sechsgangautomatik.
Doppelpfeil

Bentley war in Vorkriegszeiten sicherer Abonnent auf Le Mans-Siege, und die nicht gerade kleingeratenen Rennwagen, eigentlich Luxusautos von Graden und ganz nebenbei überaus herrschaftlich motorisiert, trugen den mit ehrlichem Respekt und beinahe vollständig unironisch gebrauchten Beinamen "schnellste Lastwagen der Welt".

Nun, mittlerweile trennen Dimensionen und Design unmissverständlich Last- von Luxuswagen, und der Bentley Brooklands trägt unübersehbar die Gene jener Bentleys und Rolls-Royces, die vor mehr als 40 Jahren als Serie S und Silver Shadow mal so eben der ganz gehobenen Kategorie ein zeitgemäßes und sehr langsam alterndes Gesicht gaben. Alle Klischees sind aufs Trefflichste bestätigt. Das Coupé, das selbstverständlich ein vollwertiger Viersitzer mit allem Schnickschnack für die achtern untergebrachten Passagiere ist, kommt ganz enorm traditionell daher und gleichzeitig ganz modern.

Bentley Brooklands
Traditionell: Die Uhrensammlung informiert erschöpfend. Fragt sich, ob im Zeitalter des Sounddesigns der V8 den Zeitmesser übertönt.
Doppelpfeil

Chefingenieur Harry Grylls hätte sich wohl 1958, als der Silver Shadow unter dem Projektnamen Tibet Gestalt anzunehmen begann, nicht träumen lassen, dass der Cloud-Nachfolger noch im dritten Jahrtausend derart frisch daherkommt. Das Three-box-design à la Crowe funktioniert nach wie vor bestens.

Die Rezeptur auch: V8-Maschinen mit sechsdreiviertel Litern gibt es seit 1969, die Aufladung hat ihren Vorläufer nicht zuletzt im Turbo-R (Kompressoren haben den Bentley Blower schon viel früher zum Begriff gemacht), Leder und Holz satt sowie geschmeidig schaltende Automatikgetriebe sind auch nicht gerade Neuland in der upper class made in Britain.

Und doch: Überall geht immer noch ein bisschen mehr. Dazu zwei Zahlen, die fast mit Geschmäckle daherkommen, haben die Briten doch einst die Motorleistung gern mit dem gekonnten Mix aus Understatement und Arroganz schlicht als "ausreichend" angegeben: Biturbo mit 537 PS, 1050 Newtonmeter. Letzteres sei immerhin der beste Wert aller Zeiten für einen Serien-V8 – also angemessen für eine tonnenschwere Luxusfuhre, ein "kraftvolles, muskulöses und dynamisches Grand Touring Coupé in bester Bentley-Tradition", wie es in der offiziellen Verlautbarung heißt.

Bentley Brooklands
Handgenäht: Wir wissen nicht, ob die Ablageflächen im Brooklands ausreichen. Wir ahnen: Der Eigner hat einen Butler, der sich um die Herrschaft sorgt.
Doppelpfeil

Ansonsten gilt: Das Trumm ist ganz große Klasse. Und das ist es just dank eines gewissen Understatements. Die Designer um Dirk van Braeckel haben fortgeschrieben, was sich als zeitlos erwiesen hat: Echter Luxus heißt weniger Multimediashow oder elektrische Helferlein als vielmehr Platz für den Menschen, kommode Unterbringung und edles Material. Wer im Bentley wirklich reist (und das wäre schön, weil angemessen), genießt Komfort der immergültigen Art. Feines Leder, wohlplatziertes Holz, für den Fahrer – und den Beifahrer gleich mit – ein Armaturenbrett, das seinen Namen verdient. Der Kofferaum wird, dem äußeren Anschein nach, ausreichen, und der Entwurf muss schon seit vier Dekaden nicht mehr beweisen, dass sich die legendäre Grand Tour der englischen Oberschicht im standesgemäßen Automobil nochmal so komfortabel absolvieren lässt.

Fazit: Der Bentley hat sich nicht groß verändert, und das ist, pardon, verdammt gut so. So sehr sich allerdings die Marketingabteilung müht, die Vergangenheit der Bentley-Boys heraufzubeschwören – die Zeiten sind vorbei. Der Sohn von Prince Charles' Gattin Camilla würde sich heute kaum mehr im Brooklands nach Le Mans begeben, um dort mal eben im selben Auto mit Steinschlaggittern vor den Scheinwerfern die 24 Stunden gegen einen Audi- oder Peugeot-Diesel zu gewinnen.

(Text: Jost Neßhöver)
(Fotos: Bentley)

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