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Tramontana: Eisenfeile im Reise-Necessaire
17.04.2007
Der Tramontana ist ein Spielzeug für die ganz Reichen Formel 1 für die Straße mit Ledertäschchen und allem, was gut und teuer ist Soll Klein-Fritzchen einen Rennwagen malen, kommt vielleicht so ein Ding wie der Tramontana heraus. Die Formensprache ist deutlich: Eine Art Mono- oder ob zweier Tandemsitze eher Duocoque mit fetten Kühlerflanken plus freistehende Räder und offenes, per Hardtop schließbares Cockpit. Schutzbleche und Lampenträger deuten auf den Einsatz abseits von Rennstrecken hin. Wollte man den Designern ganz übel, ließe sich der Supersportwagen als kohlefasergewordener Traum eines spätpubertierenden Schumi-Fans abkanzeln. Wäre er nur 50 Zentimeter lang, löste er spontan die Suche nach der Funkfernsteuerung aus. Ein Spielzeug also, allerdings eins für die ganz Reichen. Eine schlappe halbe Million kostet der Spaß aus Katalonien. Wer soll das bezahlen? Wenige jedenfalls. Mehr als zwölf Stück pro Jahr wollen die spanischen Macher auch gar nicht bauen. Ganz nach Oscar Wildes berühmter Einschätzung des eigenen Geschmacks als "sehr einfach" soll alles nur vom Allerfeinsten sein. Obendrein ist das, was die Tramontanieros bisher gezeigt haben, bloß ein flüchtiger Eindruck vom Machbaren. Jeder Kunde soll sich seinen Flitzer so ausstatten lassen, wie er das gerne mag. Das Handelsmuster sieht so aus: 720 PS aus einem BMW-Zwölfzylinder vor der Hinterachse, Fahrgestell aus hundert Prozent Kohlefaser mit Chrom-Molybdän-Stahl-, Magnesium- und Aluteilen, im knappen Cockpit Leder und weiteres edles Metall inklusive Gold.
Der Biturbomotor leistet im Normalbetrieb 550 PS, auf Knopfdruck werden 170 weitere Pferde wach. Allerfeinste und aufs Notwendigste reduzierte Elektronik plus minimales Kabelwerk sollen Pannenursache Nummer eins schlicht beseitigen. Das Leistungsgewicht von mageren 1,7 Kilogramm pro PS spricht für sich. Das Formel-1-Fahrwerk lässt sich passend zur gewählten Motorleistung Grand-Prix-Kurs-tauglich trimmen. Der Wendekreis bleibt mit elf Metern innenstadttauglich, zweidreiviertel Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag verhindern Verrenkungen. Durch die sechs Gänge schaltet sich der Fahrer selbstverständlich ebenfalls per Fingerdruck vom Lenker aus. Edler Materialmix dient auch der Sicherheit. Belüftete Karbon-Keramik-Bremsscheiben sollen schon bei niedrigen Temperaturen bestens greifbar sein und Fading zum Fremdwort machen. Sicher sollen auch die Insassen im superfesten Kohlefaser-Moncoque leben. Crashtests seien phänomenal verlaufen, nach der Sicherheit potenziell angefahrenen Fußvolks zu fragen, könnte kleinkariert klingen. Der Tramontana eignet sich im Unfalle wohl eher für den spektakulären Ritt in Reifenstapel. Testfahrten lassen sich nicht beschreiben, die Ergebnisse eines eher profanen und jetzt wirklich ganz bewusst kleinkarierten Praxistests jedoch vorhersehen: Der Tank fasst mit 100 Litern doppelt so viel wie der Kofferraum. Das Team um Designer Josep Rubau hatte wohl auch weniger das Reisen im Sinn, vergleicht doch der Pressetexter das Sitzen im Tramontana mit dem in einem Kampfflugzeug. Mitgearbeitet am Entwurf habe unter anderem Manuel Brown, der ansonsten dem Eurofighter das Fliegen beigebracht habe. Insgesamt machen rund hundert Leute mit beim Projekt, darunter einige mit reichlicher Erfahrung aus der Zulieferindustrie und sogar ein Mann mit Uhrmachervergangenheit in der Schweiz. Allen voran Josep Rubau, der den Stein 1996 ins Rollen brachte. Der Designer hat unter anderem bei VW gearbeitet, wo er etwa die Allradstudie New Beetle Dune schuf. Auf sein Konto geht außerdem der preisgekrönte Motorrad-Stier Miura. Übrigens soll Rubau einmal das Angebot ausgeschlagen haben, an Star-Wars-Filmen mitzuarbeiten. Immerhin, Ideen scheint er schon gehabt zu haben, realisiert hat er sie ganz offensichtlich beim Tramontana.
