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Penang, Malaysia: Eine Stadt für Geister und andere Gourmets
20.11.2010
Die Insel Penang vor der Westküste Malaysias ist nicht nur wegen ihres bunten Völkergemischs faszinierend, sondern vor allem wegen ihrer vielfältigen Küche. Kevin lässt noch einen Krapfen genüsslich in seinem Mund verschwinden. Auch den europäischen Besuchern am Nebentisch bietet er einige der mit Bohnenpaste gefüllten Süßigkeiten an. Das Geschenk kommt an, und nach einem netten Gespräch bietet Kevin für den Abend einen Streifzug über die Nachtmärkte an - Ausgehen, Feiern und vor allem gutes Essen stehen in Georgetown ganz oben auf der Prioritätenliste. Doch zuvor sollen die Geheimnisse der Stadt erforscht werden. Kevin ist stolz darauf, auf der Insel Penang zu leben, deren einzigartige Atmosphäre und reiches kulturelles Erbe Besucher aus aller Welt anlockt. Penangs Geschichte, erläutert Kevin, beginnt im Jahr 1786, als die East India Company dem Sultan von Kedah die unbewohnte Insel vor Malaysias Westküste abkauft. Das nach dem Prinzen von Wales benannte Georgetown wird – noch vor Singapur – als erste britische Siedlung an der Straße von Melaka gegründet. Schon bald entwickelt sich der Freihafen zu einem wichtigen Umschlagplatz für Tee aus dem malaysischen Hinterland, Nelken und Muskatnuß von den Molukken, Porzellan aus China, Pfeffer aus Sumatra und Stoffe aus Indien. Händler, Emigranten und Flüchtlinge machten Penang im Laufe der Jahrhunderte zu dem lebenslustig-bunten multikulturellen Schmelztiegel, der die Insel für Reisende heute so faszinierend macht. Rund um den Padang, den großen Platz an Georgetowns Uferpromenade, sind die kolonialen Ursprünge der Stadt noch lebendig. Hier stehen die St George´s Church, die älteste anglikanische Kirche Südostasiens, das eindrucksvolle Penang Museum (einst ein Schulgebäude) und das imposante Rathaus mit seinen eleganten Portikos. Durch den Park, der zwischen den Ruinen des britischen Forts Cornwallis angelegt wurde, flanieren chinesische Geschäftsleute in Anzug und Krawatte, kichernde malaiische Mädchen in Schuluniform und Kopftuch, Eltern mit Eis schleckenden Kindern, Touristen und junge Liebespaare, die sich verstohlene Blicke zuwerfen, alles unter den gestrengen Augen der Alten, die das Geschehen von der Parkbank aus beobachten. Ein besonderes Zeugnis der britischen Ära ist das nahe gelegene Eastern & Oriental Hotel, erbaut 1884 von den Sarkies-Brüdern, den Inhabern des legendären Raffles Hotels in Singapur. Der weiß gestrichene Palast ist eine Reminiszenz an die Kolonialzeit, mit gediegener Empfangshalle, Pagen mit Knickerbockern und Tropenhelm, Original-Stilmöbeln und Butler-Klingeln in den Zimmern. Vom Rathaus aus führt ein kurzer Spaziergang in eine andere Welt. Am Ende der King Street liegt Little India, "eine südindische Kleinstadt mitten in Malaysia", wie Kevin es treffend ausdrückt. Die Inder, Nachfahren einstiger Händler und Gastarbeiter in Malaysias Zinnminen, bilden neben den Malaien und Chinesen die dritte große Volksgruppe des Landes. Hier eilen in bunte Saris gekleidete Frauen über die Straße, aus den Läden dringt Bollywood-Filmmusik, in der Luft liegt der Duft von Sandelholz und Gewürzen. Gekrönt wird die Farbenpracht des Straßenbildes vom grellbunten und mit zahlreichen Götterstatuen verzierten Turm des Sri Mariamman-Tempels, dem größten der zahlreichen Hindu-Tempel Georgetowns. Einmal jährlich findet hier das Thaipusam-Fest statt, an dem sich 600.000 Pilger zu einer prunkvollen Prozession auf den 10 km entfernten Penang Hill einfinden. Auch Kevin ist jedes Jahr dabei, obwohl er kein Hindu ist – hier in Penang sind Animositäten zwischen den Religionen unbekannt. Die Chulia Street, die das indische Viertel begrenzt, ist die zentrale Achse des historischen chinesischen Stadtteils. Erneut wandelt sich die Atmosphäre: In Chinatown schmiegen sich ehrwürdige Handelshäuser mit pastellfarbenen Stuckfassaden und schattigen Arkadengängen dicht aneinander. Von Wolle über Antiquitäten und traditionelle Arznei bis hin zu halb verrosteten Eisenwaren wird hier alles auch nur im weitesten Sinne Verkäufliche angeboten. Unter den Arkaden spielt man Schach oder Mahjong, vom Alter gebeugte Frauen dekorieren die Hausaltäre mit Früchten, am Straßenrand wird Gemüse verkauft und von einem nahe gelegenen chinesischen Tempel zieht der Geruch von Räucherstäbchen herüber. In Georgetown hat sich der authentische Charme Asiens erhalten, der in anderen Städten der Region durch die Hochglanzsanierung der Altstädte verloren gegangen ist. Wenn es Abend wird, erwacht die Stadt zu vollem Leben. In jeder Straße duftet es nun nach Gewürzen, frischen Kräutern und frittiertem Fisch. An verschiedenen Stellen sind Bühnen mit Musik und Tanz aufgebaut, die Restaurants, Bars und Clubs sind bis zum Bersten gefüllt. Die Chulia Street und die benachbarte Penang Road mit ihren zahlreichen Bars und Restaurants bilden die Hauptschlagadern des lebhaften Nachtlebens. "Die Küche der Insel Penang ist in ganz Malaysia bekannt", erklärt Kevin stolz, "und viele Leute kommen aus Kuala Lumpur für ein Wochenende hierhin, nur zum Essen". Die Feinschmecker müssen sich zwischen traditioneller malaiischer, chinesischer und indischer Küche entscheiden: Die drei großen Volksgruppen Malaysias haben ihre kulinarischen Traditionen bewahrt, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Doch auch Mischformen haben sich in Penangs multikulturellem Hexenkessel gebildet: in der Nyonya-(Großmütterchen)-Küche haben sich malaiische und chinesische Einflüsse vermischt, und indisches Fladenbrot mit Gemüsecurry taucht als "Roti canai" auf dem Frühstücksteller vieler malaysischer Haushalte auf.
