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Aktualisiert am 31.12.2011
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Lada C: Der Wolga-Golf aus Togliatti

28.04.2007

Lada C
Bullig: Kraftvoll und aggressiv präsentiert sich die Studie des Golf-Konkurrenten aus Togliatti.
Doppelpfeil

Palmiro Togliatti war Kommunist und Italiener. 1921 gehörte er zur Gründerrunde des Partito Comunista Italiano. Dessen zumindest in Deutschland wohl berühmtestes Mitglied war Giuseppe Bottazzi. Der stämmige Gino Cervi gab mit Stalin-Schnauzer in der liebenswerten Nachkriegs-Filmreihe den Lieblingsfeind Don Camillos alias Fernandel. Bürgermeister Bottazzi, genannt Peppone, fuhr, wenn er nicht in seinem Motorradgespann wider die schwarze Reaktion focht, Fiat-Lastwagen. Was das alles mit dem Lada C zu tun hat? Nun, mit Fiats Hilfe bauten die Sowjets mitten im Kalten Krieg an der Wolga ein Autowerk. Togliattigrad hieß fortan der Ort nach dem italienischen Politiker, und gebaut wurden Fiat-124-Limousinen und -Kombis. VAZ 2101 hieß der Senkrechtstarter dies- und jenseits des Ural, als Lada kam er auch in den Westen. Togliatti ist seit 40 Jahren tot, die Sowjetunion gibt es nicht mehr, und von unverbesserlichen Weltverbesserern wie dem Herz-Jesu-Marxisten Bottazzi will schon längst niemand mehr etwas wissen – Ladas aber werden noch immer gebaut.

Kurz und trocken C heißt die Studie, mit der die mittlerweile russischen Autobauer das Image des Kolchosenfuhrparks-Bestückers endgültig loswerden wollen. Der Buchstabe bezeichnet das Marktsegment (hierzulande die so genannte Golf-Klasse), steht außerdem für Concept und für Coupé. Handelte es sich um ein Produkt aus Fernost oder um den jüngsten Zweitürer aus europäischer Produktion, fiele die Form nicht weiter auf. Für einen Lada aber kommt der C beinahe – keine Angst: rot sind nur die Polster – revolutionär daher.

Wer an Lada denkt, weiß vom legendären Fiat-Derivat, kennt den nebennebenstraßentauglichen, aber unscheinbaren Samara, den von festen Wegen endgültig unabhängigen Försterfreund Niva und vielleicht auch die aktuellen Modelle 1117 bis 1119. Alles mittlerweile ganz solide produzierte und sensationell günstige Hausmannskost mit viel Charme für Leute, die in der Werkstatt Schraubenschlüssel sehen wollen und keine besserwisserischen Diagnosecomputer.

Lada C
À la Fiat: Ein wenig Stilo haben die Designer dem C-Heck verpasst.
Doppelpfeil

Nun also der C. Der Kompaktwagen soll Basis sein für eine ganze Autofamilie samt Stufenheck, Kombi, Minivan und Crossover. Den C mit klassischem Kofferraumbürzel hat das Unternehmen Avtovaz vergangenen Sommer in Moskau vorgestellt, in Genf folgte nun das "Hatchback" mit Zweilitermotor, der den Wagen auf Tempo 210 beschleunigen soll. Zur Beschreibung des äußeren Eindrucks reicht eigentlich das Attribut "kraftvoll". Bulliges Design mit voluminös ausgestellten Radläufen, tief hinabgezogenen Schürzen und Schwellern sowie knapp bemessenem Raum samt kleiner Fenster hinter dem Fahrerabteil sprechen eine deutliche Sprache. Ob gewollt oder nicht: Hinten erinnert das Arrangement von stark betonten Rückleuchtenkästen und eingezogener Kofferklappe an selige Fiatzeiten – allerdings an ein jüngeres Modell, den Stilo.

Trapez und Hexagon sind die dominierenden geometrischen Elemente des Entwurfs. Der straffe Bogen der Silhouette und der Bugwulst entschärfen die Strenge und lassen den C muskulös und sprungbereit wirken. Die Linien harmonieren gut, kräftige Sicken und Kanten etwa vor den Türen imitieren angesetzte Rennsport-Kotflügel, und allenfalls das Heck wirkt etwas pausbackig. So richtig neu oder besonders ausgefallen ist die Linienführung allerdings nicht. Da bleiben sich die Wolgaer Autobauer treu: Der 1200er war seinerzeit durchaus noch aktuell, der Samara schlimmstenfalls etwas altbacken, der 1118/1119 widerspricht wahrscheinlich bloß westeuropäischen Sehgewohnheiten, und der Niva ist längst zeitlos. Ein bisschen zu spät für den letzten Schrei kamen sie immer.

Lada C
Hausmannskost: Viel Plastik, schlichte Formen, aber klare
Instrumente im Innern.
Doppelpfeil

Innen setzt sich das auf durchaus angenehme Weise fort. Die Studie hat schlichte, aber flotte rot-schwarze Ledersitze, und die Bedienung scheint keinerlei Rätsel aufzugeben. Zwei klassische runde Uhren hinterm Lenkrad mit dem modernisierten Logo sitzen tief in getrennten Hutzen, wenige Schalter im aufgeräumten Armaturenträger sollten unerwünschtes Gefummel und gefährliche Ablenkung verhindern. Die ganze Einheit ist extrem schlicht mit betonter Waagerechter gehalten, das Motiv der schmalen Leisten wiederholt sich in den Ledernähten der Sitze und in den ebenso lakonisch gezeichneten Türverkleidungen mit knallroter Intarsie. Das ist schlicht und ergreifend, und wenn der Kunststoff in der Serie nicht zu billig wirkt, sogar ziemlich schick. Schicker jedenfalls als die etwas präpotente Karosserie, die leider doch ein wenig zu viel vom fragwürdigen Charme eines nachträglich aufgemotzten Focus hat.

Palmiro Togliatti war kein stalinistischer Betonkopf, und ausgerechnet im katholischen Italien die kommunistische Partei eine ganze Weile beliebt und erfolgreich. Umgekehrt brachte einst der Fiat-Lada ein wenig Turiner Eleganz ins Sowjetreich und avancierte zu einer Art Genossen-Volkswagen. Seit 1970 hat Avtovaz nach eigenen Angaben mehr als 25 Millionen Autos und CKD-Einheiten (completely knocked down – halbmontierte Autos, die im Exportland zusammengebaut werden) hergestellt. Erfahrungsgemäß dauert es aber immer etwas länger, bis Entwürfe aus Togliatti den Weg auf die Straße finden. Bleibt abzuwarten, wie sich der Wolga-Golf machen wird.

(Text: Jost Neßhöver)
(Fotos: Lada)

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