Die Firma hat ihren Sitz im Nordosten Spaniens, wo der Wind und Namenspate "Tramuntana" weht. Mit bis zu 200 Stundenkilometern wird der Costa-Brava-Himmelsputzer indes nicht ganz so schnell wie der Renner. Das Concept-Car war 2005 in Genf zu sehen, der Prototyp kürzlich am gleichen Ort. Im Sommer sollen die ersten Autos die Manufaktur verlassen. Es wäre müßig, die feinen und edlen Details aufzuzählen, die aus dem vierrädrigen Renn-Tandem eine superteure Mixtur aus Highspeed-Hightech und Feinmechanik machen. Der Tramontana soll immerhin die glorreiche spanische Automobil-Tradition, in der die Namen von Hispano Suiza und Pegaso glänzen, fortsetzen. Allerdings ist der Entwurf vor allem aggressiv geraten. Die leicht entschärfte Formel-1-Monoposto-Nase stände auch dem Raumschiff jenes Kopfgeldjägers, der Han Solo im Kino-Krieg der Sterne jagt. Alle Linien streben unwiderstehlich nach vorn, und nicht bloß die seitlichen Lufteinläufe in den Flanken verleihen dem Äußeren die Anmutung eines Kampfjets, dessen Pilot den Knüppel angriffslustig nach vorn drückt. Bei aller Aggressivität ergänzen Kurven und Sicken einander immerhin ziemlich harmonisch. Gälte der Grundsatz "form follows function" konsequent, passten sie freilich eher zu einem Flug- denn zu einem Fahrzeug. Auf den ersten Blick schön schräg ist die Kombination von all der lackierten Kohle mit den fein gemaserten Holzpaneelen vor den gewaltigen Kühlergrills rechts und links des Rumpfs. Dennoch wirken sie seltsam deplaziert. Das Gleiche gilt für die Ledertäschchen im Innern alles ganz edel und teuer und handwerklich zweifellos gekonnt, aber dennoch eigentlich inkonsequent. Wer sich im Rennfahrerdress ins Cockpit fädelt, wirkt wohl wie eine Eisenfeile im Reise-Necessaire. Wer nun aber im legeren Millionärs-Outfit mutmaßlich lässig über die Bordwand flankt, dem rutscht vielleicht ganz unelegant das Hemd aus der Hose. Leicht derangiertes Zivil im Boliden sieht auch nicht so toll aus.
Entsprechend beruhigend für Otto Normalverbraucher fällt das Fazit aus: Der Tramontana ist ja ohnehin nur was für den, der schon alles hat, oder für den entsprechend Betuchten, der so etwas sammelt. Der praktische Nutzen beschränkt sich auf die schnelle Ausfahrt am frühen Sonntagmorgen, wenn das Heer der Ausflügler noch schläft. Dann lässt es sich bestimmt herrlich mit der Nase im Wind entlang eines angemessen lieblich mäandernden Flusses Kurven räubern, Weidevieh wecken und Motorradfahrer ärgern. Auf den ersten Blick reizt da just das martialische Äußere mit Düsenjäger-Flair. Nun, der Starfighter in seiner Urform war atemberaubend elegant "form followed function". Der Eurofighter und ähnliche moderne Kampfflugzeuge sind nach der gleichen Devise gebaut, sehen aber auch genauso bedrohlich und lebensgefährlich aus wie sie sind. Das ist dann zumindest ehrlich, also zynischerweise auch wieder richtig gutes Design. Der Tramontana bringt die funktionale, aber auch enorm stark vom Reglement erzwungene Formensprache der Formel 1 auf die Straße. Das gelingt gar nicht einmal schlecht. Unterm Strich handelt es sich aber doch um die Versammlung des zugegeben Besten, aber vor allem Teuersten auf möglichst kleinem Raum. Toll. Schön. Edel. Rasant. Und ein bisschen von allem zuviel. Klein-Fritzchen kriegt die Linien vielleicht nicht so schick hin. Gibt man ihm Filzstift und Papier, könnte er aber doch am Ende etwas zeichnen, was so ein wenig aussieht wie das Spielzeug für die ganz Reichen.
(Text: Jost Neßhöver) |
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