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Aktualisiert am 31.12.2011
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Venturi Astrolab: Oder der Griff zu den Sternen

11.04.2007

Venturi Astrolab
Ein/Aus: Mit ganz wenig Schaltern kommt das Elektromobil aus. Dafür gibt's Formel 1-Feeling mit Solarzellenvorgarten.
Doppelpfeil

Der jüngste Streich der Elektroautoschmiede ist flach, schlank und schnell

Gleich zweierlei Erinnerung an die Seefahrt weckt der Venturi Astrolab. Zunächst handelt es sich um eine Art Katamaran für die Straße. Außerdem trägt der Hightech-Elektroflitzer einen großen Namen: Das Astrolabium hat einst die Navigation revolutioniert. Mit diesen meist kunstvoll gestalteten Instrumenten, erfunden von see- und astronomieerfahrenen Arabern, ließen sich die Gestirne anpeilen und so die Position bestimmen. Ganz irdisch betrachtet vermögen Fahrer und Sozius, deren Köpfe aus einem Solarzellendeck hervorragen, im Astrolab dank modernster Akkumulatorentechnik mit immerhin bis zu 120 Sachen 110 Kilometer weit und sogar wieder zurück zu kommen. Mit ausreichend langen Pausen unter möglichst klarem Sommerhimmel vergrößert sich der Aktionsradius.

Es ist der dritte Streich der Venturi-Leute, seit aus der kleinen und feinen Sportwagenschmiede eine Art Stromauto-Labor geworden ist.

Venturi Astrolab
V3: Das Venturi-Signet an Bug und Kopfstützen verrät, dass die Solarseifenkiste mehr drauf hat.
Doppelpfeil

Claude Poirand und Gérard Godfroy hatten 1984 das Unternehmen gegründet und seither bei Paris etwa 700 ganz konventionelle Sportwagen gebaut. Es gab einige spektakuläre GT-Renner und sogar einen Ausflug in die Formel 1. Seit der Pleite vor ein paar Jahren hat Gildo Pallanca Pastor das Sagen im Haus, und der Sitz des Unternehmens heißt heute Monaco. Fürwahr ein teures Pflaster. Macht nichts, Venturis sind für Otto Normalverbraucher ohnehin unerschwinglich. Den – oder das? – Astrolab soll es ab kommendem Frühjahr für schlappe 92.000 Euro geben, vor Steuern.

Sonderangebote sind auch der Fétish nicht, ein ursprünglich konventionell angetriebener, dann als Elektrorenner mit atemberaubendem Drehmoment verkaufter Sportwagen, und der Eclectic, ein pfiffiges Elektro-Stadtmobil, das den eigenen Carport gleich mit sich umherzufahren scheint. Nun also der Astrolab. Regelmäßig treffen sich in Australien vor allem junge Wissenschaftler zu einem schrägen Rennen. Allein mit der Kraft der Sonne angetriebene Elektroautos gehen down under an den Start um den Preis für die tollste Leistung aus Solarzellen. Wie dafür gemacht scheint der Astrolab.

Venturi Astrolab
Katamaran: Kaum Roll- und Luftwiderstand, aber reichlich Angriffsfläche für das Sonnenlicht bietet der Astrolab.
Doppelpfeil

Ist er aber nicht. Venturi will die Kunden damit auf der Straße fahren lassen – weniger um sportlicher oder wissenschaftlicher Meriten willen als um des ökologisch unbedenklichen Spaßes am flotten Fortkommen. Der Astrolab taugt zwar nicht zum großen Wochenendeinkauf, aber doch vielleicht zum sonntagmorgendlichen Brötchenholen mit dem ganz großen Showeffekt. Ansonsten haben wir es, nicht bloß wegen der Sitze in Tandemanordnung, wohl eher mit einem Motorrad auf vier Rädern zu tun, das bei schönem Wetter zur Spritztour auf schöne Landstraßen lockt, ganz ohne Abgas und – die Freunde klassischer Verbrennungsmaschinen müssen da jetzt ganz tapfer sein oder weghören – praktisch ohne Geräusch.

