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Aktualisiert am 31.12.2011
© 2011 virto GmbH
Morgan AeroMax: Geschlossene Gesellschaft

24.04.2007

Morgan Aeromax
Safety fast: Fabrikneuer Klassiker mit Dach, Dampf sowie Netz und doppeltem Boden.
Doppelpfeil

Als Gran Tursimo macht der neue Morgan eine sehr gute Figur

Elektronische Bremsunterstützung, Tempomat, Reifendruckkontrolle, ABS und Airbags sowie ein 4,8-Liter-V8 von BMW. Dazu ein paar Angaben über niedrige Kohlendioxydwerte und neudeutsches Geraune über Elektronik, die als Großer Bruder sowohl über den Motor als auch über alles mögliche elektrisch Betriebene wacht. Das soll ein Morgan sein? Wenn jemand etwas so Legendäres wie die knochentrockenen Bandscheibenkiller aus Malvern Link schon partout modernisieren will, dann mag er es in Gottes Namen tun – Hauptsache, er verpackt es wenigstens angemessen.

Designer Matthew Humphries hat das getan. Und gleich noch ein Sakrileg begangen: Der AeroMax hat ein festes Dach. Das gab es bislang aus diesem Hause nur im Plus Four Plus in den 1960er Jahren. Auch das ist gelungen, und zwar derart gut, dass selbst eingefleischte Windgesichter, denen die Barbourjacke nicht ohne Grund notwendiges Accessoire für die Fahrt im Roadster ist, sich ein anerkennendes "well done" kaum verkneifen werden.

Weil die Designer ganz tief in die Gestaltungskiste gegriffen haben, ist der – man denke: – neue Morgan fast noch mehr ein Dreißiger-Jahre-Auto als der "alte", an dessen Anblick man sich nach 70 Jahren als unveränderlich und mittlerweile zeitlos gewöhnt hat. Mehr noch: Der AeroMax schwimmt weit gekonnter auf der allgemeinen Retrowelle als so mancher andere. Kunststück: In Malvern Link sind sie lange genug nach der Adenauerdevise verfahren, dass Experimente bloß schaden. Das lange Warten aufs Neue – die Stammkundschaft hat vielleicht nie auf Veränderungen gelauert, aber geschenkt – hat sich gelohnt. Das Experiment ist gelungen – weit besser als beim offenen Aero Eight.

Puristen mögen den ganzen elektronischen Schnickschnack als fürchterliche Verweichlichung ihres heißgeliebten Anachronismus verdammen. Eingebaut wird der neumodische Tüddelkram aber immerhin in eine traditionell gebaute Karosse auf einem Aluminiumfahrgestell mit – nun geht ein Aufatmen durch die Gemeinde – dem Eschenholzrahmen nach alter Väter Sitte. Noch eine Zahl? Trocken bringt der Morgan weniger als 1200 Kilogramm auf die Waage. Dank kaum veränderter Silhouette liegt der Schwerpunkt außerdem da, wo er hingehört: ganz weit unten.

Morgan Aeromax
Sidepipe: Auf dass sie das barocke Heck nicht verderben, ragen die Auspuffrohre seitlich in die Umwelt.
Doppelpfeil

Dass die Morgan-Leute trotz aller Sicherheits-, Komfort- und Umweltgimmicks den Sportwagencharakter nicht allzu sehr verwässert haben dürften, darf man also getrost voraussetzen. Dass draußen nichts Schlimmes passiert ist, zeigt der Anblick der atemberaubend knackigen Aluminiumkarosserie. Fangen wir vorn an: Das obere Ende des Hufeisengrills und das der voluminösen Kotflügel, die ihren Namen noch verdienen – zumindest was den Schwingenteil des Wortes angeht –, bilden eine Ebene. Drüber kommt nur noch das schmale Rechteck der Windschutzscheibe, die ob minimaler Höhe die sehr britischen drei kleinen Scheibenwischer erforderlich machen.

