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Dodge Avenger: Mit dem Rächer ins D-Segment
18.05.2007
"If you can't dodge 'em, ram 'em." Markige Worte prangen auf so manchen Pickup-Trucks Windschutzscheiben in Nordamerika. Die Botschaft lässt sich etwa so übersetzen: Wenn die andern nicht freiwillig Platz machen, dann ramm' sie halt. Obendrein ist Dodgem das im Angelsächsischen gebräuchliche Wort für die hierzulande Auto-Scooter geheißene Kirmesrempelei. So weit zu den Wortspielen rund um die traditionsreiche Marke Dodge und ihren Bestseller-Truck Ram. Die Marketingleute aus Michigan waren um kriegerische Töne nie verlegen, und deshalb kommt nun der "Rächer". Nach dem Caliber ist der Avenger der jüngste Versuch, Autos auch im zivileren Segment und außerhalb des Kontinents an den Mann zu bringen. Und wieder handelt es sich um ein einigermaßen martialisch daherkommendes Vehikel, diesmal in der Mittelklasse. Unterm Blech und da ist der Rächer in der langen Geschichte von Brot- und Butter-Limousinen made in USA keine Ausnahme ist wenig Spektakuläres zu erwarten. Drei Benzinmotoren (zwei Reihenvierer und ein V6) sowie ein Diesel mobilisieren zwar jeweils respektable Pferdezahlen und sind ziemlich modern, Muscle-Car-Qualitäten verspricht der Avenger trotz einiger Anklänge ans Charger-Design eher nicht. Allerdings gibt es allerhand Gimmicks für die komfortverliebten Amerikaner. Dazu gehört ein Getränkeklimafach für entweder heiß- oder kaltgestellte vier Halbliterbehälter. Frischen Wind fürs europäische Straßenbild bringt allerdings das Äußere. Da wäre zunächst das für uns immer noch neue Markengesicht mit dem "Fadenkreuz"-Grill als beherrschendem Element. In einem Land, in dem das Eintreten für die Todesstrafe und das Waffentragen Wahlen entscheidet, sind derlei Attribute absolut politically correct. Selbst die deutschen Marketingstrategen haben sich keineswegs eine friedlichere Interpretation einfallen lassen fürs alte Europa. Handelte es sich beim "Rächer" um einen der für Dodge klassischen Pickups, enthielte die Zubehörliste garantiert Gewehrhalter.
Wer sich von dem ganzen Säbelgerassel nicht abschrecken lässt, steht schließlich vor einem kompakt und markant gezeichneten Viertürer von durchaus klassischen Proportionen in den Dimensionen etwa des Ford Mondeo. Allerdings haben die Designer ihre Gewohnheiten im Umgang mit möglichst mächtig auftretenden Pickups offenbar nicht ganz ablegen können. Wie der Caliber in der Klasse drunter auch nicht eben schmächtig wirkt, hat der Avenger viel von seinen großen Pritschen-Brüdern, zumindest von vorn gesehen. Im Gegensatz zu europäischen Entwürfen, die auch immer aggressiver gezeichnet werden, besitzen Autos wie der Avenger oder der recht gut etablierte Chrysler 300 allerdings veritable Wagenburg-Qualitäten. Baute den Rächer die Konkurrenz, böte sich das Wortspiel vom Fort Avenger an. Immerhin sieht das Auto derart wehrhaft aus, als fände eine Schwadron der 7. Kavallerie bequem Schutz in seinem Innern. Aber Schluss jetzt mit schnöden Schlachtfeld-Assoziationen. Abgesehen davon, dass den Designern beim Avenger wie schon beim Caliber eine angenehme Abwechslung zum automobilen Einerlei gelungen ist, lässt sich der Neue durchaus sehen. Dass Dinge wie italienischer Schick und französische Nonchalance ebenso fehlen wie jegliche Selbstironie oder gar Understatement, wird niemand wirklich monieren, der sich heute für ein Auto aus den Vereinigten Staaten interessiert. Dieser Wagen nimmt sich ernst das aber zumindest gekonnt. Das fängt beim dominanten Grill an, bei dem es auch ein bisschen Chrom sein darf. Wenn Autos ein Gesicht haben, ist der Blick aus den Scheinwerfern gelassen-souverän ein Pokerface, dessen Inhaber nicht scheut, was ihn High Noon erwartet. Den bulligen Eindruck verstärken die stark ausgestellten Radhäuser, in denen sich Räder von respektablem Format drehen. Es folgt ein weitgehend unspektakuläres Segment auf Höhe des Fahrers. Hinten geht es aber prompt wieder ziemlich maskulin weiter. Gleichsam muskulöse Flanken leiten über ins kantige Heck, dessen Elemente etwa die Rückleuchten und die betonte Waagerechte vom Caliber her bekannt sind. Die Heckansicht ist dennoch die am wenigsten aufregende. Den Anblick trübt zudem der Heckspoiler, der solange ziemlich aufgesetzt wirkt, wie Dodge keine Sportversion mit fetten Rennstreifen und vielleicht signalfarbenem Lack plus mattschwarzer Motorhaube nachschiebt.
Fehlt noch der Blick ins Innere. Eng soll es den bis zu fünf Insassen nicht werden. Auch da hat schon der Caliber gezeigt, was an Platz in einer Wagenklasse machbar ist. Ansonsten aber gilt, was sich mit einer überraschend ironischen Szene aus dem ansonsten völlig unkritischen Hollywood-Kriegsfilm "Memphis Belle" beschreiben lässt: Da wird ein blutjunger GI gefragt, was er denn nach dem Zweiten Weltkrieg machen wolle. Nun, der Nachwuchskoch möchte eine Restaurantkette gründen, in deren Filialen es USA-weit das gleiche Angebot gibt. Den Einwand, das müsse ja floppen, weil doch niemand überall das Gleiche essen wolle, wischt er beiseite: Im Gegenteil, das sei doch so beruhigend. Der Avenger wird niemanden aus der Ruhe bringen. Außer in der Luxusklasse machen Amerikas Auto-Innenarchitekten keine Experimente. Das Design der Kunststoffpanele ist schlicht und eher grob. Immerhin ist die Armaturentafel angenehm aufgeräumt, und klassische Rundinstrumente informieren den Fahrer kurz und bündig. Ob der Avenger dazu taugt, hierzulande mehr als nur einen Achtungserfolg für zeitgenössische US-Wagen zu erzielen, wird sich zeigen. Immerhin ist seit dem Chrysler 300, dem PT Cruiser und zuletzt dem kleineren Dodge Caliber auch Otto Normalfahrer bekannt, dass von jenseits des Atlantiks nicht bloß extrem altes Eisen den Weg ins alte Europa findet. Fragt sich bloß, wen oder was der Mittelklassewagen aus Michigan nun eigentlich rächen will.
(Text: Jost Neßhöver)
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