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Matra Prototypen: Projekt "Le Mans"
05.01.2009
Jean-Luc Lagardère, Besitzer und Kopf des französischen Raumfahrt- und Technologiekonzerns Matra, träumte Mitte der 1960er Jahre den Traum vom Sieg in Le Mans. Seit Lagardère 1964 die Firma von René Bonnet gekauft hatte, gab es in seinem Firmenverbund eine Automobil-Sparte, die unter dem Etikett "Matra Sports" firmierte. 1966 tat die Firma den ersten wesentlichen Schritt in den Prototypen-Rennsport: Der Matra MS 620, dessen Rohrrahmen mit einem auf zwei Liter aufgebohrten BRM-V8 Motor ausgestattet war, betrat die Szene. Nicht weniger als drei Autos, die mit den damals besten französischen Rennfahrern wie Jean-Pierre Beltoise, Henri Pescarolo, Jean Pierre Jaussaud oder Johnny Servoz-Gavin besetzt waren, wurden für die 24 Stunden von Le Mans gemeldet. Sie mussten sich den Porsche Carrera 6 jedoch deutlich geschlagen geben. Bemerkenswert war eine Version des 620, die für den traditionellen Le Mans-Vortest mit einem 4,7-Liter großen Ford-Motor ausgerüstet war. Hier blieb es beim Versuch. Für die 196er Saison wurde der 630 entwickelt, immer noch vom betagten BRM-Motor angetrieben, aber mit deutlichen Fortschritten bei der Karosserie. Flacher und länger, mit charakteristisch großen Lufteinlässen vor den Hinterrädern, zeigte er mit das fortschrittlichste Design seiner Zeit. Die Einsätze etwa bei den 12 Stunden von Reims oder den 24 Stunden von Le Mans waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Ende 1967 wurde wiederum ein Ford-Triebwerk montiert, um auszuloten, inwieweit das Rohrrahmen-Chassis eine deutlich höhere Leistung verkraften würde. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Bei den 1000 Kilometern von Paris auf dem Ovalkurs von Montlhery, im September ausgetragen, führte Pescarolos starker Matra-Ford lange vor dem Gulf-Mirage von Jacky Ickx, bevor er aufgeben musste. Zwischenzeitlich hatte man sich bei Matra an die Konstruktion eines Dreiliter-V12 gemacht, der sowohl im Langstreckensport wie auch in der Formel 1 eingesetzt werden sollte. Dieser Motor feierte 1968 beim 1000 Kilometer-Rennen im belgischen Spa seine Prototypen-Premiere. Beim Rennen in Le Mans konnte die Kombination überzeugen. Trotz erheblicher Probleme in der regnerischen Nacht die Scheibenwischer funktionieren nicht lag der Matra von Pescarolo/Jaussaud am Sonntagmorgen auf dem zweiten Platz. Ein Aufhängungsschaden verhinderte die Zielankunft. Um 1969 auf dem schnellen Kurs an der Sarthe an der Spitze mitfahren zu können, wurde der ehemalige Deutsch-Bonnet-Aerodynamiker Robert Choulet beauftragt, ein besonders strömungsgünstiges Coupé zu bauen. Dieses trug die Typennummer 640 und lehnte sich formal an den CD Peugeot von 1967 an. Dessen runde Formen, die stehenden Heckfinnen sowie die teilweise abgedeckten hinteren Radläufe finden sich auch beim Matra. Das Chassis hingegen entsprach weitestgehend dem des 630. Am 16. April 1969 erfolgte das erste Rollout in Le Mans mit Henri Pescarolo am Steuer: Nach wenigen Kilometern auf der Hunaudières-Geraden hob der 640 ab und wurde vollkommen zerstört. Pescarolo wurde mit schweren Verbrennungen aus dem Wrack gezogen. Die Erkenntnis aus dem kurzen Versuch war, dass das Auto auf den Geraden zwar sehr schnell war. Weil aber die Türen weich waren und heftig verwindeten, verformten sich deren obere Kanten und produzierten Auftrieb. Dies ließ das Coupé instabil werden und führte zu dem fatalen Abflug. Der 640 kam nie zum Einsatz, die Saison wurde mit dem bewährten 630 bestritten. Aber die Franzosen hatten ein neues Ass: Erstmal kam der Typ 650 zum Einsatz. Dieser Spyder besaß erstmals ein Monococque aus Aluminium und war von Bernard Boyer gezeichnet worden. Dieser neue Rennwagen spielte in der gleichen Liga wie die erfolgreichen Porsche 908, was sich in einem vierten Platz von Jean-Pierre Beltoise und Piers Courage in Le Mans manifestierte. Zum Saisonende bei den traditionsreichen 1000 Kilometern von Paris errang der 650 seinen ersten Sieg.
1970 kam dann der aerodynamisch weiterentwickelte MS 660 zum Einsatz. Dessen einziger Sieg wurde im Oktober von Jack Brabham und Francois Cevert wiederum auf dem Kurs von Monthlery eingefahren. Das interessantere Fahrzeug war jedoch ein kurzer 650er, der für die Tour de France Automobile präpariert worden war. Zwei Teams nahmen mit den Prototypen an der traditionsreichen Veranstaltung teil. Diese waren für die Straße zugelassen, hatten eine um zehn Zentimeter erhöhte Bodenfreiheit, einen verkleideten Unterboden sowie zwei Sitzplätze. Beltoise und Depailler gewannen 1970, und 1971 konnte das Team Gerard Larrousse/Johnny Rives den Erfolg wiederholen. 1971 war ein Jahr des Übergangs, in dem der MS 660 eingesetzt wurde. Dieser konnte jedoch keinen nennenswerten Erfolg einfahren. 1972 dagegen reichte es zum erhofften Le Mans-Erfolg: Der neue MS 670, der in diesem Jahr nur an der Sarthe antrat, errang einen Doppelerfolg gegen schwache Konkurrenz. Graham Hill und Henri Pescarolo hatten keine Mühe mit dem Sieg, denn die Dreiliter-Ferrari 312 PB hatten den Markentitel schon in der Tasche. Deshalb beschloss man in Maranello, nicht am französischen Langstreckenklassiker teilzunehmen. 1973 bestritt die französische Equipe die gesamte Markenweltmeisterschaft und konnte gegen Ferrari den Titel sowie das Rennen in Le Mans überlegen für sich entscheiden. Henri Pescarolo teilte diesmal den Erfolg mit Gerard Larrousse. Ende 1973 verabschiedete sich Maranello aus dem Prototypen-Sport und Matra konnte den 1974er Titel ohne große Probleme einfahren. Die Siege bei neun von zehn Rennen gingen auf das Konto der Franzosen, Zudem gewannen Pescarolo/Larrousse erneut in Le Mans. Hier kam auch die letzte Entwicklungsstufe, der MS 680 zum Einsatz: Dieser konnte allerdings das Rennen aufgrund von Motorproblemen nicht beenden. Nach zwei Weltmeistertiteln sowie drei Siegen an der Sarthe sah man bei Matra die Mission als erfüllt an man zog sich Ende 1974 aus dem Rennsport zurück. Allein der V12-Motor wurde noch einige Jahre in den Formel 1-Boliden von Guy Ligier eingesetzt.
(Text: Rainer Roßbach)
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