|
|
|
|
National Air Races Reno: Gentlemen, you have a race!
11.09.2007
Jedes Jahr im September heißt es im Spieler- und Wüstenstaat Nevada: Fly low, go fast, turn left. Bei den National Air Races rasen Privatpiloten mit hochfrisierten historischen Flugzeugen um die Wette Manche Sportarten, die Menschen angelsächsischer Zunge schätzen, sind von nahezu hirnwringend komplexem Wesen. Das Regelwerk des Baseballspiels etwa oder schlimmer noch das des als extrem britisch geltenden Rasensports Cricket beherrschen in toto, so sagt man, nicht einmal alle Schiedsrichter. Dass namentlich US-Amerikaner aber auch ganz anders können, beweisen sie alljährlich etwa bei den NASCAR-Rennen. Oder beim Spektakel namens National Championship Air Races. Hier die Regeln, und zwar alle: Fly low, fly fast, turn left. Ende der Durchsage. Heißt auf deutsch: Flieg tief, flieg schnell und tu das immer schön linksherum. Wie das geht, und warum etwas derart Simples derart viel Spaß macht, ist jeweils im September wieder bei Reno im US-Bundesstaat Nevada zu erleben. Knapp eine Woche lang dreht sich auf und über dem Flugplatz Stead in der Wüste unweit der Spieler- und Scheidungsstadt alles um fürchterlich schnelle, rasant lackierte und ganz eindeutig von lauter Selbstmordkandidaten gesteuerte Flugzeuge.
Das mit dem Linksherumfliegen ist ja nicht schwer zu kapieren auf irgendeine Richtung muss sich ja einigen, wer mit anderen um die Wette rasen will. Schnell und tief lassen sich freilich noch präzisieren: Die 29 Piloten, die dieses Jahr in der Unlimited Class, das ist so etwas wie die Königsklasse, gegeneinander antreten, dürfen nicht tiefer hinab als etwa 15 Meter. So hoch sind die Pylone, Holzmasten mit gestreiften Wellblechtonnen an der Spitze, die Wendemarken des Kurses. Die Regel hat den Charme einer Anweisung für Duellanten im O.K. Corral: Die Augen des Piloten dürfen nicht unter das Niveau der Mastspitze geraten. Eine Grenze nach oben gibt es auch. Doch wie Regel Nummer eins ahnen lässt: Wer schon ein paar Meter höher fliegt, hat wahrscheinlich ein Problem und sich in sicheren Luftraum verzogen. Pylon Guards am Fuße der Masten ein begehrtes Ehrenamt, das nur Auserwählten übertragen wird wachen über die Einhaltung der Regeln. Sie haben den besten Platz am Boden und können sehen, wie die Flieger am Knüppel schwitzen die besten berühren fast den Pylon. Das Fliegen in Reno ist Knochenarbeit. Und eine Sache allerhöchster Konzentration. Der kleinste Steuerfehler kann tödlich sein in Bodennähe und bei Geschwindigkeiten, die an der 800-Stundenkilometer-Marke kratzen. Wer also geglaubt hat, NASCAR-Boliden oder gar die Formel 1 seien in Sachen Rundstreckentempo das Äußerste, hat keine Ahnung. Schneller als in der Unlimited geht's bloß noch im Düsenjäger. Theoretisch. Jets sind in Reno seit 2002 dabei aber im engen Rundkurs langsamer als die Propellermaschinen. Wem das alles immer noch zu fix ist, der darf sich bei den Rennen der fliegenden Formel 1, der Doppeldecker und der T-6-Trainer erholen, bei Weltrekordversuchen im Trudeln, während der Pilot kopfüber in den Gurten nach unten hängt, bei Staffelkunstflug und Vorführungen der Wing Walker doch, die machen genau das, wonach es klingt.
