|
|
|
|
Honda Civic Type R: Drehorgel mit Biss
05.04.2007
Der Honda Civic betrieb bisher Etikettenschwindel. Er sieht aus wie das Landemodul des Raumschiffs Enterprise, aber die Motorenpalette bot nur Durchschnitt. Seit dem 31. März ist das nun anders: Der Civic Type R mit 2-Liter-Motor liefert stattliche 148 kW/201 PS ab. Das tut er zudem in honda-typischer Manier über die Drehzahl: Bis 8000 1/Min darf gedreht werden. Damit ist klar: Hier handelt es sich nicht um ein Drehmomentmonster, das schon bei niedrigen Drehzahlen kräftig zieht, nach oben hin dann aber genauso kräftig abbaut. Hondas Type R hat einen reinrassigen Sportmotor bekommen. Damit der Käufer nun nicht von einer spitzen Leistungscharakteristik überfordert wird, hat Honda dem Vierzylinder einen alltagstauglichen Charakter mitgegeben. Eine elektronische Drosselklappe sorgt für spontanes Ansprechen, zwei Ausgleichswellen halten Schwingungen fern. Im unteren Drittel des Drehzahlbereichs gibt sich der Motor ausgesprochen zivil. Er hängt sauber am Gas und stellt genug Leistung bereit, um auf dem Weg von Einkaufen eine ruhige Fahrweise zu ermöglichen. Immerhin stehen ab 3000 1/min schon 180Nm Drehmoment bereit. Ab etwa 4000 1/Min, einem Drehzahlniveau, das 90% aller Autofahrer höchstens bei höherem Tempo auf der Autobahn überschreiten, kommt Leben auf. Mit deutlich erhöhtem Lärmpegel geht es druckvoll nach vorne. Wer dann den Mut und die Selbstüberwindung aufbringt, auch noch die 6000er Marke zu überschreiten, wird mit Sound und kräftigem Vortrieb belohnt. Ab geht die Post, Überholmanöver auf der Landstraße bekommen Suchtcharakter. Man beginnt, nach Opfern zu suchen.
Auch das Sechsgang-Schaltgetriebe trägt zum Lustgewinn bei. Eigentlich brauchte man die sechs Gänge ja nicht, da das nutzbare Drehzahlband ausgesprochen breit ist. Aber da ist halt der Spaß am Drehen und Schalten. Hoch bis an den Begrenzer und dann auf kurzem Weg den nächsten Gang reingeschoben - neue Hochleistungs-Synchronelemente und exakt arbeitende Schaltmechanismen ermöglichen schnelle und präzise Gangwechsel. Das Getriebe besitzt am ersten und zweiten Gang eine Dreifachkonussynchronisation, um eine schnelle Drehzahlanpassung zu erreichen. Und wenn das Ortsschild nach einer reduzierten Geschwindigkeit ruft, dann sorgen die großen 300mm-Bremsscheiben an der Vorderachse für schnellen und sicheren Abbau des Speeds. Wie gut, daß das Renn-Ei auch noch willig einlenkt und kurvengierig ist. Die Lenkung ist leicht, mit guter Rückmeldung und präzise. Das Fahrwerk trägt der Leistung Rechnung. Der Wagenkörper wurde 15mm tiefer gelegt, die Feder- und Dämpfereinstellungen gerieten straffer und die Spur hinten ist um 20 Millimeter breiter. Dämpfer, Federn und Lager wurden speziell für den Type R angepasst. Um die Kurvenhatz vollends zur Freude werden zu lassen, wurden darüber hinaus Extra-Verstärkungen am Bodenquerträger direkt vor dem mittig angeordneten Kraftstoffbehälter, an den oberen Radaufhängungselementen und am unteren Querträger im Motorraum-Bereich angebracht. Eine Sänfte ist der Civic Type R nicht, aber er ist auch nicht so hart, daß man um die Bandscheiben Angst haben müsste. Insgesamt ist der Fahrwerkskomfort so, wie man ihn bei bei der sportlichsten Version einer Baureihe erwarten darf: je schneller, desto besser. Bei langsamer Fahrweise neigt der Wagen zum Nicken, läßt man die Fuhre laufen, fliegt er über die Unebenheiten. Wie heute üblich, gibt es alle erdenklichen elektronischen Mitarbeiter, die den Fahrer zur Not retten, wenn er sich etwas überschätzt hat - und wie es sich für einen richtigen Sportwagen gehört, läßt sich das Fahrstabilitätsprogramm auch abschalten, wenn es denn mal ein Drift werden soll. Für Ungeübte ist das allerdings weniger zu empfehlen.
