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Aktualisiert am 07.09.2010
© 2010 virto GmbH
Dodge Caliber: Vollautomatischer Mini-Truck mit Aquariumsbeleuchtung

01.08.2007

Dodge Caliber
Glaubensfrage: Eine feste Burg ist unser Caliber. Sehr viel massiver und auch ein klein wenig aggressiver als das Gros der Konkurrenz kommt selbst in lieblicher Landschaft der kleine Dodge daher..
Doppelpfeil

"Mann, ich kann nicht glauben, dass da was nicht mit dem Motor stimmt. Das isn Dodge, Mann, die bauen gute Motoren. Haben sie immer gebaut." Schlimmstenfalls sei etwas mit dem Keilriemen nicht in Ordnung, sagt der irrsinnig hagere junge Mann, der eine Latzhose trägt, die so ölverschmiert ist wie sein Gesicht und seine Hände. Es regnet Bindfäden, und der Schirm seiner Trucker-Kappe ist viel zu schmal, um die Kippe in seinem linken Mundwinkel trocken zu halten. Macht nichts, er qualmt und redet und qualmt in den gesteckt vollen Motorraum des Dodge Caliber hinein, der immer nasser wird wie die feingestreifte und ölgetränkte Zwillich-Hose, die aus einem Dreißiger-Jahre-Film zu stammen scheint, und das einst weiße T-Shirt.

Es ist nicht zu glauben, dass dies der Oktober 2006 ist, dass der Dodge vorgestern im kanadischen Vancouver gemietet wurde, das dies ein schlichter verregneter Nachmittag an einer Tankstelle auf Vancouver Island in einem Ort namens Tofino ist, den Touristen besuchen und vor allem Surfer. Der hilfsbereite Kettenraucher, der zwischen 16 und 36 Jahren alt ist und noch viel älter aussieht und irgendwie doch wie ein Teenager, kommt aus dem Dunst herbeigeeilt, in dem sich ganz bestimmt eine Halle verbirgt, in der die paar Ortsansässigen natürlich an Dodges herumschrauben, mächtigen Pickup-Trucks mit gewaltigen Achtzylindern.

Völlig egal, der nagelneue weiße Caliber mit dem Touristenpärchen ist die volle Aufmerksamkeit wert. "Nein, Mann, die Nockenwelle kann das nicht sein. Sieh mal, das isn Dodge, Mann." Als hätten die keine Nockenwellen. Jedenfalls wird auch so ein neumodischer Vierzylinder da nicht einfach klein beigeben, solange bloß der Widder auf dem Kühler prangt. Die Hauptstadt Victoria mit der nächsten Werkstatt ist schlappe drei Stunden entfernt. Keine Distanz selbst für ein völlig kaputtes Auto. Am Ende ein lässiges Grinsen. "Genießen Sie Ihren Urlaub, Sir, wenn was sein sollte, können Sie immer noch in Victoria in die Werkstatt, ist bloß'n Mietwagen, oder?"

Dodge Caliber
Fern, schnell, gut: Durchaus leichtere Lieferwagenqualitäten besitzt der Caliber dank großer Klappe sowie reichlich Sitz- und Stauraums.
Doppelpfeil

Yo, Mann, ein Mietwagen. Und die Gelegenheit, den Caliber sozusagen in freier Wildbahn zu testen. Dafür taugt Vancouver Island, weil es ausreichend wild ist und weil es dennoch nirgends wirklich weit weg ist von der Zivilisation und es genügend Städte und Dörfer gibt – denn im Grunde ist der neue Kompakte kein Auto für den Ritt in die Wälder, eher die amerikanische Interpretation des Themas Golf.

Eine ziemlich coole Interpretation. Gebucht war etwas vom Kaliber eines sehr kompakten Daewoo, längst Chevrolet. Schön, Hauptsache Platz für zwei Koffer und die Fototasche. Dann die Überraschung im Parkhaus der Vermietung. Aufs Signal des Fernbedienungsschlüssels hupt die feste weiße Burg in der Ecke, es ist der Dodge. Jetzt bloß nichts falschmachen mit neuem Auto in ganz fremdem Land. Der kürzlich aus Ghana eingewanderte Angestellte interpretiert das unerprobte Touristenenglisch als völlige Ahnungslosigkeit und erklärt dem Alten Europäer die Automatik. Der blöde Touri hat aber bloß Angst vor Alarmanlagen, die womöglich losgehen, wenn er sich ganz legal dem Auto nähert. Die Angst ist berechtigt, das merkt er allerdings erst zwei Ampeln nach der Ausfahrt aus dem Autovermietungs-Parkhaus, als beim zügigen Beschleunigen die Panikschaltung auslöst. Mit vernehmlichem Klacken macht der Caliber dicht, die Zentralverriegelung hat zugeschlagen.