Doppeldecker-Piloten haben nach eigenem Bekunden den doppelten Spaß, die Formula-one-Maschinchen scheint die erste Bö hinter die nahen Berge pusten zu können, und die alten aber genauso schamlos bis an die Schmerzgrenze frisierten Schulflugzeuge vom Typ T-6 schnattern mit dem feinen Überschallgeknall an den Spitzen der Propellerblätter, dass es eine Art hat. So richtig spektakulär, so richtig laut, so richtig schnell und so richtig scharf aber sind nur die Propellerrenner der Unlimited Class durchweg ehemaliges Mordwerkzeug. Gebaut wurden die Flugzeuge allesamt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und kurz danach, als die Ingenieure aus der Kombination Flugzeug plus Kolbenmotor plus Propeller so ziemlich alles herausgeholt hatten, was machbar war und praktisch auch bis heute ist. Mit einem gewissen Spielraum, diesmal nach oben: Aus dem mit serienmäßig rund 1500 PS nicht gerade schmächtigen legendären Merlin-V12 von Rolls-Royce quetschen gewiefte Mechaniker in Reno fast das doppelte heraus. Cockpithauben schrumpfen zugunsten der Windschlüpfrigkeit zu Klarsichthöckern, die kaum dem Kopf des Piloten Platz zu geben scheinen, und von einer Tragfläche lässt sich so lange Stück für Stück wegnehmen, wie das Ding sich noch aus eigener Kraft vom Boden lösen lässt wenn nicht gleich, wie schon einmal geschehen, einer Mustang gleich ein Learjet-Flügel wächst. Mustangs Militärname P-51 bilden nach wie vor die größte Population der Unlimited-Gattung. Im Zweiten Weltkrieg ließen die USA derart viele dieser Hochleistungs-Langstreckenjäger zum Schutz der alliierten Bomberflotten bauen, dass schlicht dank schierer Masse heute immer noch einige da sind. Außerdem hat es im Land an einem nie gefehlt: Platz. So war es wohl nur zwischen Atlantik und Pazifik möglich, dass sich Flugbegeisterte nach 1945 zum Kleinwagenpreis veritable Kampfflugzeuge aus den prallen Arsenalen kauften, um damit aus Jux und Dollerei am Himmel von beispielsweise Montana umherzukariolen. Und weil sich daran irgendwie gar nicht so viel geändert hat, und sich die 20er- und 30er-Jahre-Mode Luftrennen auch nur in den USA gehalten haben, gibt es Reno und die Air Races. Klassische Gegner der Mustangs in Reno sind etliche Hawker Sea Fury, immer ein paar Bearcats der Dauerrivale des Rekordsiegers Bill "Tiger" Destefani auf P-51 "Strega" etwa ist "Rare Bear" , gelegentlich eine Corsair oder gar eine der wirklich seltenen Super Corsairs und in den vergangenen Jahren immer wieder Ex-Sowjets der Marke Jakowlew. Die haben sich reiche Amerikaner teils auf noch existierenden Originalmaschinen im heutigen Russland nachbauen lassen. Das am Rande zu den Kosten, die so ein Rennteam zu stemmen hat. Flugzeugrennen sind ein Millionärsspiel, trotz Sponsorengeldern zumindest für die Erfolgreichen. In der Teilnehmerliste stehen bestbezahlte Ärzte und Juristen, reichgewordene Airline-Piloten und dieses Jahr ein Astronaut. Curt Brown hat Space-Shuttle-Erfahrung und bringt Destefanis "Strega" nach längerer Pause wieder an den Start.