Die Fahrleistungen sind ausreichend - für jede erdenkliche Verkehrssituation. Den 100 km/h Sprint absolviert der Civic Type R in 6,6 Sekunden und erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 235 km/h. Damit kann er gut im Wettbewerb der Sportlimousinen mithalten. Egal ob Focus ST, Golf GTI oder Opel OPC, wirklich wegfahren kann keiner, trotz teilweise deutlich höherer Leistung. Warum? Der Type R ist ein Leichtgewicht, zumindest nach 2007er Maßstäben, 1338kg bringt er vollgetankt auf die Waage. Wem das nicht reicht, dem stellt Honda auch eine speziell für den Renneinsatz optimierte Leichtbauversion auf den Hof. Zur Gewichteinsparung entfallen unter anderem die Klimaanlage, die Audioanlage, die hintere Gepäckraumabdeckung, die untere Motorraum-Abdeckung und Geräuschdämmmaterial. Die abgespeckte Version bringt weitere 40 Kilogramm weniger Gewicht auf die Waage. Der Spritverbrauch soll bei 9,1l auf 100km liegen, wenn man sich zurückhält und die Drehfähigkeit nicht an jeder Ampel ausnutzt. Das Tankvolumen von 50 Litern sorgt immerhin für regelmäßige Entspannungspausen.
Bei der Außengestaltung war Honda zurückhaltend. Klar, schon das fünftürige Basismodell sieht schnell und bissig aus. Die Sportversion wird als Zweitürer geliefert, die größere Tür und das sich stark verjüngende hintere Seitenfenster formen mit geänderten hinteren Seitenteilen eine Coupé-Linie. Ein größerer Spoiler im Knick der Heckscheibe, neue Front- und Heckschürzen, neue Schweller und 18-Zoll-Räder setzen den Type R von der Civic-Masse ab. Zudem ist der Type R mit großen, dreieckigen Nebelscheinwerfern versehen, die die Form der großen Auspuffrohre am Heck aufnehmen. Übersichtlichkeit ist keine Stärke des Civic. Besonders der Heckspoiler im Rückfenster stört ganz gewaltig, und die Sicht nach schräg hinten ist auch nicht besonders gut. Aber wozu auch, im Type R geht der Blick ja nach vorne.
Der Innenraum baut auf dem des Fünftürers auf, wurde aber zur Abgrenzung von der langsameren Verwandtschaft aufgewertet. Über dem zentralen Rundinstrument mit Drehzahlmesser und einem Display für Daten aus dem Bordcomputer ist, fast wie bei einem Headup-Display, ein weiterer Bildschirm montiert, der oberhalb des Lenkradkranzes direkt im Blickfeld des Fahrers die wichtigsten Informationen darstellt. Die rot unterlegten Instrumente sind gut ablesbar und sehen, zusammen mit den in einer zum Fahrer orientierten Kanzel, wie das Control board eines kleinen Raumschiffs aus. Schön, und nach kurzer Eingewöhnung funktionell und übersichtlich. Das Lenkrad, mit einem Bezug aus perforiertem Leder und mit roten Nähten abgesteppt, ist in der Höhe und Weite verstellbar. Die schwarzen Schalensitze mit Alcantara-Bezug mit roten Steppnähten bieten guten Seitenhalt und eine ausgezeichnete Sitzposition, wenn die Beine nicht allzu lang sind. Dann nämlich wünscht man sich längere Sitzflächen. Die Kopffreiheit ist gut. Hinten sind die Platzverhältnisse auch für zwei Erwachsene ausreichend, aber der Zugang ist konzeptbedingt mit einer Turnübung verbunden und die kleinen hinteren Fenster sorgen für eine abgedunkelte zweite Reihe. Selbst als Transporter für den Wochenendeinkauf wäre der Type R geeignet, denn das Kofferraumvolumen bewegt sich je nach Stellung der Rücksitze zwischen 456 und 1352 Liter. Allerdings schränkt die Zuladung die Möglichkeiten dann doch ein, 362kg sind eher mager. Unter dem ebenen Kofferraumboden befindet sich ein zusätzliches Staufach, das ein Fassungsvermögen von 70 Litern bereithält - Laptop, Fotoausrüstung oder andere teure Gegenstände sind hier vor neugierigen Blicken geschützt. Der Civic Type R hat mit seinen schwächeren Geschwistern die Grundform der Karosserie gemeinsam - und sonst nichts. Er ist eher der kleinere und praktischere Bruder des S2000. Mit seinem höheren Verbrauch, seiner reduzierten Zuladung und dem speziellen Sound ist er vielleicht nicht besonders vernünftig - aber wen kümmerts? Spass macht er!
(Text: Dieter Roßbach )
Verwandte Themen:
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||