Penangs eigentliche Delikatessen finden sich aber nicht auf den Speisekarten der Restaurants, sondern an den zahlreichen Ständen und Garküchen, die abends entlang der Straßen aufgebaut werden. Überall stehen dann Tische und Bänke auf den Gehwegen. Die Speisen werden fast immer frisch und hygienisch zubereitet, und wer mit gesundem Menschenverstand auswählt, geht in aller Regel kein Risiko ein. Die Chulia Street gilt als der beste Ort, um Dim Sum zu essen. Diese mit Schweinefleisch oder Krabben gefüllten chinesischen Krapfen heißen übersetzt "sie berühren dein Herz", und die dicht gepackten Sitzbänke sprechen dafür, dass daran etwas Wahres sein muss. Wenige Meter weiter, an der Penang Road, wird Nasi Lemak angeboten, "eigentlich ein typisches malaiisches Frühstück", wie Kevin anmerkt. Die würzige Mischung aus Anchovis, Erdnüssen, scharfer Sauce, Krabben, Eiern, langen Bohnen und Gurken wird zum Transport in ein Bananenblatt eingewickelt – eine umweltfreundliche Variante der Aluminium- und Polystyrol-Verpackung. Bei den Einheimischen besonders beliebt sind die "Food Courts", Nachtmärkte, auf denen bis zu 200 Stände die unterschiedlichsten Köstlichkeiten anbieten. Der Food Court an der Lorong Baru ist nur einen kurzen Spaziergang von Chinatown entfernt. Hier steht ein über und über mit kleinen Spießen beladener Wagen. Es gibt Gemüsespießchen, Spieße mit Tofu, Krabben, Fleisch und verschiedenen Fischsorten, die man in einen Topf mit kochendem Wasser und anschließend in Erdnußsauce taucht. Die Holzspieße sind farbig markiert, und je nach Preiskategorie zahlt man pro Spießchen zwischen 5 und 50 Euro-Cent. "Lok Lok" heißt diese malaysische Variante des Steamboat Dinners. Am Ende der Straße gibt es eine chinesische Spezialität der besonderen Art: gebratene Austern in einem üppigen Omelett – "ein absoluter Cholesterin-Schocker", wie Kevin stirnrunzelnd meint. Der weitaus größte Food Court der Stadt befindet sich drei Kilometer nordwestlich des Zentrums am Gurney Drive. Das weitläufige und abends dicht bevölkerte Areal ist der ideale Ort, um einen umfassenden Eindruck von der Vielfalt der lokalen Küche zu bekommen. Lange Reihen von fliegenden Händlern präsentieren auf mit Gaslampen beleuchteten Ständen ihre Ware, dahinter sind Sitzbänke aufgebaut, auf denen man das Erworbene in Ruhe verzehren kann. Auch hier gibt es typische chinesische Speisen wie Hokkien-Nudeln, getrockneten Tintenfisch oder Reispapierrollen mit Pflaumensauce und Sesam. Einige Stände weiter wird Laksa angeboten, ein Gericht aus der malaiisch-chinesischen Nonya-Küche, bestehend aus Reisnudeln mit Krabbenpaste, Gemüse und Sardinen. Zum Nachtisch stehen bunte Nonya-Küchlein zur Wahl, frittierte Bananen oder Rojak, ein Obstsalat mit einer süß-sauer-scharfen Sauce aus Tamarindensaft, Chilis und Palmzucker. Zurück in der Innenstadt wartet dann eine Überraschung: Mitten in der Nacht wehen Musik, Räucherstäbchenduft und der Geruch von Böllern durch die hell erleuchteten Gassen Chinatowns. Alle Einwohner Georgetowns scheinen sich hier versammelt zu haben. Die Stadt hat sich in einen Hexenkessel aus Musik, Feuerwerk, Lampions und Straßenparties verwandelt, es herrscht eine Atmosphäre, als würden Weihnachten, Sylvester und Karneval auf denselben Tag fallen. "Heute wird das Fest der hungrigen Geister gefeiert", erklärt Kevin den staunenden Besuchern. "Es symbolisiert die Verbindung von Leben und Tod, von Himmel und Erde. Jedes Jahr im August, am fünfzehnten Tag des siebten Monats im chinesischen Kalender, öffnen sich die Türen der Hölle und die hungrigen Geister der Verstorbenen bevölkern die Straßen der Altstadt auf der Suche nach Essbarem." In Penang sind offenbar selbst die Geister Feinschmecker. Kevin wühlt in seinen Taschen, schiebt sich noch einen Krapfen in den Mund und taucht in das bunte Völkergemisch ein. Anreise: Mit Singapore Airlines, Thai Airways oder KLM / Malaysia Airlines nach Penang, Hin- und Rückflug ab 830 Euro.
(Text: Falko von Ameln ) |
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