Außerdem im Rennen ist diesmal wieder ein Vertreter der raren Rennflugzeug-Spezies Zweimot. Die Grumman Tigercat besteht fast ausschließlich aus den beiden enormen Sternmotoren, die den filigranen lanzettförmigen Rumpf in die Mitte nehmen und zu sagen scheinen: Halt Dich mal ganz fest jetzt, es geht vorwärts. Mit mehr als einem Motor ist in Reno ansonsten eine Lightning angetreten, und man erzählt sich die Geschichte vom Piloten einer viermotorigen Douglas-Verkehrsmaschine, der auf die Cola im Cockpit nicht verzichten mochte und daher enge Jagdeinsitzer für zu wenig stilvoll hielt. Legenden gibt es reichlich, fest steht hingegen das Ritual des Starts. Und das geht so: Erst bringen die Teams in den Boxengassen, die eher den Namen Boulevards verdienen und eigentlich auch keine Boxen haben, die Renner ans Laufen. Allein das ist schon die Reise wert: Zu sehen, zu hören, zu schnuppern und im Zwerchfell zu spüren, wie in jeweils mindestens zwei Dutzend Litern Hubraum aufs Delikateste angesaugt, verdichtet, gezündet und vor allem ausgepufft wird. Dann rollen die Boliden ballernd, schmatzend und brabbelnd zur Startbahn im Zickzack, weil die Piloten an den hochaufragenden Nasen der Renner nicht vorbei nach vorn blicken können. So fahren sie in Schlangenlinien und spähen abwechselnd links und rechts vorbei am Rumpf. Erst wenn beim Start das Heck sich hebt, ist der Blick wieder frei. In der Luft freilich geht er dann wieder schräg nach vorn und nach unten. Zur Erinnerung: Fly low, turn left das heißt, stets den sehr, seeehr nahen Boden im Auge behalten und das die meiste Zeit im Kurvenflug. Nach dem Start sammelt sich das Feld im Rücken der Zuschauer, und es bekommt Gesellschaft: Ein Mitglied der Renn-Organisation, dieses Jahr wird das wieder der Reno-Veteran Steve Hinton sein, setzt sich im Pace-Plane an die Spitze. Meist ist das ein Düsenjäger der ersten Generation, also genauso alt wie die Renner, vor allem aber schnell genug, um nicht von ihnen überholt zu werden. Damit am Boden auch keiner verpasst, was nun passiert, hat der Lockheed-Jet Raucherzeuger an den Flächenspitzen. Er führt die Meute in Richtung der Rennstrecke, dann verstummt die ansonsten selten schweigende Lautsprecheranlage am Boden und die Menge, die sich wie auf Befehl längst umgedreht hat, hört über den Bordfunk der Lockheed "Shooting Star" die magischen Worte: "Gentlemen, you have a race!"
Was dann folgt, ist ein einziges Fest der Geschwindigkeit, der Kraft klassischer Verbrennungsmaschinen, die aus ihrem Arbeitsprinzip alles andere als ein Geheimnis machen, des Nervenkitzels und des herrlich unkorrekten Blödsinns, den alle Beteiligten, und das sind beim "Gold Race" locker Zehntausend, in unbekümmerter Übereinstimmung nur noch grandios finden. Das gute Dutzend mit seinen insgesamt vielleicht 30.000 Pferdestärken senkt die Nasen, peilt eine Seite des annähernd 13 Kilometer messenden Ovals an und nimmt, kaum zu glauben, noch einmal richtig Fahrt auf. Das Grummeln von eben wird zum vielstimmigen Brummen und Donnern, verkümmert ganz im Hintergrund vor der weit entfernten Bergkulisse zum Summen und schwillt dann langsam wieder an. In den scharfen Gesang der Rolls-Royce-Zwölfzylinder und das Wummern des Riesensterns von "Rare Bear" mischen sich die kernigen Sternmotoren der Konkurrenz, wenn das Feld immer schneller das "Valley of speed" hinaufschießt, um linkerhand scharf in die Gerade direkt vor den Tribünen einzubiegen. Ein Wimpernschlag, ein akustischer in den Magen, und schon