Die Scheinwerfer sind recht hoch angeordnet, was in Verbindung mit dem fast unveränderten Morgan-Hüftschwung dem Wagen einen ausgesprochen distinguierten Ausdruck verleiht. War der Plus Eight ein Herrenfahrer, ist der AeroMax ein Gentleman-Driver – was zwar eigentlich das Gleiche ist, dank der beiden Sprachen aber ganz gut den Unterschied beschreibt. Vom puren Roadsterlook ist wenig übrig. Vielmehr zitiert der AeroMax die Formensprache der edlen Reisecoupés der 1930er Jahre, hat zum Morgan-Menu noch einen Bugatti-Gang hinzubekommen. Dazu passen die flächigen Türen mit nach vorn abfallender Vorderkante und die altmodisch kantigen Fensterausschnitte samt angedeuteter Dreiecksfensterchen.

Dazu passt aber vor allem das Heck. Bei dessen Gestaltung ist es haarscharf gelungen, nicht zuviel des Guten zu tun. Das Heck hat nichts mehr von dem flach abfallenden Reserveradhalter-Blech der Plus-Modelle. Hauptgrund ist die Heckfenstergestaltung. Auf dass die Insassen einigermaßen aufrecht zu sitzen vermögen im knappen Coupe, ist das Dach leicht gewölbt. Das verdirbt nun aber keineswegs die Linie und setzt sich in einem längs geteilten dreieckigen Heckfenster fort, das recht weit nach unten ragt und einigermaßen brauchbaren Rückblick verspricht. Die hinteren Seitenfenster, die nur auf den ersten Blick zu spitz auslaufen, ergänzen das Dreiecksmotiv.

Morgan Aeromax
Rassig: Sensationell ist das Heck geraten – viel schöner als beim Roadster.
Doppelpfeil

Dreierlei Schluss kennt denn auch die ganze Karosserie: In der Mitte schließt eine Art Bootsheck die Dachlinien ab, rechts und links enden die Kotflügel sehr harmonisch in korrespondierenden Wülsten, in deren Kanten hohe schmale Leuchtenbänder nach Art des Lancia Thesis eingelassen sind. Für die Freunde des Althergebrachten thront auf dem rechten Kotflügel ein fein verchromter Tankdeckel, und Nebelschlussleuchte sowie Rückfahrscheinwerfer sind selbstverständlich separat und klassisch rund. Zugeständnis ans Moderne ist der auffallend massive Nummernschildträger, der sich linkerhand an der Karosserie emporschmiegt, als sei er unter jener fetten Chromstoßstange festgeschraubt, die der AeroMax gar nicht hat. Ebensowenig scheinbar wie Auspuffrohre. Deren Enden finden sich knapp vor den hinteren Radhäusern im Schweller und scheinen schon im Stand leise zu bollern.

Dass der AeroMax auch vorne keine Stoßstange hat, ist auch nicht schlimm. Viel zu elegant hat der Designer den unteren Abschluss der Kotflügel mit einer Art Lippe unterm Kühlergrill verschmolzen. Die Radläufe umschließen nach bester Morgan-Art eng die großen Räder, die trotz extremer Niederquerschnitts-Bereifung wie angegossen passen.

Selten gelingt es derart gut, eine bewährte, im Falle des Morgan gar hochbetagte und scheinbar bis in alle Ewigkeit gültige Form neu zu fassen. Da lässt sich nichts wegnehmen, da sollte man bloß nichts hinzufügen. Briten dürfen vielleicht noch vorn einen Badge-Bar fürs Wappen ihres Automobilclubs anbringen. Ein Gepäckträger, der den barocken Formen des Hinterteils folgen müsste, trüge vermutlich nicht viel Gepäck. Es ist allerdings anzunehmen, dass, wer im AeroMax Tempomat, ABS und elektronisch gesteuerten Bayernmotor toleriert, seine Koffer nicht mehr selbst kutschiert, sondern vorausschickt..

(Text: Jost Neßhöver)
(Fotos: Morgan)

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