Motorradfahrer sagen zu ihren Flitzern gern verniedlichend Moped oder – je nach Herkunft – Mopped. Nennen wir den Astrolab also mal so richtig despektierlich Mopped-Katamaran. Schuld ist die Form. Links und rechts rollt das Zweispurfahrzeug wie viele der australischen Wettbewerbsrenner auf widerstandsarm schmalen Rädern. Im Schwerpunkt und darunter ruht die Batterie und sitzen die beiden Insassen. Das verspricht allerbeste Straßenlage. Es gibt dem Astrolab auch das Aussehen eines Doppelrumpfboots mitsamt dem verbindenden Deck mit dem Solarzellenbeet vor der Nase von Fahrer und Beifahrer.

Venturi Astrolab
Filigran: Kohlefasern, Aluminium und feinstes Strebwerk machen aus den 280 Kilogramm für zwei Personen eine flotte Fuhre.
Doppelpfeil

Das soll so sein, verspricht das Vehikel doch laut Hersteller Genuss ohne Reue wie ein Segelboot. Das fährt ebenso unabhängig von externen Kraftquellen allein mit der natürlichen Energie, in seinem Fall dem Wind. Gegenüber dem Motorrad hat der Astrolab allerdings noch den Vorteil erheblich größerer Sicherheit. So kippt man mit dem Ding einfach nicht so schnell um, entfallen doch allein 108 der 280 Kilogramm Trockengewicht auf die tief angeordnete Nickel-Metallhydrid-Batterie. Sie fasst 100 Ampèrestunden, hat 72 Volt Spannung und ist flüssigkeitsgekühlt.

Außerdem sitzen die Insassen in einer Art Kohlefaser-Monocoque – stabil, leicht und überaus stoßfest. Aluminiumstrukturen führen vorn und hinten die McPherson-Federbeine, an deren unteren Enden die scheibengebremsten Speichenräder rotieren. Die schmalen Michelins haben das Format 130/90 R17. Noch ein paar Zahlen zum Schluss: Der Astrolab misst 3,80 Meter in der Länge und 1,84 in der Breite. Der obere Rand der Überrollbügel markiert die Höhe von 1,20 Metern. Der Motor leistet 16 Kilowatt und liefert ein stabiles Drehmoment von immerhin 50 Newtonmetern. Bremsenergie beim "Gaswegnehmen" wird gespeichert. Das Tolle an dem Ding ist aber, dass es für den, der auf allzu weite Strecken verzichten mag, ganz ohne Strom aus der Steckdose auskommt. Der muss ja bekanntlich auch erst hergestellt werden, die Sonne aber scheint für lau.

Der Mopped-Katamaran ist von seiner Natur her ein minimalistisches Objekt. Wer eine viersitzige Limousine per Solarstrom mit ähnlich beeindruckender Leistung konstruieren wollte, müsste heutzutage wohl noch immer eine Art Photovoltaik-Tennisplatz aufs Dach setzen. Schon in dieser Größe mussten sich die Designer zwangsläufig an den Designs der Teams technischer Hochschulen orientieren – trotz riesigen technischen Fortschritts.

Venturi Astrolab
Signalfarbe: Was im Schwerpunkt liegt, ist orangefarben umkleidet. Den Astrolab kippt so leicht nichts um.
Doppelpfeil

Nun, die Ingenieure und Studenten freuten sich wahrscheinlich, baute ihnen jemand ein derart sachlich-materialbetonendes und doch recht aufregendes Kleid für die rollenden Diplomarbeiten. Bis auf weiteres bleiben jedoch herrlich umweltfreundliche Spielereien was sie sind. Aber vielleicht gelingt ja dereinst TH-Absolventen im Verein mit den Reiche-Leute-Spielzeugherstellern der Durchbruch hin zum Auto, das niemals an die Tankstelle respektive an die Steckdose muss. Dann hat, wer komplett emissionsfrei unterwegs sein will, womöglich auch nicht mehr umständlich ins Cockpit einer auf Räder gesetzten Rennjacht zu klimmen, die doch immer noch ein wenig so aussieht, als müsse man sie vom Steg in Richtung Regattastrecke abstoßen.

(Text: Jost Neßhöver)
(Fotos: Venturi)

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