ist wieder alles vorbei. Manche jubeln, manche halten sich die Ohren zu, aber keinen lässt das kalt. Wer übrigens jene Star-Wars-Episode gesehen hat, in der Klein-Anakin das denkwürdige Pod-Rennen durch die Wüste gewinnt, hat schon etwas Reno-Luft geschnuppert. Das dumpfe Wummern des rasenden Gefährts imitiert ganz offensichtlich den satten Schlag des langsam drehenden Sternmotors mit dem monströsen Propeller von "Rare Bear". Wer dann am Ende und nach etwa acht Minuten gewinnt, ist fast schon egal. Mit Glück und Können haben alle überlebt, und die Menge hat ihr Spektakel gehabt. Manchmal geht es allerdings schlimm aus, und dann hat schon eine kleine Panne tödliche Folgen wenige Meter bis zum Boden sind nicht gerade eine Sicherheitsreserve, wenn der Motor ausfällt und die tonnenschwere Maschine wieder schutzlos der Schwerkraft ausgesetzt ist. Die meisten schaffen es, hochzuziehen und bestenfalls zu landen, andernfalls auszusteigen, sobald das Flugzeug hoch genug gestiegen ist. Immer wieder aber kommen Piloten ums Leben, etwa 1999 der der "Miss Ashley II", jener Mustang mit dem Learjet-Flügel. Auf dem besten Weg, Seriensieger Destefani den Thron streitig zu machen, verlor die "Miss" Teile des Leitwerks, und die Maschine bohrte sich vor den Augen des Publikums in den Wüstensand. Gary Levitz hatte keine Chance.
Im Guten wie im Bösen jedermann ist überall nah dran in Reno. Einen parc fermé oder abgeschottete Boxen gibt es nicht, wer etwas mehr Eintrittsgeld zahlt, darf praktisch überall hin. Wenn es nicht gerade kurz vorm Rennen ist, erzählen die Teammitglieder vom Eigner über die Piloten bis zu den Mechanikern gern die tollsten Geschichten. Flatterband reicht zum Absperren des Allerheiligsten um die glänzenden Rennmaschinen. Im Gegenteil: Im Schatten der Tragflächen machen die Leute von "Strega", "Voodoo", "Miss America", "Czech Mate" und "Dreadnought" glänzende Geschäfte. Kappen und Schlüsselanhänger, Tassen und T-Shirts mit den Logos und Bildern der Favoriten gehen weg wie warme Semmeln. Draußen hinter den Tribünen blüht während der Renntage der Handel mit weiteren Devotionalien. Seit Jahren ein Schlager sind CDs mit nichts als schierem Fluglärm, den hier freilich keiner so nennen würde. Wie Opernfreunde lauschen die Afficionados dem Klang von Merlin-Reihen- und Pratt&Whitney-Sternmotoren, hören mit Kennermiene den Zieldurchflug des "Gold Race" 2002 heraus. Allerbestens verkaufen sich auch Drucke von Flugzeugbildern, klassisch in Öl gemalt. Darunter immer wieder Luftkampfszenen aus dem Zweiten Weltkrieg, als die Mustangs noch Begleitschutz über Deutschland flogen. Damit muss sich der Besucher aus dem "alten Europa" gleich abfinden: Dass so ein alter Propellerkrieger vielleicht einst aus allen Rohren gefeuert hat, macht ihn für die meisten noch viel interessanter. 1997 etwa gab es einen nachgestellten Angriff auf Pearl Harbor mit reichlich Blitz und Knall und Feuer, und das Motto auf dem Rennplakat lautete: Zweiter Weltkrieg nur für den Fall, dass Sie das Original verpasst haben. Macht alles nix. In wes Blutbahn auch nur ein Tropfen Benzin zirkuliert, des Herz schlägt angesichts der rasenden Meute eindeutig im Viertakt und mit Turboaufladung. Und das Schönste: Niemand muss in Reno erst umständlich Regeln lernen. Das kapiert jedermann: "Fly low, go fast, turn left." Und wer als erster an den Tribünen vorüberdonnert, hat gewonnen. Näheres unter www.airrace.org.
(Text: Jost Neßhöver) |
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||