Macht immer noch nichts. Der Dodge ist eine Art Van oder Truck im Kleinen. Wie stets, wenn man vom Schaltgetriebe auf Automatik wechselt, ist da gleich diese Gelassenheit. Bloß noch blinken und gasgeben. Das Gepäck hat hinter der großen achteren Klappe Platz genommen, wir vorn, auf der Rückbank scheint Raum für locker vier zu sein. Ansonsten ist alles da, wo es zu sein hat. Es fehlt das Schiebedach, vor allem in dieser – tschuldigung, ist so – atemberaubend schönen Landschaft.

Dodge Caliber
Hochsitz: Kommodes Fortkommen ist stets drin dank aufrechter Haltung hoch überm Asphalt. Ärgerlich, aber leider zeittypisch sind bloß die dicken Säulen und die schmalen Fenster..
Doppelpfeil

Da hätten wir auch das größte Manko des Caliber. Er teilt es mit vielen modernen Autos: Die Dachsäulen sind einfach zu dick. Wer vor der Kreuzung steht, sieht bloß nach vorne gut und mit Glück auch nach hinten. Links und rechts vorn versperren die massiven A-Säulen den Blick. So kommod es auf gerader Strecke vorangeht, an jeder Ecke bedarf es massiver Verrenkungen, will man sehen, ob von links oder rechts Konkurrenz ums Vorfahrtrecht naht.

Der Rest ist gleiten – namentlich auf den fantastischen Straßen British Columbias und vor allem jenen auf der Vancouver-Insel. Frost gibt es dort eher selten, der Asphalt ist überall makellos, das Wetter eher britisch. Wie sagte doch der aus dem Iran stammende Taxifahrer? Es gibt hier zwei Jahreszeiten – mal regnet es, mal regnet es etwas mehr. Seit ein paar Tagen scheint nun aber die Sonne, und den Wischerhebel werden wir suchen, wenn es so weit ist.

Der Caliber ist am Ende auch nur irgendein modernes Auto. Er macht aber ein bisschen mehr Freude. Das liegt zunächst daran, dass die Insassen erfreulich hoch sitzen. Wer darüber hinwegsieht, dass Tom und Dick und Harry Normalverbraucher aus USA immer noch nicht allzu viel Wert auf schickes Interieur legen, mag auch mit dem vielen Hartplastik leben. Immerhin findet sich Stauraum satt, das Handschuhfach ist groß, Becherhalter gibt es ohne Zahl.

Dodge Caliber
Willkommen im Aquarium: Gewöhnungsbedürftig, weil leicht gespenstisch ist die Unterwasserstimmung, wenn die Armaturen beleuchtet werden. Ansonsten herrscht nirgendwo Raumnot im Innern.
Doppelpfeil

Wir sind es gewohnt, eher die französische oder die italienische oder vielleicht auch eine fernöstliche Spielart der Kompaktwagenklasse mit dem zu vergleichen, was hierzulande als Golf den Käfer ablösen musste. Der VW-Bestseller hat vielleicht nicht viel Klasse, aber er ist nun einmal eine. Was tun also mit einem Golf, der nicht als Exportwagen die Pazifikküste erreichte, sondern vom amerikanischen Kontinent stammt? Fahren. Einfach fahren. Platz nehmen hinter Türen, die ihren Namen verdienen. Kaffeebecher abstellen in Mulden, die notfalls für die jenseits des Atlantiks üblichen Gallonengebinde Coke taugen. Freude haben am kernigen Äußeren des Dickschiffs mit dem kleinen Vierzylinder. Staunen über die bemerkenswerte Unterwasserstimmung, hat man erst einmal in der Dämmerung mit den Scheinwerfern – die übrigens durchaus wildnistauglich sind – die Aquariums-Innenbeleuchtung aktiviert.

Irgendwann und irgendwo bei Tofino klappert es dann vorn beim Beschleunigen. Oder vielleicht klingelt es doch eher? "Klickediklickediklick" reicht zur Beschreibung des Phänomens, der hagere Bursche in Tofino schiebt die Kippe vom linken in den rechten Mundwinkel und beginnt den Tauchgang in den Caliber-Motorraum – sorglos, ist ja'n Dodge. Mann. Das Klappern war dann irgendwann und irgendwie einfach weg. Der Dodge paar Tage später auch. Letzter Ferientag. Schade. Feines Auto. Und wirklich mal was anderes.

(Text: Jost Neßhöver)
(Fotos: Jost Neßhöver/Dodge)

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